SH von A bis Z
     A B C D E F G H I J
     K L M N O P Q R S
     T U V W Y Z
So lebte man in SH um …
     1150, 1350, 1650,
     1800, 1830, 1900,
     1925, 1955

Naturschutzgebiet Nordfriesisches Wattenmeer

Der Alpenstrandläufer ist ein Symboltier des Wattenmeeres

Der Alpenstrandläufer ist ein Symboltier des Wattenmeeres

Am 22. Januar 1974 stellte das Land Schleswig-Holstein 139.000 Hektar im nordfriesischen Wattenmeer unter Naturschutz. Es war eine kleine Lösung, denn mit immer größerer Vehemenz seitens der Naturschützer war seit Ende der 1960er Jahre gefordert worden, die einmalige Naturlandschaft als Nationalpark auszuweisen.

Der Impuls von den Jägern

Das Wattenmeer – zunächst ging es vor allem um das nordfriesische – großräumiger zu schützen, forderten Vogel- und Naturschützer immer lauter seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch es war die Jägerschaft, die den auslösenden Impuls für einen Nationalpark gab. Schon 1969 unterbreitete der Landesjagdverband dem damaligen Landwirtschaftsminister Ernst Engelbrecht-Greve (12.07.1916*/10.01.1990†) den Vorschlag, aus dem nordfriesischen Wattenmeer einen Nationalpark zu machen. Der CDU-Landesminister ließ den Vorschlag prüfen. Zunächst wurde jedoch das Watt als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Das tat Klaus Petersen, erster Landrat des 1970 entstandenen Landkreises Nordfriesland im November 1971. Damit sollten vor allem die Pläne der Bundeswehr durchkreuzt werden, die das Watt als Übungsgebiet nutzen wollte.

Die Nationalparkidee nimmt Fahrt auf

Am Ende des Besuches vom Bundesnaturschutzbeauftragten Prof. Bernhard Grzimek (24.04.1909*/13.03.1987†) am 16. Juli 1971 stellte dieser fest: „Das nordfriesische Wattenmeer hat die beste Chance, Deutschlands erster wirklicher Nationalpark zu werden“. Die Naturschützer griffen das begeistert auf, als am 3. Juni 1972 nicht zufällig in  Husum der „Deutsche Naturschutztag“ ausgerichtet wurde. Die Idee kam damit öffentlich ins Bewusstsein und in die Diskussion. Während die Schutzstation Wattenmeer Vorschläge erarbeitete und das Land am 16. April 1973 ein Naturschutzgesetz verabschiedete, das erstmals in der Nachkriegszeit im Paragraphen 15 den Begriff „Nationalpark“ verankerte, wuchs der Widerstand.

Naturschutzgebiet statt Nationalpark

Die Angst um die Zukunft „traditioneller Nutzungen“ wie den Krabbenfang ließen den Widerstand gegen einen Nationalpark wachsen

Die Angst um die Zukunft „traditioneller Nutzungen“ wie den Krabbenfang ließen den Widerstand gegen einen Nationalpark wachsen

Das neue und damals hochmoderne neue Landesnaturschutzgesetz des Landes Schleswig-Holstein war Grundlage für das Landwirtschaftsministerium in Kiel, um Dezember 1973 einen Entwurf für ein Gesetz „Nationalpark Nordfriesisches Wattenmeer“ auf den Weg zu bringen. Doch zuerst hatten die Friesen Bedenken. Sie betrachteten das ganze Wattenmeer als ihren Kulturraum und wollten nicht fremd bestimmt werden. Dann hatten die Tourismusverbände Zweifel. Schließlich war der Widerstand an der Küste allgemein. Landrat Klaus Petersen hatte noch im August 1972 den Nationalpark grundsätzlich begrüßt, nun wurde er einer seiner profiliertesten Gegner.

Das „Küstenbewusstsein“

Es gelang nur noch am 22.Janaur 1974 das nordfriesische Wattenmeer als Naturschutzgebiet auszuweisen. Günther Flessner war Ernst Engelbrecht-Greve 1975 als Landwirtschaftminister gefolgt. Er erlebte, wie der Kreistag in Nordfriesland im Januar 1976 den Nationalpark ablehnte, wie der Widerstand und der Unwillen an der Westküste ständig wuchsen. Am 22. April 1976 empfahl Flessner dem Kabinett, nicht mehr weiter an einem Nationalpark zu planen. Dabei blieb es, bis 1982 Gerhard Stoltenberg (29.09.1928*/ 23.11.2001†) als Ministerpräsident ausschied und nach Bonn ging. Erst sein Nachfolger Uwe Barschel (13.05.1944/11.10.1987†) griff die Pläne für einen Nationalpark wieder auf. Den bereiteten wieder Günter Flessner und sein Abteilungsleiter Peter-Uwe Conrad vor. In ihrer Rückschau scheiterte der erste Versuch einen Nationalpark einzurichten vor allem an dem in Kiel unterschätzten „Küstenbewußtsein“.

Nationale Nationalparke

Der große biologische Reichtum sind die Bewohner des Wattbodens wie die Wattschnecke

Der große biologische Reichtum sind die Bewohner des Wattbodens wie die Wattschnecke

Nach seinem Halligrundflug hatte Bernhard Grzimek 1971 geschwärmt, das Wattenmeer habe die Chance, „Deutschland erster wirklicher Nationalpark zu werden“. Damit setzte er das Projekt gegen den bereits 1970 ausgewiesen Nationalpark bayrischer Wald ab. Der gründete sich vor allem auf Landesverordnungen, und galt damit nicht als richtiger Nationalpark. In der Bundesrepublik galt noch das Reichnaturschutzgesetz von 1935. Das kannte keine Nationalparks. Damit waren die internationalen Regeln gültig. Die forderten Schutzgebiete ohne jegliche menschliche Nutzung. Weil das gerade im auch stark kulturgeprägten Wattenmeer nicht möglich erschien, hatte sich der Widerstand verstärkt. Rechtlich änderte sich das, als 1977 mit starken Anleihen aus dem Landesgesetz aus Schleswig-Holstein von 1975 das erste Bundesnaturschutzgesetz entstand. Nun waren „nationale Nationalparke“ möglich, also solche, in denen das Miteinander von Mensch und Natur organisiert werden konnte. Damit konnte auch in Schleswig-Holstein wieder ein Nationalpark Wattenmeer geplant werden. Allerdings, so räumen Flessner und Conrad ein, sei es beim zweiten Anlauf für den Nationalpark kaum gelungen, den grundsätzlichen Unterschied der alten Nationalparke nach Art des Yellowstone Nationalparks und den Möglichkeiten der „nationalen Nationalparke“ zu vermitteln.

Eine kuriose Hinterlassenschaft

Nach langem Kampf vor Ort und im Landtag startete schließlich im Oktober 1985 der „Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer“. Naturschutz und SPD kritisierten, es sei ein fauler Kompromiss, erkauft  mit Ausnahmen und Zugeständnissen – ein Etikettenschwindel. Eines dieser Zugeständnisse war die Regelung, den Nationalpark erst 150 Meter vor dem Deich beginnen zu lassen. Dieser Streifen stand aber schon seit 1974 unter Naturschutz. Damit ist ein Rest des NSGs von 1974 erhalten. Zwar waren es keine 139.000 Hektar mehr sondern ein immerhin 450 Kilometer langer, jedoch nur 150 Meter breiter Streifen vor den Deichen der Westküste.

-ju- (0314)

Quellen: Prof. Hans Peter-Ziemek, „Großreservat Halligmeer“ – einer der ersten Versuche zur Gründung eines Nationalparks in der Bundesrepublik Deutschland“, in Natur und Landschaft, 3.2014, Stuttgart, Verlag Kohlhammer; Werner Junge, „25 Jahre Nationalpark“ in Nordfriesland, Nr. 172, Dezember 2010, Bredstedt/Bräist, Nordfriisk Instituut; PI der Schutzstation Wattenmeer vom 24.1.2014

Bildquelle: Martin Stock / Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN-SH)