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Krabbenfang

Heimfahrt des Holzkutters „Hus 38“ von Claus Laß jun. Möwen warten auf ihren Anteil am Fang. Die Backbord Baumkurre liegt an Deck

Heimfahrt des Holzkutters „Hus 38“ von Claus Laß jun. Möwen warten auf ihren Anteil am Fang. Die Backbord Baumkurre liegt an Deck

Krabbenkutter im Wattenmeer, deren weit ausholende Fanggeschirre mit den mächtigen, trichterförmigen Netzen umkreist werden von einem Schwarm hungriger Möwen, wirken heute so typisch, als sei es immer schon so gewesen. Doch der erwerbsmäßige Fang der Sandgarnelen – biologisch: crangon crangon – begann an der Westküste Schleswig-Holsteins erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung. Erst die Eisenbahn sowie neue Verfahren, die Krebstiere zu konservieren, ermöglichten es, das leichtverderbliche Lebensmittel zu vermarkten. Es hatte bis dahin nur vor Ort eine Rolle gespielt. Der Reichtum der Marschen war ihre Landwirtschaft. Nur arme Leute fischten für ihren eigenen Bedarf. Krabben wurden lange nur als Viehfutter und Dünger genutzt. Erst relativ spät wurde entdeckt, daß die grauen, glitschigen Schalentiere durch das Kochen in Salzwasser zu rotbräunlichen Delikatessen und damit eßbar wurden. Die Pioniere des gewerblichen Krabbenfangs kamen jedoch nicht von der Westküste. Dort war die Schleppnetzfischerei von Booten aus unbekannt. Sie wanderten von der Elbe und aus Ostpreußen ein.

Von der Hand auf das Feld

1931: Die "Gliep" der Familie Hansen trocknet nach dem "Porrnstriek" im Watt auf der Warft Treuberg auf der Hallig Nordmarsch-Langeneß

1931: Die „Gliep“ der Familie Hansen trocknet nach dem „Porrnstriek“ im Watt auf der Warft Treuberg auf der Hallig Nordmarsch-Langeneß

Die gesamte Fischerei war, bis auf eine Blüte beim Heringsfang (Hering) im Mittelalter und der Walfangfahrten von Inselfriesen nach Island und Grönland, in den Herzogtümern Schleswig und Holstein wirtschaftlich unbeutend. Für die landlose Bevölkerung an der Westküste allerdings bildete die Wattenfischerei eine zusätzliche Nahrungsquelle und bereicherte den Speiseplan. Zudem bot der Verkauf von Fisch vor Ort ein willkommenes Zubrot. Die erste Kunde über Krabben an der Westküste findet sich in einer 1624 herausgegeben Schrift von Stephanus von Schonevelde über die Fischarten an der Küste Dithmarschens. Er weist darauf hin, daß Krabben in großen Mengen als Viehfutter zur Schweine- und Entenmast gebraucht wurden.

1931: Die "Gliep" der Familie Hansen trocknet nach dem "Porrnstriek" im Watt auf der Warft Treuberg auf der Hallig Nordmarsch-Langeneß

1931: Die „Gliep“ der Familie Hansen trocknet nach dem „Porrnstriek“ im Watt auf der Warft Treuberg auf der Hallig Nordmarsch-Langeneß

Anders in England. Dort gehörten Garnelen schon 1799 neben Austern zu den „Naschereyen der Londner“ wie ein zeitgenössische Quelle belegt: „Eine gleichgesuchte Delikatesse des Volks sind die Meergarnelen (Cancer crangon l, auf englisch Shrimps), eine Art ganz kleiner, dünnschaliger Krabben. Diese werden gekocht und maaßweise verkauft. Man sieht viele Leute ein solches Maaß in ihr Taschentuch nehmen, und so auf der Straße daran knorpeln, gerade so wie die jungen Leute Obst naschen.“ Es sollte noch fast 100 Jahre dauern, bis auch in Hamburg, Kiel oder Flensburg rotbräunliche – also gekochte – Krabben angeboten wurden. Das Verfahren scheint sich Ende des 18. Jahrhunderts eingebürgert zu haben. 1795 schreibt Friedrich Karl Volkmar (1766-1814) in einer Chronik über Eiderstedt darüber: „Sie werden sogleich, nachdem sie gefangen sind, von den Fischern beim Feuer, das sie aus dem von der See ausgeworfenen Stroh, Rohr und Sträuchern anmachen, gekocht, und so durchs ganze Land zum Verkauf herumgetragen.“

Krabbenfang mit Gliep, Puk und Jall

Mit Gliep und Korb kehrt Peter Hansen Norderhörn vom Krabbenfang zurück

Mit Gliep und Korb kehrt Peter Hansen Norderhörn vom Krabbenfang zurück

Gefangen wurden die Krabben noch in Sperrnetzen oder bei Ebbe mit Schiebenetzen – auch Schiebehamen genannt – in den flachen Gewässern und Prielen. Diese Schiebenetze werden regional als Gliep (Nordfriesland), Puk (Pellworm) oder Jall (Dithmarschen) bezeichnet. Pastor Lorenz Lorenzen (1720-1790) von der Hallig Nordmarsch-Langeneß, vermerkt dazu 1749: „Es wird ein eigens dazu verfertigtes Netz an einen Reif angeheftet, und an einem Stiele, welcher unten in ein Queerholz getrieben ist, befestigt. Da waten nun die Frauensleute ziemlich tief zur Ebbezeit ins Wasser hinein, schieben das Netz vor sich hin, schütten die darinn befindlichen Purren zuweilen aus, und reinigen sie von den Unreinigkeiten des Meeres, solches trieben sie so lange, bis der Korb gefüllet ist, oder die zurückkehrende Fluth sie von dannen treibt.“ Das Querholz, das gegen den Strom über den Wattboden geschoben wird, scheuchte die Krabben aus dem Sand hoch, so daß sie sich im von Weidenzweigen aufgespannten Netzbeutel fingen. Diese Art des Krabbenfangs war ein hartes Stück Arbeit. Stundenlang wateten die Frauen barfuß mit aufgeschürzten Röcken im hüfthohen, kalten Wasser. Kinder und alte Männer halfen. In mitgeführten Weidenkörben oder mit Hilfe eines Eimerjochs (Halsjück) wurde der Fang nach Hause getragen.

Crangon crangon – Porren, Kraut, Granat

krabbenfang5Krabben, richtiger Sandgarnelen (crangon crangon), sind Krebstiere. Sie gehören zur Ordnung der Zehnfüßer und der Unterordnung „schwimmende Langschwänze“. Die Nordseegarnele bevölkert besonders in den Sommermonaten massenhaft die flachen Sand- und Schlickböden des Wattenmeeres. Weibchen werden in ihrem bis zu fünfjährigem Leben über acht Zentimeter groß, Männchen bis zu sechs. Die Krabben sind gräulich, transparent und können sich der Farbe des Untergrundes anpassen. Sie sind Dämmerungstiere und verbringen den Tag meist eingegraben im Schlick- oder Sandwatt. Nur die Stilaugen sehen heraus, mit einem Atemwasserstrahl orten sie Beute. Algen, Fischeier, kleine Würmer und Muscheln, jedoch auch Aas sowie Artgenossen nach der Häutung bilden ihre Nahrung. Die Krabben wiederum werden in großen Mengen zur Beute von Vögeln, Fischen und anderen Krebsen und sind deshalb ein zentrales Glied in der Nahrungskette des Wattenmeeres. Ein Weibchen kann sich drei Mal pro Jahr paaren und Eier legen. Meistens geschieht dies im Frühjahr, im Sommer und einmal mitten im Winter. Je älter und größer das Weibchen wird, um so mehr Eier legt es. Im dritten Jahr können es oft mehr als 25.000 Eier sein. Vor allem flache Strandtümpel dienen als Kinderstube der Jungkrabben. Sie sind besonders unempfindlich gegen niedrige Salzgehalte im Wasser. Salzgehalt und Temperatur spielen für die nach einem Jahr geschlechtsreifen Garnelen eine zentrale Rolle. Sie bestimmen den jährlichen Zug der Krabben. Im Winter ziehen sie sich in tiefere Regionen zurück, weil dort die Temperaturen konstanter sind. Steigen die Temperaturen, kommen die Garnelen mit geringerem Salzgehalt aus und steigen in die flachen, warmen und nahrungsreichen Watten hinauf.

Mit rund 6.000 Tonnen werden jährlich über die Hälfte der deutschen Krabben vor der schleswig-holsteinischen Westküste gefischt. Zwei bis vier Mal so viel – so schätzen Biologen – werden von anderen Wattbewohnern gefressen. Die Krabben werden regional unterschiedlich bezeichnet. Nördlich der Eider werden sie „Porren“ genannt, südlich in Dithmarschen auch als „Kraut“ bezeichnet. In Ostfriesland nennt man Sandgarnelen „Granat“.

Wandel durch die Industrialisierung

„Büsumer Krabbenfängerin“ auf einem Holzstich von 1860

„Büsumer Krabbenfängerin“ auf einem Holzstich von 1860

Menge und Qualität der Krabbenfänge blieben auf Grund der Fangmethoden äußerst gering. Erst im Zuge der Industrialisierung, die im Norden um die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte, begann der Wechsel von der Eigenbedarfs- zur Erwerbsfischerei. Sie war nur wirtschaftlich zu betreiben, wenn die Fänge über den örtlichen Bedarf hinaus gesteigert und vermarktet werden konnten. Grundlage dafür bot vor allem der Ausbau der Eisenbahn, der Mitte des 19. Jahrhunderts begann. 1884 erreichten die Gleise schließlich sogar abgelegene Sielhäfen wie den des Dithmarscher Friedrichskoog. Damit waren die Märkte in den wachsenden Städten erschlossen. Um die Erträge zu steigern, wurden Boote eingesetzt. Sie schleppten nun Netze über den Grund, die zwar vom Prinzip wie die Gliep arbeiteten, jedoch durch ihre Größe den Ertrag vervielfachten. Netze zum Beispiel aus der größten Netzfabrik Kontinentaleuropas, der 1873 gegründeten „Mechanischen Netzfabrik und Weberei AG“ in Itzehoe, machten solche Fanggeschirre erst möglich. Zwei weitere Faktoren trugen zum Aufschwung der Krabbenfischerei bei: es gelang, die Garnelen zu konservieren, und nach der Wende zum 20. Jahrhundert wurden die Fahrzeuge motorisiert.

Ein neuer Beruf entsteht

1940 - Ein typisches Bild: Der Husumer Fischer Friedrich Rohde steuert seinen Kutter „Hus 22 – Annemarie“ aus dem „Pottloch“

1940 – Ein typisches Bild: Der Husumer Fischer Friedrich Rohde steuert seinen Kutter „Hus 22 – Annemarie“ aus dem „Pottloch“

An der Westküste gab es zwar Krabben, jedoch keine Berufsfischer. Sie wanderten erst Ende des 19. Jahrhunderts ein. Der neue Erwerbszweig entstand ganz im Sinne der Politik des jungen Kaiserreichs. Von 1880 an wurde die Fischerei durch den Staat gefördert. Ziel war es, mehr Fisch als preiswertes Nahrungsmittel für die wachsenden Industriezentren auf den Markt zu bringen. Büsum in Dithmarschen wuchs so zum Beispiel durch zugewanderte Fischer aus Blankenese und Finkenwerder sowie Ostpreußen zum größten Anlandeplatz an der Westküste. Es war jedoch nicht allein die Aussicht auf ein neues, lukratives Geschäft, die die Fischer an die Westküste umsiedeln ließ. Während die Hochseefischerei weiter expandierte, brach die Elbfischerei zusammen, weil die Bestände in der Niederelbe rapide abgenommen hatten. Der Stör als Hauptbeute war überfischt. Mit immer engeren Maschen und schließlich auch Fängen während der Laichzeit, hatten die Elbfischer versucht, sich der neuen Konkurrenz auf der hohen See durch die Fischdampfer zu erwehren. Das Ende der Elbfischerei hatte jedoch auch ökologische Gründe: Von Tschechien bis Brunsbüttel wuchsen im Zuge der Industrialisierung die Städte. Nicht nur immer mehr Fäkalien gelangten ungeklärt in den Strom, von der neuen Schwerindustrie in Böhmen bis hin zu den Chromgerbereien in Neumünster schickten die Fabriken ihre hochbelasteten Abwässer über die Elbe in die Nordsee. Wie für die Auswanderung nach Übersee ist auch für die Binnenmigration der Elbfischer eine Kombination von zwei Faktoren ausschlaggebend: Das Zusammenbrechen der traditionellen wirtschaftlichen Basis und die Aussicht auf einen neuen, zukunftsfähigen Erwerb. Solche „Push- und Pull-Faktoren“ sind auch für ostpreußischen Fischer auszumachen, die vor allem nach Büsum übersiedelten. Sie kamen aus Alt-Passarge, einem Fischerdorf westlich von Braunsberg im Kreis Heiligenbeil. Auch sie waren Berufsfischer und brachten besondere Fertigkeiten aus der „Keitelfischerei“ mit Schleppnetzen mit. „Push-Faktor“ war vor allem das dort übliche Erbrecht, demzufolge nur ein Sohn die Fischereirecht des Vaters übernehmen durfte. Nicht zuletzt durch das kräftige Wachstum der Bevölkerung wanderten junge Fischer aus Ostpreußen aus, um sich in der aufkommenden Fischindustrie an der Nordsee oder – eben – als Krabbenfischer eine neue Existenz aufzubauen.

Der Krabbenkutter wird erfunden

Seitenriß des ersten speziellen Krabbenkutters, den Gustav Junge baute

Seitenriß des ersten speziellen Krabbenkutters, den Gustav Junge baute

Die erwerbsmäßige Krabbenfischerei begann mit offenen Ruder- oder Segelbooten von fünf bis acht Meter Länge. Sie wurden bald abgelöst durch größere Fahrzeuge, die halb- oder ganz gedeckt waren. Zunächst gab es für die Garnelenfischerei keine spezialisierten Schiffe. Das änderte sich erst kurz vor 1900. Gustav Junge aus Wewelsfleth wurde zum Pionier des Baus von Krabbenkuttern. Auf seiner Werft an der Störmündung entstand 1898/99 der zehn Meter lange und 3,75 Meter breite Kutter SH 3858 „Anna Margaretha“. Junge paßte damit einen neuen Schiffstyp für die Hochseefischerei den speziellen Verhältnissen im Watt an. Seine Kutter mit breitem Heck waren kleiner und hatten nur einen Meter Tiefgang und damit weit weniger als die Hochseekutter. Die ersten Kutter von Gustav Junge fuhren mit einem Giek- und einem Focksegel und waren für zwei Mann ausgelegt, die vorn im Logis Unterkunft fanden. Der eiserne Kessel mit Feuerung zum Kochen der Krabben stand auf dem Vorderdeck. Eine entscheidende Innovation war auch die per Hand betriebene Winde zum Aufholen des Netzes. Es konnte nun an Deck gehievt und entleert werden. Nicht mehr länger mußten die Krabben mühsam aus dem „Steert“ genannten Netzende im Wasser auf das Heck des Bootes gekeschert werden.

Der Kutter – ein „schneidiges Schiff“

1936 - Neubau eines Kutters auf der Tönninger Werft: Zu erkennen ist die typische Rumpfform und das Spiegelheck

1936 – Neubau eines Kutters auf der Tönninger Werft: Zu erkennen ist die typische Rumpfform und das Spiegelheck

Der Vorläufer der deutschen Kutter war die englische „Fishing-Smack“. Sie basiert auf den kleinen, einmastigen Segelschiffen, die Mitte des 18. Jahrhunderts zuerst für die englische Marine entwickelt wurden. Einfach zu bedienen und äußerst seetüchtig, wurden sie bald für die Fischerei übernommen. Ihr Name leitet sich aus dem typischen, fast senkrechten Steven ab, der wie ein Messer das Wasser schnitt – englisch: to cut. Aus dem „Cutter“ wurde verschlankt und spezifiziert der deutsche „Kutter“. Die seegehenden Fischkutter, wie sie etwa von Finkenwerder aus zur Doggerbank fuhren, hatten einen im Verhältnis zur ihrer Länge großen Tiefgang. Da es noch keine Kühlaggregate gab, wurde der Fisch meist lebend transportiert. Dazu diente die „Bünn“, ein abgeschlossener Laderaum im Kiel des Schiffes, der über kleine Löcher im Schiffsrumpf den lebenden Fang mit frischem Meerwasser versorgte. Krabbenkutter besitzen keine Bünn. Sie waren von Anbeginn dazu ausgelegt, nur Tagesfahrten zu unternehmen, und konservierten ihre Fänge durch das Abkochen der Garnelen.

Der Motor kommt an Bord

Bis zum Zweiten Weltkrieg unterschieden sich die motorisierten Kutter kaum von den alten Segelkuttern

Bis zum Zweiten Weltkrieg unterschieden sich die motorisierten Kutter kaum von den alten Segelkuttern

Neben dem Kutter behauptete sich anfangs die flachere und im allgemeinen kleinere Jolle, ein meistens gedecktes, kutterähnliches Fahrzeug, das sich zum Befahren besonders flacher Wasserrinnen vorzüglich eignete und vor Süderdithmarschen und im nordfriesischen Wattenmeer vorherrschte. Vor dem Ersten Weltkrieg begann die Motorisierung in der Krabbenfischerei. Als Antrieb verließen sich die Fischer vorerst noch auf die Segel. Die Benzinmotoren wurde zuerst genutzt, um die zwar vom Arbeitsablauf weit praktischere, aber ungemein anstrengende Handarbeit an der Winde zu ersetzen. Erst im zweiten Schritt wurde der Motor auch für den Antrieb einer Schraube genutzt. Die Benzinmotoren kamen jedoch schnell in Verruf, weil sie im Wortsinn „brandgefährlich“ waren. Sie wurden bald für den Betrieb mit Petroleum umgerüstet. Bis in die 1950er Jahre war über dem Wattenmeer auch das ruhige „Blubb-Blubb“ der wirtschaftlichen und grundsoliden Glühkopfmotoren zu hören. Doch setzten sich schlußendlich Dieselmotoren als Antrieb der Kutter durch. Mit dem Motor veränderte sich das Aussehen der Kutter. Wo der Skipper früher im Pottloch an Deck stand, um die Pinne zu führen, war nun der Motor eingebaut. So wurde darüber ein Ruderhaus gebaut und per Rad gesteuert. Die Motoren wurden im Lauf der Zeit immer stärker. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die 100-PS-Marke durchbrochen. Das war notwendig, weil die Kutter nun nicht länger nur ein Netz schleppten, sondern an jeder Seite einen Baum mit Netzkurre fuhren.

Krabbenfang mit „Baumkurren“

Das ostpreußische „Keitelnetz“ gilt als Vorläufer des „Trawls“ – des Grundschleppnetzes – der Nordsee

Das ostpreußische „Keitelnetz“ gilt als Vorläufer des „Trawls“ – des Grundschleppnetzes – der Nordsee

Die Fischerei mit Schleppnetzen ist seit dem 14. Jahrhundert in England bekannt. Wohl über Holland hat sich ihr Gebrauch bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts an der gesamten Nordseeküste durchgesetzt. So war bei den holländischen Hochseefischern bereits Ende des 18. Jahrhunderts ein Netz in Gebrauch, welches „Kurr“ hieß. Kenntnisse über die Schleppnetzfischerei gelangten jedoch auch aus dem Osten Deutschlands nach Schleswig-Holstein, aus Ostpreußen und Pommern. Der Keitel, ein Netzsack ohne Flügel, wurde von einem schweren Fahrzeug mit zwei Mann Besatzung geschleppt und gilt als Vorläufer des Trawls (Grundschleppnetz) der Nordsee. Für den Fang von Krabben entwickelte sich daraus ein besonderes Fanggeschirr, die „Baumkurre“.

Eine Baumkurre: Baum, Schlitten und die über den Wattgrund laufenden Rollen sind gut zu erkennen

Eine Baumkurre: Baum, Schlitten und die über den Wattgrund laufenden Rollen sind gut zu erkennen

Sie arbeitet im Prinzip wie die Gliep, wird jedoch gezogen und nicht geschoben und ist mit einer Breite von bis zu zehn Meter um ein vielfaches größer. Das Netz wird durch einen Querbaum offengehalten, dessen beide Enden auf einem dreieckigen, kufenartig gebogenen Gestell aufliegen, „Bügel“ oder „Schlitten“ genannt. Das Netz ist, je nach Baumlänge, zehn bis zwölf Meter lang. Etwa ein Drittel nimmt das feinmaschige Netzende, der „Steert“, ein, der den Fang birgt. Die Oberkante des Netzes (Obersimm) ist am Baum befestigt, die Unterkante (Grundtau) besteht aus einer Kette, an der etwa 40 Rollen aufgereiht sind, welche die Krabben aufscheuchen und in das Netz treiben.

Krabbenkochen an Bord

Der Husumer Fischer Kurt Laß beim Keschern der gekochten Krabben. Im Hintergrund ist das Kühlsieb sichtbar

Der Husumer Fischer Kurt Laß beim Keschern der gekochten Krabben. Im Hintergrund ist das Kühlsieb sichtbar

Die Krabben wurden anfangs an Bord nur gesiebt und roh an Land gebracht. Erst im Hafen oder zu Hause wurde der Fang gekocht. Da Krabben nur lebend verwertbar sind, verdarb der Fang, wenn der Rückweg unter Segeln zu lange dauerte. So versuchten Büsumer Fischer, den Fang auf dem kleinen Herd im Mannschaftslogis zu verarbeiten. Doch war diese Methode so zeitraubend, daß ein Großteil der Krabben vorher abstarb und unbrauchbar wurde. Erfolgreicher war das Verfahren, große Kessel oben an Deck zu installieren und darin die Krabben fangfrisch zu kochen. Auf Tönninger Booten experimentierte man zunächst mit Backsteinherden, dann wurden Waschkessel, umfunktionierte Brennstoffässer oder Kochkessel mit einer Feuerstelle darunter genutzt, anfangs mit Kohle, später mit Öl befeuert. Zu Beginn befand sich der Kochkessel mit im Pottloch, dem Ruderstand des Fischers. Als die Kutter mit festen Ruderhäusern versehen wurden, wanderte die Krabbenkessel für inzwischen 100 Liter dahinter auf das Achterdeck. Die nach Größe ausgesiebten Krabben wurden darin mit Kochsalz in Seewasser gekocht. Heute nimmt man nur noch Seewasser. Vor dem Ruderhaus fand die neue Siebmaschine ihren Platz. Bis Anfang der 1950er Jahre wurde der gesamte Fang mit Handsieben sortiert.

Die Husumer Fischer Kurt und Peter Laß (rechts) sowie ein Helfer beim Sieben

Die Husumer Fischer Kurt und Peter Laß (rechts) sowie ein Helfer beim Sieben

Danach übernahm die Schüttelmaschine alle Arbeitsgänge: Im Grob- oder „Schietsieb“ bleiben Beifang wie Schollen oder Seesterne, jedoch auch Müll. Zwei weitere Siebe trennen die Krabben in marktfähige Speisekrabben sowie Kleinkrabben. Sie gelten zusammen mit Kleinfischen als „Gammel“. Der wurde früher zu Tierfutter, also Fischmehl, verarbeitet. Das ist in Schleswig-Holstein seit 1975 verboten. Inzwischen bemühen sich die Fischer, das Absterben der kleinen Krabben an Deck zu verhindern, und spülen sie zum Erhalt der Bestände schnell zurück in die Nordsee. Unter anderem deshalb stehen inzwischen Edelstahltrichter zwischen Großmast und Ruderhaus, aus denen der Fang unter steter Wässerung mit Gummiraupen auf die Siebmaschine gefördert wird. Nach dem Sieben wird gekocht. Schließlich kommen die Krabben auf Siebe zum Kühlen, bevor sie verstaut werden. Ursprünglich wurden dafür Weidenkörbe benutzt, dann Aluminiumkisten. Heute gibt es Plastikbehälter für bis zu 50 Pfund Krabben.

Die Krabbe kommt in die Dose

Wiegen, deckeln, verlöten: die Konserve machte die Krabbe zum Exportartikel

Wiegen, deckeln, verlöten: die Konserve machte die Krabbe zum Exportartikel

Mit Zunahme der Fangmenge um 1890 veränderten sich Gebiete und Organisation des Absatzes. Einzelne Fischer waren in der Lage, bis zu 250 Kilo am Tag abzuliefern. Von 1900 an entstand in den Kutterhäfen wie Tönning, Friedrichskoog, Büsum sowie im Hinterland in Heide und Marne eine leistungsfähige Fischindustrie. Um per Bahn die neuen Märkte in den großen Städten beschicken zu können, reichte es nicht, die Krabben nur zu kochen. Sie mußten zusätzlich konserviert werden. Das notwendige Verfahren entwickelte der Tönninger Otto Freimöller. Das entschälte Krabbenfleisch wurde durch Zusatz von Borsäure und durch nachträgliches Erhitzen zu einer haltbaren Dosenkonserve verarbeitet. In Heide und in Büsum entstanden weitere Fabriken, die nach dieser Methode arbeiteten. Viele sogenannte „Versandfischer“, bei denen die Fischer ihre Fänge ablieferten und die für sie den Weiterversand betrieben, übernahmen ebenfalls dieses Verfahren. 1903 allerdings schon wurde Borsäure für gesundheitsschädlich erklärt und als Konservierungsmittel für Krabben verboten. Die Verarbeiter klagten, gewannen den Prozeß in Hamburg, mußte jedoch die Dosierung des Mittels erheblich reduzieren.

Pulen war an der Westküste lange Zeit Heimarbeit

Pulen war an der Westküste lange Zeit Heimarbeit

Die Säure blieb so bis Anfang der 1960er Jahre im Gebrauch. Dann wurde sie endgültig verboten. Benzoesäure ersetzte sie, wirkte jedoch weitaus schwächer. Deshalb wurde mit erheblichem Aufwand auf Kühlen und Frosten der Krabben umgestellt. Mit der Möglichkeit des Kühltransportes per LKW war auch das „Pulen“ genannte Schälen der Krabben nicht mehr allein auf die Umgebung der Häfen beschränkt. Da es ohnehin vor Ort immer schwieriger wurde, die ermüdende und schlecht bezahlte Pulerei zu erledigen, begann man, die Krabben zum Schälen nach Polen zu bringen. Heute fahren die Kühllaster bis nach Marokko, wo es große Schälzentren mit bis zu 3.000 Arbeiterinnen gibt. 90 Prozent der Fänge werden inzwischen exportiert, nur ein Zehntel kommen in Norddeutschland auf den Markt. Seit Jahrzehnten werden auch Versuche unternommen, Krabbenschälmaschinen zu entwickeln. Solche noch wenig ausgereifte Apparate laufen bisher bei kleinen Unternehmen in Büsum und Friedrichskoog.

Zukunftssorgen

1922: Rausgeputzt zur Kutterregatta im Büsumer Hafen. Nach dem Ersten Weltkrieg erreichte die Flotte eine beachtliche Größe

1922: Rausgeputzt zur Kutterregatta im Büsumer Hafen. Nach dem Ersten Weltkrieg erreichte die Flotte eine beachtliche Größe

Die Kutterflotte war nach der Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert rasch angewachsen. Der Fischerei-Almanach listete 1938 allein für Nordfriesland 136 Einheiten auf. Die Flotte umfaßte noch alle Typen vom einfachen Ruder- und Segelboot über Motorboote bis zu Motorkuttern mit 36 PS. Ihre Blütezeit erlebten die Kutterflotten nach dem Zweiten Weltkrieg. So gab es 1951 allein zwischen List und Tönning 210 Fischereifahrzeuge. 1957 waren noch 184 Kutter registriert. Die Gesamtzahl an der Westküste hat sich danach auf rund 100 (45 in Büsum und 54 in Husum/Pellworm/Friedrichskoog) reduziert. Das Sterben der Kutterbetriebe geht absehbar weiter. Parallel ändert sich die Struktur. Die alten bis zu 17 Meter langen Eichenkutter werden zunehmend durch leistungsfähigere Stahlschiffe ersetzt. Diese Kutter sind über 19 Meter lang, hochseetüchtig, um die 300 PS motorisiert, können pro Reise bis zu drei Tonnen verarbeiten und sind umrüstbar für den Fang von Plattfisch oder Kabeljau. Doch haben die Krabbenfischer große Existenzsorgen. Im Gegensatz zur übrigen Fischerei sind ihre Bestände dabei nicht überfischt. Die kleine Zehnfußkrabbe macht so ein Drittel der bundesdeutschen Fischfänge aus. Das ermöglichte es den Fischern an der Westküste über Jahre, den Preisverfall durch erhöhte Anlandungen auszugleichen. Diese Schraube ist nach Ansicht der Landesregierung überdreht.

Größer, vielseitiger, ganzjährig einsetzbar: Mit den modernen Kuttern aus Stahl versuchen die Fischer heute dem immer härter werdenden Preisdruck zu widerstehen. Der Husumer Kutter „SU 12 Marianne“von Bruno Hirsch

Größer, vielseitiger, ganzjährig einsetzbar: Mit den modernen Kuttern aus Stahl versuchen die Fischer heute dem immer härter werdenden Preisdruck zu widerstehen. Der Husumer Kutter „SU 12 Marianne“von Bruno Hirsch

Während die Fänge laut Agrarbericht 2004 relativ stabil bei rund 6.000 Tonnen liegen (mehr als die Hälfte der gesamten deutschen Fänge), fielen die Erlöse der Fischer an der Westküste von 2002 auf 2003 um fast ein Drittel auf knapp 15 Millionen EURO. Die Krabbenfischer beklagen seit Jahren den dramatischen Preisverfall bei steigenden Betriebskosten. Zur Zeit liegt der Erzeugerpreis bei nur maximal 2,15 EURO pro Kilo, 2002 waren es noch 3,52 Euro. Auch die Absprache mit den dänischen und niederländischen Kollegen, freiwillig die Fangmengen zu reduzieren, hat das Problem nicht beseitigt. Die Hauptursache für die Not der Krabbenfischerei wird in der Konzentration des Handels in wenigen Händen gesehen. Allein die holländischen Großhändler beherrschen 85 Prozent des europäischen Krabbenmarktes und können deshalb die Preise weitgehend diktieren.

Brigitta Seidel (TdM 0205)

Literatur: Naschereyen der Londner. Pastetenbäcker-Laden. Fruchtladen. Orangenconsumtion. Austern. Garneelen, S. 294-298, in: London und Paris: eine Zeitschr. mit Kupfern. – Rudolfstadt: Verl. d. Hof-, Buch- u. Kunsth., Bd. 3 (1799); Gert Uwe Detlefsen, Krabben, Garnelen und Granate, 1984, Husum; Heinrich Mehl /Doris Tillmann (Hrsg.), Fischer, Boote, Netze. Geschichte der Fischerei in Schleswig-Holstein, 1999, Heide, Boyens & Co, www.boyens-medien.de; Brigitta Seidel, Küstenfischerei in Nordfriesland, in: Schriftenreihe des Nordfriesischen Schiffahrtsmuseums Husum 3, hrsg. von Klaus Lengsfeld, 1999, Husum, Husum Druck- und Verlagsgesellschaft; Brigitta Seidel, Fischerei in Nordfriesland, S.13-35, in: Heinrich Mehl/Doris Tillmann (Hrsg.), Fischer, Boote, Netze. Geschichte der Fischerei in Schleswig-Holstein, Heide 1999,; Brigitta Seidel, Fischereifahrzeuge in Schleswig-Holstein, S. 94-116, in: Historische Schiffe, hrsg. von Heinrich Mehl, 2002, Heide, Boyens & Co; Brigitta Seidel, Eingewanderte und heimatvertriebene Fischer und ihr Einfluß auf die Fischerei an der Westküste, S. 16-18, in: Schleswig-Holstein 7/8 2003, Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, www.verlagsgruppe.de; Rüdiger Berghahn /Ralf Vorberg, Garnelenfischerei und Naturschutz im Nationalpark, Heide 1997 (Schriftenreihe Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer 6), zur Biologie S. 9ff

Bildquellen: „Hus 38“- Foto: Hans Hoffmann, Familie Claus Laß; Hallig/Poornstriek/Werft/Büsum 1922 – Foto: Max Broders, Archiv Volquard Broder, Wedel; Riss Kutter – aus Herbert Karting, Schiffe aus Wewelsfleth, Band II, Frachtsegler der Junge Werft, Itzehoe 1981; Krabbenfängerin: Archiv Brigitta Seidel; Pottloch – Foto: Wilhelm Hansen, Husum; Kleiner Motorkutter – Foto: Jeje Ohrt, Pellworm; Keitelnetz – aus Kurzer Abriß der deutschen Seefischerei, Ein Führer durch die Fischereiabteilung des Altonaer Museums, Hamburg 1999; Kochen – Foto: Kurt Laß, Husum;Sieben – Kurt Laß, Husum; Konserven – Foto: Hans Hoffmann, Bildarchiv des Kreisarchivs Nordfriesland; Pulen – Foto: Walter Nehm, Bildarchiv des Kreisarchivs Nordfriesland; SU 12 – Foto: Bruno Hirsch, Husum