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So lebte man in SH um …
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Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (GSHG)

Andreas Ludwig Jacob Michelsen (1801-1881) prägte als erster Sekretär bis 1842 die Arbeit de Geschichtsgesellschaft. Die ehrenamtlichen Schriftführer sind seitdem die „Hauptarbeiter“ der Gesellschaft

Andreas Ludwig Jacob Michelsen (1801-1881) prägte als erster Sekretär bis 1842 die Arbeit de Geschichtsgesellschaft. Die ehrenamtlichen Schriftführer sind seitdem die „Hauptarbeiter“ der Gesellschaft

Am 13. März 1833 trafen sich 41 Männer im Haus des Kieler Advokaten Meyer Isaak Schiff. Sie diskutierten, wie es gelingen könne, die bis dahin brachliegende Geschichte der Herzogtümer zu erschließen. Sie beschlossen, die ‚Schleswig-Holstein-Lauenburgische Gesellschaft für vaterländische Geschichte’ zu gründen. Seit 1879 heißt sie ‚Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte’. Ziel der GSHG abgekürzten Gesellschaft ist das Publizieren. Über 175 Jahre befasst sie sich nun kontinuierlich damit, Quellen zu erschließen und Beiträge auf dem jeweiligen Stand der Wissenschaft zu veröffentlichen.

Alternative im Gehrock

Erster Präsident der Gesellschaft war der Rechtsgelehrte Niels Nicolaus Falck (1784-1850)

Erster Präsident der Gesellschaft war der Rechtsgelehrte Niels Nicolaus Falck (1784-1850)

Die Wiege der Gesellschaft steht in Kiel. Seit 1665 ist Kiel die Universitätsstadt nördlich der Elbe. Als nach der europäischen Katastrophe des Kontinents zum Beginn des 19. Jahrhunderts es überall gärte, eine neue Ordnung gesucht wurde, waren an der Förde die Männer versammelt, die über die Zukunft der Herzogtümer nachdachten und stritten. Noch heute erinnern die Dahlmann-, die Falck- und die Waitzstraße in Kiel an die Gründer. So seriös wie Christoph Dahlmann (1785-1860) als Vordenker und Niels Nicolaus Falck (1784-1850) als sein Mitstreiter und erster Präsident der Gesellschaft für uns heute auf den alten Bildern wirken, so frech und neu war das, was der Historiker und der Rechtsgelehrte auf den Weg brachten. Ihr Ziel war es, den Herzogtümern nach dem Ende der Napoleonischen Kriege, die den dänischen Gesamtstaat 1813 in das Chaos des Staatsbankrotts geführt hatten, eine neue, eine historische Identität zu geben. Es war die Zeit eines gewaltigen Umbruchs. Gespiegelt mit unserem Erleben so tief greifend wie der von 1968. Aus dieser Sicht waren Dahlmann, Falck und ihre Freunde Alternative – nur eben im Gehrock. Aber: anders als 1968 waren es nicht die Studenten sondern ihre Professoren, die den Aufbruch wollten.

Das Vaterland wird „entdeckt“

Nach der Niederlage Napoleons wurde auf dem Wiener Kongress versucht, die alte Ordnung wieder herzustellen, doch die „Restauration“ musste scheitern. Das alte Europa hatte sich überlebt. Deshalb wurde nicht nur in Deutschland nach neuen gesellschaftlichen Modellen gesucht. Ein Reflex war die Romantik, ein anderer das Biedermeier. Dahinter stand auch der Wunsch, die alte Übersichtlichkeit zu rekonstruieren. Es musste ein Übergang bleiben. Die Welt hatte sich radikal geändert. Die Kleinstaaterei der Landesherren hatte keine Zukunft mehr. Das Dorf, die Stadt als sozialer Bezugsrahmen der Menschen taugten nicht mehr. Die Agrarreformen hatten aus gemeinsam die Allmende bestellenden Nachbarn Konkurrenten mit Privateigentum gemacht, Manufakturen lösten mehr und mehr das traditionelle Handwerk ab, neben der Bibel lag jetzt die Zeitung. Das überschaubare Umfeld konnte in einer Zeit in der Information, Wissen und Waren immer freier und weiter flossen dem Einzelnen keine Sicherheit mehr geben. Es begann deshalb die Suche nach einer neuen gesellschaftlichen Klammer. Die wurde mit der „Nation“ gefunden. Doch die musste begründet werden. Geschichte wurde deshalb vom Nebenfach zu einer Leitwissenschaft. Mit der neuen quellenkritischen Methode war sie modern und durch und durch politisch. „Vaterland“ und „vaterländisch“ wurden zu den Lieblingsworten der neuen Historikergeneration. Überall begann man, „deutsche Geschichte“ zu erforschen. Das große Werk wollte Carl Reichsfreiherr von und zu Stein (1757-1831) anstoßen. Er rief am 20. Januar 1819 die ‚Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde’ ins Leben. Eine allgemeine deutsche Geschichte galt es zu schreiben. Nach den Plänen von Friedrich Carl von Savigny (1779-1861) sollten dazu auch Landesgesellschaften beitragen, als deren Zweck jedoch „durchaus nicht die Landesgeschichte als solche“ vorgesehen war. Ihre Aufgabe sah Savigny darin, zum großen Werk der „Monumenta Germaniae Historica“ beizutragen. Das Projekt blieb eines. Es entstand kein Verbund in dem in dessen Teilen für das Ganze zugearbeitet wurde, sondern eigenständige regionale Gesellschaften, die jedoch durchaus von Savignys Programm geprägt waren. Den Anfang machte – ebenfalls 1819 – der ‚Thüringisch-Sächsische Verein für Erforschung des vaterländischen Altertums…’ . Schon ein Jahr davor hatte Falck einen Entwurf für eine „der friesischen Geschichte gewidmeten Gesellschaft“ niedergeschrieben. Doch die Gesellschaft wurde nicht gegründet. So entstand die erste Vereinigung nördlich der Elbe 1821 in der Hansestadt Lübeck.

Eine unlösbare „vaterländische Preisaufgabe“

Das „Privileg von Ripen“ gilt als eine der zentralen Quellen der Landesgeschichte. Anders als bei Dahlmann und anderer seiner Zeit wird es heute nicht mehr als Beleg einer auf „ewig“ garantierten Eigenständigkeit der Herzogtümer bewertet

Das „Privileg von Ripen“ gilt als eine der zentralen Quellen der Landesgeschichte. Anders als bei Dahlmann und anderer seiner Zeit wird es heute nicht mehr als Beleg einer auf „ewig“ garantierten Eigenständigkeit der Herzogtümer bewertet

An der Christian-Albrechts-Universität waren es vor alle Dahlmann und Falck, die nach den „vaterländischen“ Wurzeln suchten. Sie fanden sie in einem Nebensatz des Privilegs von Ripen von 1460: „und dat se bliwen tosamende up ewich ungedeelt“ begründete für sie den Anspruch auf eine Eigenstaatlichkeit der beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein. Was fehlte, war eine Geschichte der Herzogtümer. Dahlmann schrieb deshalb 1822 eine „vaterländische Preisaufgabe“ aus. Es sollte ein Geschichtsbuch der Herzogtümer von 1523 bis 1823 geschrieben werden. Erst 1831 wurde eine Arbeit eingereicht. Dahlmann war schon zwei Jahre nicht mehr in Kiel. Er war nach Göttingen gegangen, weil die Regierung in Kopenhagen dem rebellischen Professor einen ordentlichen Lehrstuhl an der Förde versagt hatte. Nun saßen Falck, Andreas Ludwig Jakob Michelsen (1801-1881) und andere zusammen, um die Arbeit zu beurteilen. Der Kommission war bald klar, dass vor allem die weit verstreuten und nicht erschlossenen Quellen zur Geschichte der Herzogtümer die Preisaufgabe unlösbar machten. Um diese Grundlagen zu schaffen, sollte nun die Gesellschaft gegründet werden. Am 13. März 1833 kam es zur ersten Zusammenkunft. Im Juli schließlich bekam alles seinen Vereinsrahmen. 248 Honoratioren waren angeschrieben worden, das große Werk mit zu beginnen. 173 davon traten in die neue ‚Schleswig-Holstein-Lauenburgischen Gesellschaft für vaterländische Geschichte’ ein. Falck wurde erster Präsident, Professor Michelsen der erste Sekretär der Gesellschaft. Lange war über deren Aufgabe diskutiert worden. Als vorrangiges Ziel wurde erkannt, Quellen zu erschließen. Sie sind unerlässlich, Grundlage jeder historischen Arbeit, waren jedoch am Beginn des 19. Jahrhunderts in Schleswig, Holstein und Lauenburg kaum zugänglich, verstreut und nicht erschlossen.

Das Gold in unsichtbarer Tiefe

Die erste Publikation der Gesellschaft

Die erste Publikation der Gesellschaft

Die neue auf Quellen gestützte historische Forschung war am Beginn des 19. Jahrhunderts etwas aufregend Neues. Es galt so auch für die Gründer der Gesellschaft, einen Rahmen zu bestimmen. Die Kernaufgabe stand dabei fest. Es galt, so Michelsen, „das Gold, das in unsichtbarer Tiefe ruht“ ans Tageslicht zu fördern. Einfacher gesagt, sollte das Ziel sein, Quellen zu erschließen. Dabei, mahnte Michelsen, dürfe der Blick auf das Allgemeine nicht verloren gehen. Also sei es notwendig, dass Landesgeschichte sich „mit dem Kleinen beschäftigt, nicht in Kleinlichkeiten sich verirrt und zerbröckelt“. Damit ist das Arbeitsprogramm der GSHG bis auf den heutigen Tag beschrieben. In der Zeit des Vormärzes und des Entstehens der europäischen Nationalstaaten war Geschichte auch immer und stärker als heute eine politische Wissenschaft. Michelsen formulierte, „es soll die Geschichte, damit sie in ihr ewiges Recht trete, wirksam in die Gegenwart eingreifen“. Dass sie das tat und tun sollte, war 1833 im Kreis der Gründer der Gesellschaft unstrittig. Sie legten sich jedoch auch fest, die Aufgabe darauf zu konzentrieren, historisches Grundlagenmaterial zusammenzutragen und zu publizieren. Dieser Plan fand breite Akzeptanz. Nur Uwe Jens Lornsen (1793-1838) protestierte per Brief. Er forderte aus seinem selbst gewähltem Exil in Brasilien, die neue Gesellschaft müsse politisch aktiv werden, etwa sein 1830 vorgelegtes „Verfassungswerk in Schleswigholstein“ verbreiten, kurz nicht allein für Gelehrte arbeiten, sondern für die Gebildeten und das Volk. Die Absicht der Gesellschaft, sich auf Grundlagenarbeit zu beschränken, sei „ … zum Verzweifeln unsinnig“. Lornsens Protest blieb ungehört. Michelsen begann dagegen unbeirrt, die gesetzten Ziele umzusetzen. Quellen zu erschließen durch deren Abdruck und durch Verzeichnisse – den so genannten Regesten – zugänglich zu machen sah die Gesellschaft als ihre wichtigste Aufgabe an. Noch hatten die Historiker in Kiel engen Kontakt mit ihren Kollegen in Kopenhagen. Und aus den dortigen Beständen entstanden die ersten Quellenbände der Gesellschaft. Mit Ihnen wurde die Zeit bis 1350 erschlossen. Archive zu erschließen, Dokumente von Hand zu kopieren, Letter für Letter setzen zu lassen und dann zu drucken, war teuer. Zu teuer für die junge Gesellschaft. 1835 war sie pleite, musste alle Druckaufträge stornieren. Auch wenn Michelsen es schaffte, dass wieder publiziert werden konnte, änderte sich nach seinem Fortgang aus Kiel 1842 die Lage. Der wirtschaftlichen Krise folgte der Streit mit der dänischen Obrigkeit.

Die Gesellschaft und Dänemark

Der dänische König Friederich VI. (*1768/1808-1839) war der erste Schirmherr der Gesellschaft

Der dänische König Friederich VI. (*1768/1808-1839) war der erste Schirmherr der Gesellschaft

Der Ruf Michelsens nach Jena weckte den Wunsch, Dahlmann zurück nach Kiel zu holen. Er war inzwischen eine Berühmtheit. Sein von sechs Professoren mitgetragener Protest gegen das Aussetzen der von ihm mitgestalteten liberalen Verfassung des Königreiches Hannover am 18. November 1837 machte ihn zur Leitfigur der „Göttinger Sieben“. Wie nicht anders zu erwarten, lehnte die dänische Regierung ab. Dabei wurde eingeräumt, fachlich sei Dahlmann unbestritten geeignet, doch der Kurator urteilte, „aber seine bereits seit dem Jahre 1815 … bestätigte Neigung, durch Schriften und sonst in die politischen Verhältnisse praktisch einzugreifen, sowie sonstige Beziehungen“ ließen es wenig ratsam erscheinen, Dahlmann wieder zu berufen. Eine Episode, die jedoch belegt, wie sich das Verhältnis der Gesellschaft zum dänischen Gesamtstaat gewandelt hatte. Der vor allem auch von Dahlmann im Privileg von Riepen gesehene historische Beweis für die Zusammengehörigkeit und eine Eigenstaatlichkeit Schleswigs und Holsteins, war der Regierung in Kopenhagen seit 1815 unbequem. Doch die Historiker in Kiel und Kopenhagen arbeiteten eng und vertrauensvoll zusammen. 1833 sahen sich die Gründerväter noch klar dem dänischen Gesamtstaat verpflichtet. Sie trugen deshalb König Friedrich VI. (*1768/ 1808-1839) den Wunsch an, das „Protektorat“ über die neue Gesellschaft zu übernehmen. Das tat er am 1. Juni 1833 „mit Rücksicht auf den lobenswerthen Zweck der Gesellschaft und die von ihr beabsichtigte nützliche Wirksamkeit“. Man wusste jedoch um die schon 1833 bestehenden dänischen Empfindlichkeiten. So waren im Entwurf der Satzung Schleswig und Holstein noch durch einen Bindestrich zusammengefügt, am Ende wurden die Herzogtümer entsprechend dänischer Schreibweise mit einem Komma getrennt. Trotzdem, Dänen waren im Verständnis der Gesellschaft Inländer und konnten Mitglied werden. Als 1839 in Kopenhagen die ‚Historisk Forening’ entstand, folgte die schon dem politischen Programm der Eiderdänen. Inländer waren danach nur Dänen und Bewohner des Herzogtums Schleswigs. Auch der neue König ging auf Distanz. Als Christian VIII. (1786*/1839-1848) von der Gesellschaft die Ehrenmitgliedschaft angetragen wurde, blieb das Schreiben aus Kiel unbeantwortet.

Erhebung und Preußenzeit

Proklamation der Provisorischen Regierung - wie sie sich der Maler Hans Olde Anfang des 20. Jahrhunderts vorgestellt hat

Proklamation der Provisorischen Regierung – wie sie sich der Maler Hans Olde Anfang des 20. Jahrhunderts vorgestellt hat

Michelsen-Nachfolger Georg Waitz (1813-1886) übernahm 1842 das Sekretariat so in einer Zeit des sich zuspitzenden Gegensatzes mit Dänemark. Waitz leitete Reformen ein, um die Gesellschaft zu reaktivieren. Der Erfolg blieb ihm versagt, denn die Erhebung (1848 bis 1851) begann. Die Zahl der Mitglieder schrumpfte auf 140. Mit der in der dänischen Geschichte als „Oprør“ – also Aufruhr – bezeichnete Erhebung, fiel die Gesellschaft in Ungnade. Ihre Handelnden und deren Schriften hatten aus der Sicht Kopenhagens mit den geistigen Nährboden des Aufstandes geschaffen. Besonders galt das für die schon von Dahlmann postulierte Einheit von Schleswig und Holstein. Da Schleswig im Gegensatz des zum Deutschen Bund gehörenden Holsteins als Teil des Königreiches angesehen wurde, verbot Kopenhagen 1858 die Gesellschaft nördlich der Eider. Der Streit um das Verbot half der Gesellschaft. Mit 263 Mitgliedern erreichte sie 1859 ihren Höchststand im 19. Jahrhundert. Doch die Zeiten blieben bewegt. 1863 begann der Zweite Schleswigsche Krieg, 1867 annektierte Preußen Schleswig-Holstein als Provinz. Die Gesellschaft schwieg, ein Kritiker vermerkte: „Die Geschichte Schleswig-Holsteins ist zu ihrem Abschluß gelangt.“ Michelsen, inzwischen wieder nach Schleswig-Holstein zurückgekehrt, stellte fest, der Landesgeist sei fast gebrochen. Die Stimmung war trüb. Eigenständigkeit war das Ziel der Erhebung und die Hoffnung, als Preußen und Österreich eingriffen. Die „Provinzialisierung“ hatte kaum jemand erstrebt. Die Stimmung änderte sich jedoch 1871nach der Reichsgründung schnell. Auch den Norden erfasste nun die nationale Euphorie. Es wurde geradezu Mode, Heimat- und Geschichtsvereine zu gründen. Und damit begann auch für die GSHG eine neue Zeit. Was sie tat, interessierte nicht länger nur akademische Kreise, sondern viele im Lande, die nun begannen, ihre „vaterländischen Wurzeln“ zu erforschen.

Geschichte wird staatstragend

Die „Doppeleiche“, als Bild aus dem „Schleswig-Holstein-Lied“ übernommen, wurde aus Anlass der 50-Jahr-Feiern zum zentralen Symbol für die Einheit der Herzogtümer stilisiert

Die „Doppeleiche“, als Bild aus dem „Schleswig-Holstein-Lied“ übernommen, wurde aus Anlass der 50-Jahr-Feiern zum zentralen Symbol für die Einheit der Herzogtümer stilisiert

Im neuen Reich wurde deutsche Geschichte gepflegt. 1873 bekam die Gesellschaft erstmals einen jährlichen festen Zuschuss von zunächst 700 Thaler. Nachdem schon drei Jahre zuvor mit dem preußischen Staatsarchiv in Schleswig der Vorläufer des Landesarchivs geschaffen wurde, treibt die Gesellschaft vor allem den Aufbau der Landesbibliothek in Kiel voran, der 1895 beginnt. 1907 schließlich wird an der Christian-Albrechts-Universität eine Professur für Landeskunde eingerichtet. Nach dem Ersten Weltkrieg profitierte die Gesellschaft von der Grenzlandabstimmung 1920. Der Verlust Nordschleswig weckte in vielen den Wunsch, sich mit Landesgeschichte zu befassen. Und die GSHG hatte einen neuen Motor: 1921 übernahm der Direktor der Landesbibliothek Volquart Pauls das Sekretariat. Er sollte es bis 1950 und damit länger als jeder andere ausüben. Pauls sorgte mit reger Publikationstätigkeit für Zulauf. 1924 näherte sich die Mitgliederzahl erstmals 1.000. Das 100jährige Jubiläum der Gesellschaft wurde am 19. und 20. März 1933 am Vorabend der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im großen Rahmen gefeiert.

Die GSHG und das Dritte Reich

Der „Gleichschaltung“ durch die Nationalsozialisten konnte sich auch die Gesellschaft nicht entziehen. So wurde der Vorstand 1933 auf drei Mitglieder reduziert, von1935 an bestand er gemäß dem „Führerprinzip“ allein aus dem Vorsitzenden. Damit war nach Außen der „neuen Zeit“ Rechnung getragen. Auch wenn im September 1933 während der Sommerveranstaltung der GSHG „über die Aufgabe der landesgeschichtlichen Forschung im neuen Reich“ referiert worden war, versuchte Pauls, den politischen Einfluss von der Arbeit der GSHG fernzuhalten. Bis 1944 konnte die Gesellschaft trotz Papiermangel weiter drucken. Das gelang einerseits dadurch, dass Einzelbeiträge fern jeder Aktualität veröffentlicht wurden. Von den mehr als 100 Artikeln der „Zeitschrift für Schleswig-Holsteinische Geschichte“ aus diesen Jahren befassten sich nur fünf mit der Geschichte der Judenfrage und dies, nach Ansicht des Pauls Nachfolgers Olaf Klose, von einigen Entgleisungen abgesehen weitgehend objektiv. Doch es wurde beobachtet, was die Gesellschaft tat. So stoppte die Gestapo den Druck des Buchs „Die wendischen Ortsnamen Ostholsteins, Lübecks, Lauenburgs und Mecklenburgs“. Die Herkunft slawischer Ortsnamen im deutschen Kernland zu erklären, ging den Machthabern im „Tausendjährigen Reich“ zu weit. Das Buch konnte erst 1950 veröffentlich werden. Als gesichert kann gelten, dass die Gesellschaft in der NS-Zeit versucht hat, ihre Arbeit ohne allzu viele Zugeständnisse an den braunen Zeitgeist fortzusetzen. In welchem Umfang das gelungen ist, muss jedoch noch mit der heute gegebenen Distanz zu den Ereignissen aufgearbeitet werden.

Die Vision erfüllt sich

Die GSHG überstand das Dritte Reich weitgehend unbelastet, wurde nie verboten und besteht damit kontinuierlich seit 1833. Doch kämpfte Volquart Pauls fast vier Jahre, bis am 15. Januar 1948 die Arbeit wieder aufgenommen werden konnte. Erst 1950 erschien wieder die erste Zeitschrift. Schleswig-Holstein war nun ein selbstständiges Bundesland. Damit hatte sich nach fast 130 Jahren die politische Vision der Gründer erfüllt: Schleswig und Holstein waren geeint und zumindest als Teilstaat eigenständig. Das neue Bundesland suchte noch nach seinem Selbstverständnis und förderte deshalb die Landesgeschichte. „Geschichte ist ein Stück geistiger Heimat“, bekannte Landeskultusminister Peter Bendixen (CDU / 1943- 2007) aus Anlass des 150jährigen Bestehens der GSHG 1983. Davon profitierte auch die GSHG. Im Jubiläumsjahr war mit 1938 Mitgliedern der bisher höchste Stand erreicht. Seit 1970 wurde zu den bekannten Serien am Biographischen Lexikon gearbeitet, der große Geschichtsatlas wurde vorbereitet, Gesellschaft, Landesbibliothek und Landeshistorischer Lehrstuhl arbeiteten eng zusammen.

Die stille Krise

Seit 1850 erscheint die „Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte“

Seit 1850 erscheint die „Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte“

Die stolze Liste der Publikationen und der gute Kassen- und Mitgliederbestand der GSHG konnten aber seit Beginn der 1970er Jahre nicht darüber hinwegtäuschen, das die Gesellschaft in einer Krise steckte. Sie war in den Augen junger Historiker erstarrt, drehte sich allein um Fragen der politischen Geschichte, war auch allein auf den landeshistorischen Lehrstuhl fixiert. Auch wurde kritisiert, der nach dem Zweiten Weltkrieg erneut aufgeflammte Grenzkampf habe die Sicht verengt. Das rief junge Historiker auf den Plan, die eine neue Landesgeschichte schreiben wollten: die der Menschen, ihres Zusammenlebens und dessen was sie machten. So entstand der „Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte“. Neben dieser Gruppe gab es andere, eher „revolutionäre Zelle“ Vier junge Mitglieder der Gesellschaften forderten damals den Vorstand auf, die bildungsbürgerliche Gesellschaft für jedermann zu öffnen. Das führte dazu, dass seit 1978 die populären Mitteilungshefte herausgebracht werden. Folge des „Aufstandes“ war auch, dass gezielt der abgebrochene Kontakt u den dänischen Historikerkollegen wieder aufgenommen wurde.

Ein strukturelles Problem

Seit 175 Jahren hat sich der Zweck der Gesellschaft nicht geändert. Sie versteht sich als wissenschaftliche Publikationsgesellschaft. Auf diesem Feld war und ist sie auch aus der Sicht ihrer Kritiker ungemein erfolgreich. Es gilt, was Volquart Pauls im Vorwort der Chronik zum 100. Geburtstag 1933 feststellte: Die Arbeit der GSHG sei nur ein Teil der landesgeschichtlichen Forschung in Schleswig-Holstein „aber der Anteil, der auf die von der Geschichtsgesellschaft geleisteten Arbeit entfällt, ist so bedeutungsvoll, daß er aus der gesamten schleswig-holsteinischen Geschichtsforschung nicht wegzudenken ist“. Seit ihrer Gründung hat die GSHG trotzdem ein strukturelles Problem. Sie ist auf zahlreiche Mitglieder und Förderer angewiesen, „produziert“ mit deren Hilfe jedoch vor allem Grundlagen für die historische Forschung. Doch nicht jedem, der Interesse an der Geschichte des Landes hat, bietet die Gesellschaft etwas. Das Problem ist nicht neu. 1842 schon wagte Waitz die erste Reform, die versuchen sollte, den allgemeinen Nutzwert der wissenschaftlichen Arbeit zu verbessern. Viele sind seitdem gefolgt. 1978 entstanden aus diesem Wunsch die „Mitteilungen“. 2001 startete die Gesellschaft deshalb ihre Homepage www.geschichte.schleswig-holstein.de. Und wieder sitzt unter Leitung des ehemaligen Vorsitzenden Karl-Heinrich Buhse ein Arbeitskreis zusammen, der eine neue Antwort auf die alte Frage sucht.

Werner Junge (TdM 0308)

Quellen: Volquart Pauls, Hundert Jahre Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, 1833 – 13.März – 1933, 1933, Neumünster, Wachholtz; Olaf Klose, 125 Jahre Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 13.März 1833 – 13.März 1958, 1958,Neumünster, Wachholtz;Reimer Witt, Rückblick auf die letzten 25 Jahre der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, In: Mitteilungen der GSHG, 16 (August 1983), S. 5-8.

Bildquellen: Vignette: Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (GSHG); Privileg von Ripen: Schleswig-Holsteinisches Landesarchiv, Schleswig (LAS); alle anderen: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Kiel (SHLB)