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Moor

Mobile Entwässerungsmühlen und Torfstiche in Ostroher Moor bei Heide um 1910

Mobile Entwässerungsmühlen und Torfstiche in Ostroher Moor bei Heide um 1910

Mehr als ein Zehntel der Fläche des Landes zwischen den Meeren war bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts mit Mooren bedeckt. Im Landesteil Schleswig blieb ein Fünftel der Landesfläche wirtschaftlich ungenutzt, in Holstein immerhin 14 Prozent. 1900 gab es nur noch 800 Quadratkilometer Moore. Das bedeutete, 3.000 Quadratkilometer ehemaliger Moorflächen waren schon in „Kulturland“ umgewandelt worden. Der Abbau und das Trockenlegen von Mooren hatte schon weitaus früher begonnen. Die vermoorten Niederungen der Marschen an der Westküste waren bereits seit dem späten Mittelalter im Rahmen der Landgewinnung „kultiviert“ worden. Ein Sonderkapitel dabei war die Salzproduktion durch das Verbrennen von meerwassergetränktem Torf in den nordfriesischen Utlanden. Im 19. Jahrhunderts beschleunigten zwei Faktoren die Moorkolonisation. Ab den 1820er Jahren begann eine langanhaltende Agrarkonjunktur.

Torfabbau im Weißen Moor um 1930

Torfabbau im Weißen Moor um 1930

Besonders die frühe Industrialisierung Englands, hatte das Vereinigte Königreich von Lebensmittelimporten abhängig gemacht. Davon profitierten die Herzogtümer. Die Landwirtschaft erfuhr einen erheblichen Aufschwung. Nun wurden wirtschaftlich auch bisher ungenutzte Flächen interessant. Eine zweite Phase der Verkoppelung begann. Es wurden jetzt auch Flächen aufgeteilt, die bisher als öd galten. Getragen wurde die Konjunktur auch durch die „Verwissenschaftlichung“ der Agrarproduktion etwa durch Justus von Liebig (1803 bis 1873), der den „Kunstdünger“ erfand, sowie die Mitte des 19. Jahrhundert einsetzende Mechanisierung der Landwirtschaft. Seit den 1870er Jahren wurden großflächig die Moorflächen trockengelegt, um sie landwirtschaftlich zu nutzen. Es setzte erneut ein bis dahin unvorstellbarer Wandel der Landschaft ein. Der Flensburger Verleger A. Westphalen beschrieb ihn 1911, als er sich an eine Eisenbahnfahrt von Rendsburg nach Altona erinnerte, die er 1853 unternommen hatte: „Der Weg führte fast ausnahmslos durch flache Heide- und Moorländereien, nur unterbrochen durch Torfhaufen und dürftige Hütten der Arbeiter. Man kann sich keinen Begriff davon machen, wie diese jetzt größtenteils in schöner Kultur befindlichen Strecken von 60 Jahren ausgesehen haben.“

„Weder See noch Land“

Verlandener Torfstich in einem Moor bei Rederstall

Verlandener Torfstich in einem Moor bei Rederstall

Moore entwickeln sich dort, wo sich in flachen Senken mehr Wasser sammelt als abfließen oder verdunsten kann. Torf entsteht dadurch, daß Pflanzen-(und Tier-)reste sich unter Luftabschluß im Wasser nur unvollkommen zersetzen. Es entstehen Niedermoore. Setzt an deren Oberfläche das Wachstum von Torfmoosen ein, können sich Hochmoore bilden. Das Kapillarsystem der Torfmoose ist in der Lage, Wasser zu speichern. So können Moore, allein vom Niederschlag feucht gehalten, bis zu einer Mächtigkeit von zehn Metern über den Wasserspiegel anwachsen. Man spricht dann von Hochmooren. Die obersten Torfschichten in diesen wachsenden Mooren sind im spezifischen Gewicht und im Wassergehalt der Milch vergleichbar – und deswegen mit schwerem Gerät unwegsam. Daß man dennoch auf schwankendem Grund auf Torfen mit 95 Prozent Wassergehalt wandeln kann, ist dem Wurzel- und Rhizomgeflecht der Pflanzen zu verdanken. Dadurch werden sie – im Gegensatz zur Milch – gangbar, nicht wirklich überall und für jeden, jedoch zumindest für Kundige im allgemeinen problemarm.

Der mittlere Sonnentau: Die unscheinbare, fleischfressende Pflanze gehört zu den vielen Spezialisten im Moor

Der mittlere Sonnentau: Die unscheinbare, fleischfressende Pflanze gehört zu den vielen Spezialisten im Moor

Die Torfbildung wird durch das Klima, die Oberflächengestalt und den Wasserhaushalt der Landschaft bestimmt. Torfe entstehen, wenn Seen verlanden oder Mineralböden versumpfen. Weltweit bedecken Moore eine Fläche von rund vier Millionen Quadratkilometer. Das entspricht drei Prozent der Landmasse. Rund 90 Prozent davon liegen auf der Nordhalbkugel, die ausgedehntesten in Kanada und Westsibirien. Schleswig-Holstein ist vergleichsweise reich an Mooren. Grundwassergeprägte Niedermoore, ursprünglich etwa 130 000 Hektar, machten insgesamt acht Prozent der Landesfläche aus; der Anteil der nur unter Einfluß von Niederschlagswasser gebildeten Hochmoore ist demgegenüber mit ursprünglich rund 46.000 Hektar deutlich geringer.

Wo Moore entstanden

Heideblüte im Weißen Moor bei Blankenmoor. Mit diesem Stadium ist schon der Übergang eines Moores erreicht.

Heideblüte im Weißen Moor bei Blankenmoor. Mit diesem Stadium ist schon der Übergang eines Moores erreicht.

Die Moortypen in Schleswig-Holstein und ihre Verteilung sind vor allem landschaftsspezifisch (siehe Eiszeitland / Naturräume). Die an Kuppen und Hohlformen reiche weichselzeitliche Grundmoränenlandschaft des Östlichen Hügellandes ist geprägt durch Verlandungsmoore an den größeren Seen, Kesselmoore in Toteislöchern und Überflutungsmoore in den Flußauen sowie in abgeschnittenen Buchten entlang der Ostseeküste und an der Schlei. Auf den sich westlich anschließenden, gleichfalls weichseleiszeitlichen Sanderflächen der „Niederen Geest“ haben sich als Folge des nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstiegs der Nordsee (Transgression) Versumpfungsmoore entwickelt, aus denen vor allem an den Wasserscheiden zwischen den Geestgewässern bei geringem Relief Hochmoore aufgewachsen sind. Entlang der westwärts ziehenden Schmelzwasserströme etwa im Verlauf von Eider, Treene und Sorge haben sich entlang der Flüsse Überflutungsmoore entwickelt. In der Marsch entlang der Nordsee schließlich wechseln vielfach räumlich und zeitlich sandige und tonige Ablagerungen mit Niedermoortorfen, auf denen bisweilen Hochmoore stocken. Die Phasen des Meeresspiegelanstiegs der Nordsee spiegeln sich in der Ablagerungsgeschichte der Sedimente und Torfe.

Der Mensch greift ein

Torfstechen im Lindener Moor in den 1940er Jahren

Torfstechen im Lindener Moor in den 1940er Jahren

Seit der Mittelsteinzeit werden (vor allem Niedermoore) vom Menschen genutzt. Eher episodisch wurden zunächst die Gewässer für Fischfang und Jagd genutzt. Deutlich später, vor etwa 2.000 Jahren, begann zaghaft der Abbau von Brenntorf. Der Wasserhaushalt wurde vor allem seit dem 11. Jahrhundert durch die Anlage von Gräben und Deichen (Deichbau / Entwässerung) geprägt und verändert. In den Küstenüberflutungsmooren kam das Gewinnen von Salz durch das Verbrennen von Torfen dazu. Seit dem 17.Jahrhundert führten zunächst im Raum Friedrichstadt siedelnde Holländer mit Deichen und Schöpfmühlen neue und effektive Entwässerungstechniken ein, durch die zahlreiche Niedermoore und Seen in Köge überführt wurden, aus denen sich ertragreiche Wiesen und Weiden entwickeln konnten. Schließlich haben die Begradigung und der weitergehende Ausbau der Fließgewässer im 20.Jahrhundert die Entwässerung weiter Landstriche zügig vorangetrieben und damit die landwirtschaftliche Nutzung von Moorböden in heutigem Umfang möglich gemacht. Es ist heute davon auszugehen, daß durch die Bewirtschaftung der Niedermoorflächen als Folge der Torfzersetzung derzeit bis zu 30.000 Hektar, also nahezu ein Fünftel der ursprünglichen Moorflächen, verschwunden sind. Der Rest ist zumindest zeitweilig mehr oder weniger intensiv bewirtschaftet worden.

Einsatz einer Torffördermaschine im Rüsdorfer Moor bei Heide um 1945

Einsatz einer Torffördermaschine im Rüsdorfer Moor bei Heide um 1945

Die Niedermoore wurde als Weiden genutzt, die Hochmoore erst überwiegend abgetorft, um Brennstoff zu gewinnen, um danach landwirtschaftlich genutzt zu werden. Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts dürfte die Mehrzahl der Hochmoore Schleswig-Holsteins durch bäuerlichen Torfstich stark verändert gewesen sein. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dann Moore mithilfe von Dampfmaschinen und Tiefpflügen urbar gemacht und in Äcker oder Grünland überführt. In jüngerer Zeit erweist sich eine betriebswirtschaftlich rationelle und rationale Nutzung als zunehmend problematisch. Die entwässerten Torfe sacken und vernässen. Das erschwert es, die ehemaligen Moorflächen als Wiesen oder Weiden zu bewirtschaften. Moore sind von Natur aus nährstoffarme Biotope. Durch die höheren Einträge von Nährstoffen wirkt sich das Beackern solcher Flächen noch gravierender als die Nutzung als Grünland aus. Mit den Zielen der heute sogenannten nachhaltigen Wirtschaft ist das Pflügen von Moorflächen nicht mehr vereinbar. Zahlreiche ehemals genutzte Flächen veröden inzwischen, werden zur Brache. Sie sind damit wertlos geworden als Nutzflächen, entwertet für Ziele des Naturschutzes und einer zukunftsorientierten Landschaftsentwicklung.

Später Moorschutz

Moor konserviert: dieser wohl urgeschichtliche Miniaturschuh wurde im Delver Moor gefunden

Moor konserviert: dieser wohl urgeschichtliche Miniaturschuh wurde im Delver Moor gefunden

Die Geschichte des Moorschutzes ist jünger. Um 1930 nahmen sich die ersten Naturschützer im Lande der Moore als schützenswerte Landschaftsausschnitte und Lebensräume für eine spezifische Tier- und Pflanzenwelt an, und die ersten Naturschutzgebiete wurden ausgewiesen. Aber selbst in diesen Reservaten wurde, wie etwa im Tetenhusener Moor bei Meggerdorf, der inzwischen industrielle Torfabbau kaum wirksam eingeschränkt. Seit 1993 sind durch das Landesnaturschutzgesetz alle ungenutzten Moorflächen als Biotope geschützt. Keine dieser Flächen ist freilich im ursprünglichen Zustand eines wachsenden Moores. Vielmehr charakterisiert ein Mosaik aus Abbauflächen, Brachen, verheideten Stadien, schütterem Birkenwald und vernäßten Standorten die Norddeutschen Moorlandschaften des 21. Jahrhunderts: also vom Wirken des Menschen weitgehend überformte und veränderte Ökosystemkomplexe – eine industriezeitalterliche Collage einstiger Wildnis. Der Abbau und die Denaturierung von Mooren hat jedoch nicht nur einen biologischen Aspekt, sondern auch einem klimatischen. Mit einer geschätzten Gesamtfläche von vier Millionen Quadratkilometer bedecken Moore weltweit drei Prozent der Landmasse. Der Torf bindet gut zwölf Prozent der Kohlenstoffvorräte in den Böden. Land- und forstwirtschaftlich erschlossen sind weltweit gut sieben Prozent davon, etwa 300.000 Quadratkilometer Moorflächen. Jedes Jahr kommen rund 5.500 Quadratkilometer dazu. Über die vom Menschen genutzten Moorflächen gelangen pro Jahr zwischen 430 und 730 Millionen Tonnen Kohlendioxid zusätzlich in die Atmosphäre. Auch wenn sich der Anteil Schleswig-Holsteinischer Moore daran bescheiden ausnehmen mag, so ist es dennoch sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, Moore und Torflager zu erhalten. Selbst, wo der Zustand für die aktuelle Flora und Fauna in weitreichend zerstörten Moorresten desolat ist – eine fortschreitende Torfmineralisation schafft eine Fülle zusätzlicher und vermeidbarer Umweltprobleme durch die Freisetzung atmosphärenwirksamer Gase wie Kohlendioxid und Lachgas und durch die Abfuhr ehedem in Torfen gebundener Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor in das Oberflächen- und Grundwasser. Der einfachste Weg, Moore wieder zu Nährstoffsenken zu machen, ist es, ehemalige Moorstandorte wieder zu vernässen. Bis sie sich wieder zu Mooren entwickeln, dauert es jedoch sehr lange. Das Zerstören von Mooren geht etwa 150 Mal schneller, als deren natürlicher Aufbau dauert.

Klaus Dierßen (TdM 0902)

Tipp: Noch bis in den Oktober hinein zeigt das Museum für Dithmarscher Vorgeschichte in Heide eine Sonderschau zum Thema Moore.

Wer mehr lesen oder wissen möchte: Michael Trepel, Joachim Schrautzer, Bewertung von Niedermoorökosystemen für den Ressourcenschutz und Artenschutz in Schleswig-Holstein und ihre Entwicklungsmöglichkeiten, 1998, Husum, Die Heimat 105 (3/4), 45- 62; Hauke Drews, Julia Jacobsen, Michael Trepel, Karin Wolter , Moore in Schleswig-Holstein unter besonderer Berücksichtigung der Niedermoore – Verbreitung, Zustand und Bedeutung, S. 241-278, Hannover, 2000 Telma 30; Michael Trepel, Gedanken zur zukünftigen Nutzung schleswig-holsteinischer Niedermoore, S. 186-194, 2000, Husum, Die Heimat 108 (11/12); Mamoun Fansa (Herausgeber), Moor – eine verlorene Landschaft, Schriftenreihe des Landesmuseum für Natur und Mensch, Heft 20, 2001, Oldenburg Niedersachsen, Isensee-Verlag; Klaus und Barbara Dierßen, Moore (Ökosysteme Mitteleuropas aus geobotanischer Sicht), 2001, Stuttgart, Ulmer-Verlag; SHG

Bildquellen: Alle Bilder wurden für die Sonderschau Moore des Museums für Dithmarscher Vorgeschichte Heide, 2002, von Volker Arnold gesammelt; Vignette: Süderholmer Moor um 1930; Entwässerungsmühlen: Theodor Möller; Verlandener Torfstich / Sonnentau: Volker Arnold; Heideblüte: Reimer Stecher