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Institut für Weltwirtschaft

Das erste Quartier des neuen Instituts am Schlossgarten in Kiel

Das erste Quartier des neuen Instituts am Schlossgarten in Kiel

Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) an der Universität Kiel ist ein international renommiertes Zentrum weltwirtschaftlicher Forschung und Dokumentation. Das Institut in Kiel zählt zu den sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten. Es vertritt heute unter den so genannten „Wirtschaftsweisen“ arbeitgeberfreundliche und wirtschaftsliberale Positionen.

Start als „Königliches“ Institut

Das Siegel des neuen Institutes  Die Büste von Bernhard Harms, dem ersten Direktor des IfW

Das Siegel des neuen Institutes
Die Büste von Bernhard Harms, dem ersten Direktor des IfW

Das IfW wurde am 20. Februar 1914 im Schlossgarten 14 als „Königliches Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft“ eröffnet. Es zog 1920 ins Kruppsche Anwesen an der Förde im Stadtteil Düsternbrook um. Januar 1934 bekam es seinen heutigen Namen. Als ein selbstständiger Teil der  Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hatte es die Aufgabe, die weltwirtschaftlichen Beziehungen zu erforschen. Der erste Direktor, Bernhard Harms, begann den systematischen Ausbau der Bibliothek, die Herausgabe verschiedener Zeitschriften und baute ein Wirtschaftsarchiv auf. Während des Ersten Weltkrieges beschäftigten sich die Institutsmitarbeiter damit, die wirtschaftlichen Maßnahmen der Gegner Deutschlands zu ergründen. Es entstand das so genannte Kriegsarchiv.

Das Siegel des neuen Institutes

Das Siegel des neuen Institutes

In der Zeit der Weimarer Republik erarbeitete sich das IfW über Kiel einen Ruf als kompetente Stelle für internationale Wirtschaftsfragen. Die Arbeit des IfW sollte Staat und Politik Hilfen für deren Handeln geben. Man verfolgte einen reformökonomischen Ansatz. Der setzte nicht allein auf die Selbstheilungskräfte des Marktes, sondern sprach sich auch und gerade für eine Konjunkturpolitik des Staates aus.

Das IfW im Nationalsozialismus

Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde Bernhard Harms von seinem Lehrstuhl an der Universität verdrängt. Er galt den neuen Machthabern als „republikfreundlich“. Er blieb erst noch Institutsleiter und konnte sich der Vertreibung „jüdischer“ und sozialdemokratischer Mitarbeiter am IfW durch die SA widersetzen. Aber im Juni 1933 gab er die Leitung  des Kieler Instituts aufgrund massiven Drucks auf. Harms wirkte 1933/34 als Honorarprofessor in Berlin. Einige Wissenschaftler wurden durch tätige Mithilfe ihrer eigenen Kollegen vertrieben. Eine Reihe der so am Institut aufgestiegenen beteiligte sich später aktiv an der deutschen Vernichtungspolitik (Zwei Beispiele sind  Helmut Meinhold und Otto Ohlendorf). Nachfolger von Harms wurde der überzeugte Nationalsozialist Jens Jessen.

1920 war das Institut in das Kruppsche Anwesen, das ehemalige Logierhaus des Kaiserlichen Yachtclubs umgezogen

1920 war das Institut in das Kruppsche Anwesen, das ehemalige Logierhaus des Kaiserlichen Yachtclubs umgezogen

Trotzdem legte er sich mit Staat und NSDAP an und wurde schon Januar 1934 an die Universität Marburg strafversetzt. Ihm folgte vom Juli 1934 bis November 1945 der langjährige Mitarbeiter von Bernhard Harms, Andreas Predöhl (Mitglied der NSDAP seit 1937). Predöhl band das Institut stärker an die  Christian-Albrechts-Universität. Als deren Rektor fungierte er schließlich zusätzlich von 1942 bis 1945. Die Bibliothek des IfW wurde in dieser Zeit nicht von „jüdischen“ Autoren „gesäubert“ und bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein weiter ausländische Literatur angekauft.

Diener der Kriegswirtschaft

Blick in das Chefbüro des IfW – am Schreibtisch noch Bernhard Harms

Blick in das Chefbüro des IfW – am Schreibtisch noch Bernhard Harms

Das Institut wurde immer weniger durch private Spender und dafür zunehmend durch staatliche Fördermittel getragen. Hintergrund waren – ähnlich wie im Ersten Weltkrieg – wirtschaftliche Planungen und Analysen zur Lage der kriegsführenden Länder. Unter Predöhl folgten die Kieler Expertisen einem praxisorientierten völkischen Wissenschaftsbegriff. Volkswirtschaft wurde als Dienst am „Volkskörper“ begriffen. Im IfW wurde von 1939 an auf den „Großraum“ ausgerichteten Arbeiten zentrale Bedeutung zugemessen. Es war eine Konzeption, die sich auf Autonomie und Autarkie Deutschlands bezog und aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht die Grundlagen für ein von Deutschland beherrschtes Europa beschrieb. Die Gutachten des IfW bedurften keiner Ideologisierung im Sinne der Nationalsozialisten, denn wissenschaftliche Expertisen über die Wirtschaft bestimmter Länder, deren Infrastruktur, Rohstoffe und allgemeine Lage lagen im Interesse der NS-Politik. Im IfW wurden über 2.000 Geheimgutachten für Wehrmacht, Ministerien, Großbanken und Industrieunternehmen erstellt. Das IfW übernahm von 1942/43 an die führende Rolle in allen Auslandsfragen der Wirtschaftswissenschaften und erhielt das Monopol auf alle kriegswichtigen Forschungsarbeiten für das Feldwirtschaftsamt, das ehemalige Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt. Die Gutachten waren ein unverzichtbarer Bestandsteil der NS-Kriegsführung. Sie erfolgten entweder kurzfristig aufgrund von aktuellen nationalsozialistischen Expansionsplänen oder dienten längerfristigen Plänen für eine „Großraumwirtschaft“ in den noch zu erobernden Gebieten. Gegen Ende des Krieges wurde das IfW nach Ratzeburg ausgelagert und Teile der Institutsgebäude sowie des Archivs in Kiel durch Bombentreffer zerstört.

Der Neuanfang

Das IfW heute mit seiner neuen Bibliothek

Das IfW heute mit seiner neuen Bibliothek

Im November 1945 setzten die britischen Besatzungsbehörden Predöhl als Leiter ab. Sie beließen ihn aber als Professor an der Universität. 1953 wechselte er an die Universität Münster, wo er 1974 im Alter von 80 Jahren starb. Nach Predöhl übernahm Friedrich Hoffmann die Institutsleitung kommissarisch, gefolgt von Fritz Baade (1893*1974+). Er baute das IfW zu einem bedeutenden Zentrum der Weltwirtschaftsforschung mit umfangreicher Bibliothek und einem Wirtschaftsarchiv aus. In der frühen Nachkriegszeit beförderten alle Verantwortlichen die Legende, dass sich das Institut im Nationalsozialismus einer „unpolitischen Weltwirtschaftsforschung“ verschrieben habe. Selbstkritik oder Bedauern über das Handeln des Instituts gegenüber den 1933 vertriebenen Mitarbeitern wurde nicht geäußert. Bis heute gibt es keine Institutsgeschichte, die sich auf neuesten Forschungsstand mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt.

Die neue Bibliothek bei Nacht

Die neue Bibliothek bei Nacht

Heute ist das IfW ein An-Institut der Universität und seit dem 1. Januar 2009 in eine unabhängige Stiftung des öffentlichen Rechts des Landes Schleswig-Holstein umgewandelt worden. Zum IfW gehört die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) sowie die neuerdings darin integrierte Bibliothek des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA). Das Institut beschäftigt heute rund 160 Mitarbeiter, unter ihnen 80 Wissenschaftler. Jährlich verleiht das Institut den „Weltwirtschaftlichen Preis“.

Frank Omland (1111)

Frank Omland, geb. 1967, Dipl. Sozialpädagoge, Hamburg. Langjährige Mitarbeit im Kieler Arbeitskreis Asche-Prozeß, der sich der Vermittlung der Kieler Stadtgeschichte im Nationalsozialismus widmete. Seit 1991 aktives Mitglied im Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialimus in Schleswig-Holstein e.V. (AKENS), seit 2003 in dessen Vorstand. Forschungsschwerpunkt: Wahlen und Abstimmungen in Schleswig-Holstein 1919-1938. Veröffentlichungen u.a. „Du wählst mi nich Hitler!“ Reichstagswahlen und Volksabstimmungen in Schleswig-Holstein 1933 – 1938 (Hamburg 2006) sowie Aufsätze zu den Wahlen bis 1933.

Bildquellen: sämtliche Abbildungen stammen aus dem Archiv des Institutes für Weltwirtschaft und wurden vom IfW zur Verfügung gestellt

Literaturhinweise: 
Arbeitskreis Asche-Prozeß: Antifaschistische Stadtführungen. Kiel 1933-1945. Stationen zur Geschichte des Nationalsozialismus in Kiel. Kiel 1998, S.38f.
Christoph Dieckmann: Wirtschaftsforschung für den Großraum. Zur Theorie und Praxis des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und des Hamburger Welt-Wirtschafts-Archivs im „Dritten Reich“. In: Modelle für ein deutsches Europa. Ökonomie und Herrschaft im Großwirtschaftsraum. Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Bd. 10 (1992), S. 146-198.
Hans-Georg Gaeßler: Christian Bernhard Cornelius Harms. In: Kieler Lebensläufe aus sechs Jahrhunderten. Hgg. von Hans F. Rothert. Neumünster 2006, S. 123-126.
Harald Hagemann: Zerstörung eines innovativen Forschungszentrums und Emigrationsgewinn. Zur Rolle der „Kieler Schule“ 1926-1933 und ihrer Wirkung im Exil, in: ders. (Hg.) Zur deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Emigration nach 1933, Marburg 1997.
Harald Hagemann: Weltklasse für sieben Jahre. Die Konjunkturabteilung des Instituts für Weltwirtschaft 1926-1933, in: Christiana Albertina. Forschungen und Berichte aus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Heft 67, November 2008, S. 52-70.
Susanne Heim / Götz Aly: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Frankfurt am Main 1993.
Matthias Hochstätter: Karl Schiller – eine wirtschaftspolitische Biographie. Saarbrücken 2008.
Friedrich Hoffmann: Die Geschichte des Instituts für Weltwirtschaft. (Von der Gründung bis zum Ausscheiden des Gründers.) Teil 1: Die Geschichte der äußeren Gestaltung. Teil 2: Die Geschichte der inneren Entfaltung. Teil 3: Kleine Erlebnisse mit und um Bernhard Harms. Unveröffentlichtes Manuskript. Kiel 1941-1944.
Fünfzig Jahre Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel. Reden und Ansprachen anläßlich des Festakts am 18. Februar 1964 im Stadttheater Kiel. Kiel 1964.
Torben Lütjen: Karl Schiller (1911-1994). „Superminister“ Willy Brandts. Bonn 2007.
Hans-Christian Petersen: Expertisen für die Praxis. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft 1933 bis 1945. In: Christoph Cornelissen / Carsten Mish (Hg.), Wissenschaft an der Grenze. Die Christian-Albrechts-Universität im „Dritten Reich“. Essen 2009 (erscheint im November/Dezember 2009).
Frank Omland: Institut für Weltwirtschaft. In: Kiel-Lexikon. Kiel 2010 (im Erscheinen).
Rolf Seeliger: Braune Universität. Deutsche Hochschule gestern und heute. München 1968.
Ralph Uhlig (Hrsg.): Vertriebene Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität Kiel nach 1933, Frankfurt am Main 1992.
Anton Zottmann: Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel 1914-1964, Kiel 1964.