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Oeverseemarsch

Die Österreicher bei Oeversee im Sturm

Die Österreicher bei Oeversee im Sturm

Seit 1865 wird mit dem Oeverseemarsch an das Nachhutgefecht zwischen Dänen und den verfolgenden Österreichern am 6. Februar 1864 gedacht. Zunächst war es ein schleswig-holsteinisches und deutsches Gedenken, dann kamen Österreicher dazu, seit 2004 marschieren auch Dänen am 6. Februar von  Flensburg raus nach Oeversee.

Ein blutiges Gefecht

Am 1. Februar 1864 begann der Zweite Schleswigsche Krieg. Weil das Dänemark die  Novemberverfassung nicht zurücknahm, verstieß das Königreich gegen das zweite Londoner Protokoll von 1852. Die Garantiemächte Preußen und Österreich marschierten darauf in  Holstein ein. Die dänische Armee sollte dem Angriff am  Danewerk trotzen. Der Krieg begann aus dänischer Sicht unerwartet früh mitten im Winter. Auch dadurch war das mit 35.000 Soldaten besetzte und noch nicht endgültig gerüstete Werk kaum zu halten. Die Österreicher drangen westlich vor, und nach dem Übergang über die Schlei standen auch die Preußen schon hinter dem Danewerk. In dieser Situation beschloss der Oberbefehlshaber General Christian Julius de Meza (1792* /1865) den dänischen Rückzug. Bei Nacht und klirrender Kälte marschierten die Soldaten über die vereiste Chaussee nach Norden. Nach einigen Scharmützeln mit den nachrückenden Österreichern stoppte die Nachhut schließlich (wie schon im Ersten Schleswigschen Krieg) in Oeversee. Etwa 3.000 Dänen sollten die Österreicher aufhalten. Das Gefecht begann 14.30 Uhr. Beide Seiten griffen an. Zunächst waren die Dänen im Vorteil. Schließlich setzten sich die Österreicher in einem blutigen Gefecht durch.

Leiden auf dem Schlachtfeld

Der am Ende Mann gegen Mann ausgefochtene Kampf forderte auf österreichischer Seite 95 Tote, 40 auf dänischer. 311 Österreicher und 134 Dänen wurden verwundet. Nach der Schlacht bot sich ein Bild des Grauens. Der nahe Krug wurde geräumt und zum Notlazarett, Fuhrwerke wurde requiriert und schafften Verletzte nach Schleswig. Am Tag nach der Schlacht kamen auch eine Gruppe dänisch gesinnter Bürger die zehn Kilometer von Flensburg nach Oeversee, um Verletzte und Tote zu bergen. Doch weil auf dem Schlachtfeld geplündert wurde, hatten es die nachgerückten Preußen bereits für Zivilisten abgesperrt. Über den Umfang der humanitären Hilfe durch Flensburger Bürger gibt es nur wenige und vage Quellen. Gut dokumentiert ist dagegen die Geschichte des am 10. Februar gegründeten „Hülfs-Comités“. Es unterstützte zuerst die Arbeit in den Lazaretten. Das auch noch, als die ersten verwundeten Soldaten des Kampfes um Düppel in die Hafenstadt gebracht wurden. Als diese Arbeit getan war, wurde das gesammelte Geld für die Pflege der Kriegsgräber verwendet.

Eine Tradition im Wandel

Am 6. Februar 1865 brachen 4.000 Flensburger zum ersten Oeverseemarsch auf. Träger waren die vor allem patriotischen Schleswig-Holsteiner aus den Reihen des „Hülfs-Comités“. In Oeversee – so die Protokolle – trafen sich „Treudeutsche Männer“. Bis zu der 50-Jahr-Feier am Vorabend des Beginns des Ersten Weltkrieges blieb es im Kern ein regionales Ereignis. Aus Anlass des 50. Düppeljubiläums wurde neben dem inzwischen traditionell vom Stammkomitee organisierten Marsch eine große vaterländische Feier in Oeversee begangen. Vor 10.000 Menschen wurde noch einmal die Schlacht rekonstruiert. Nachdem 1920 die deutsch-dänische Grenze per Volksentscheid neu gezogen worden war und sich nach Süden verschoben hatte (Abstimmungsgebiet), änderte sich der Tenor der Reden. Die verlorenen Brüder nördlich der Grenze rückten nun in den Vordergrund. Während der Zeit des Nationalsozialismus war es vor allem die Hoffnung, das Nordschleswig wieder zu Deutschland komme. Das passierte nicht. Zum 75. Jahrestag 1939 jedoch stilisierten die Nationalsozialisten das Oeverseegedenken zu einem „großdeutschen“ Ereignis, ein Gefecht, mit dem der „politischen und volklichen Freiheit der Nordmark“ der Weg gebahnt worden sei. Wie schon 1914 organisierte diese Feier nicht das Stammkomitee. Als die Tradition 1948 nach dem Krieg wieder aufgenommen wurde, die Neudänische Bewegung (Dänische Minderheit) stark war und forderte, den Landesteil Schleswig zu einem Teil Dänemarks zu machen, bestimmten antidänische Töne die Reden in Oeversee. Der Wandel kam erst nach den Bonn-Kopenhagener-Erklärungen 1955 zustande. Der Versuch jedoch, die 100-Jahr-Feier 1964 als gemeinsames deutsch-dänischen Gedenken zu begehen, scheiterte. Doch der humanitäre Hintergrund der Feier trat nun stärker in den Vordergrund. Es dauerte indes lange, bis das Eis gebrochen war. 2001 marschierten erstmals Mitglieder der dänischen Minderheit mit nach Oeversee. Das Zeichen setze schließlich 2003 der Amtsbürgermeister (Landrat) des Amtes Apenrade (Nordschleswig), Kresten Philipsen, der als Hauptredner auftrat. Zur 140-Jahr-Feier 2004 gelang schließlich der Wandel. Die Sydslesvig Forening – also der Kulturverein des dänischen Minderheit – wurde zum Mitveranstalter, Schüler der Duborg Skolen, des dänischen Gymnasiums in Flensburg, zogen mit nach Sankelmark. Seit dem wird am 6. Februar auch dänische Lieder gesungen, wehen Danebrog, Bundesflagge, die Österreichische und die Schleswig-Holsteins einträchtig nebeneinander. Der dänische Historiker Lars N. Henningsen nennt den Wandel ein „politisches Kunststück“. Durch „kreativen Gebrauch der Geschichte“, einem gesunden Willen zur Zusammenarbeit und weil man vor allem auf deutscher Seite bereit gewesen sei, mit Traditionen zu brechen, – so das Fazit von Henningsen – sei eine neue Plattform für den deutsch-dänischen Dialog geschaffen worden.

-ju- (0203/0314)

Tipp: Im – inzwischen – „Historischen Krug“ von Oeversee an der B 76 war 1864 ein Lazarett untergebracht. Noch heute sind dort zahlreiche Erinnerungsstücke an das Gefecht zu sehen.

Quellen: SHLEX; Frank Lubowitz, Oeversee 1864 – Entstehung und Wandel eines Gedenktages, Flensburg 2005, Grenzfriedenshefte 4/2005, S. 301 ff. Lars N. Henningsen, Geschichte und Politik: der Oeverseemarsch, Flensburg, 2006, Grenzfriedenshefte 4/2006, S. 295 ff.

Bildquelle: SHLEX