Während beider Schleswigschen Kriege hatte es Seegefechte bei Helgoland gegeben. 1870 kamen französische Flottenverbände in die Deutsche Bucht. Nach der Reichsgründung 1871 wuchs deshalb der Wunsch, das seit 1807 britische Helgoland müsse wieder deutsch werden. 1884 unternahm Reichskanzler Otto von Bismarck (*1815-1898†) auf Rat der Admiralität einen ersten Versuch, Helgoland zu erwerben. Er scheiterte. 1889 wuchs der Wunsch der Briten, sich von Helgoland zu trennen. In Unterhaus und Presse wurde die Meinung vertreten, man unterhalte „nur ein Seebad für die Deutschen“. Doch Bismarck wollte nun auf günstigere Bedingungen warten. Als die britische Seite Mai/Juni 1890 einen ernsthaften Vorstoß machte, war Bismarck entlassen. Der junge Kaiser Wilhelm II. (*1859/1888-1918/1941†) erfüllte sich einen Herzenswunsch. Am 1. 7. 1890 wurde in Berlin der „Helgoland-Sansibar-Vertrag“ geschlossen, am 9. August wurde die Insel feierlich übergeben, um am 2. Dezember dann schließlich Teil der preußischen Provinz Schleswig-Holstein zu werden. Gegenstand des Vertrages war nicht der Tausch von Sansibar gegen Helgoland, wie bis heute immer wieder zu hören ist. Er regelte vielmehr umfassend die deutschen und englischen Einflussgebiete in Afrika. Sansibar und seine Nebeninseln waren zu jener Zeit ein selbstständiges Sultanat. Die Deutschen hatte jedoch einen schmalen Streifen Festlandsküste von Sansibar gepachtet und verstanden sich als Schutzmacht. Diese Position übernahmen mit dem Vertrag die Briten. Ihr Interesse galt jedoch vor allem den von Deutschen beanspruchten Gebieten in Tanganjika und am Viktoriasee, sowie in Witu- und Somalialand. Sie wurden an die Briten abgetreten, im Gegenzug der Bestand von Deutsch-Ostafrika bestätigt und auch Grenzfragen in Westafrika geklärt. Der Helgoland-Sansibar-Vertrag stieß auf ein geteiltes Echo. Kaiser Wilhelm II. verteidigte ihn damit, dass dem Reich einerseits an guten Beziehungen mit dem Empire gelegen sei, zum anderen die deutsche Insel auch angesichts des 1887 begonnenen Bau des Nord-Ostsee-Kanals erheblichen strategischen Wert habe. Sozialdemokraten und Linksliberale befürworteten den Vertrag aus eine antikolonialistischen Haltung heraus („Je weniger Afrika, desto besser“). Die Kolonialenthusiasten auf der rechten Seite waren empört. Bismarck äußerte sich öffentlich, Helgoland sei zu teuer erworben worden, doch nun habe der Kaiser seinen Willen. Die Kritiker in Deutschland fühlten sich bestärkt durch den Spott des englischen Afrikaforschers Sir Henry Morton Stanley, der feststellte, Deutschland habe einen neuen Anzug für einen alten Hosenknopf hergegeben.

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Quelle: Christian Degn, Schleswig-Holstein eine Landesgeschichte, 1994, Wachholtz Verlag, Neumünster, ISBN 3 529 05215 9