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Programm Nord

Plakat des Südschleswigschen Wählerverbandes zur Landtagswahl 1950

Plakat des Südschleswigschen Wählerverbandes zur Landtagswahl 1950

Mit Beschluß der Landesregierung vom 24.2.1953 wurde in Schleswig-Holstein das „Programm Nord“ aufgelegt. Sein Ziel war es, das wirtschaftliche Süd-Nord-Gefälle innerhalb des neuen Bundeslandes aufzuheben. Dazu kam bei Ministerpräsident Friedrich-Wilhelm Lübke (CDU) auch ein landespolitisches Motiv. Es galt, etwas gegen den verbreiteten Unmut im äußerst strukturschwachen nördlichen Landesteil zu tun. Angesichts der allgemeinen Not, die durch den hohen Anteil der Flüchtlinge verstärkt wurde, hatte dort die Dänische Bewegung starken Zulauf erhalten. Viele hofften, die Krise sei zu überwinden, wenn der Landesteil Schleswig sich Dänemark anschlösse. Auch dem sollte das Programm Nord entgegenwirken.

Die Geest vor dem Beginn des Programms Nord: Fast baum- und strauchlos

Die Geest vor dem Beginn des Programms Nord: Fast baum- und strauchlos

Die Ausgangslage war denkbar schlecht: Die Betriebe waren für eine moderne Landwirtschaft zu klein, Weiden und Äcker einer Familie verteilten sich oft weit über die Feldmark, und die Hofstellen lagen eingeengt in den Dörfern. Die waren nur unzureichend durch ein weitmaschiges Netz befestigter Straßen verbunden. Aus der Marsch und anderen Niederungsgebieten floß das Wasser schlecht ab. Auf der Geest waren große Flächen ungeschützt der Erosion ausgesetzt, weil weite Gebiete schon seit dem Mittelalter entwaldet waren. Jeder stärkere Sturm transportierte Tonnen von Sand über das Land. Das Programm Nord hatte als Ziel, alle diese Probleme umfassend zu lösen, die „Kultur“ des Landesteiles Schleswig wieder herzustellen. Ansatz für alle Maßnahmen war die Flurbereinigung. Neu war dabei der Ansatz, unabhängig von den Gemeindegrenzen zu planen. Die Landkreise wurden deshalb neben dem Bund Partner des Landes. Das Programm Nord startete in den Kreisen Südtondern und Flensburg-Land. Es wurde in seiner über 25jährigen Laufzeit ausgeweitet auf die damaligen Kreise Husum, Eiderstedt, Schleswig, Norder- und Süderdithmarschen sowie Teile der Kreise Steinburg und Rendsburg.

Eine Landschaft ändert ihr Gesicht

Sandverwehungen auf der Geest in den Zeiten, als die neu angepflanzten Hecken noch keinen Schutz boten

Sandverwehungen auf der Geest in den Zeiten, als die neu angepflanzten Hecken noch keinen Schutz boten

Das Programm Nord hat das Bild der Landschaft im Norden Schleswig-Holsteins verändert. Am augenfälligsten ist das auf der Geest. Knapp 10.000 Kilometer Windschutzhecken (Knicks) wurden entlang der neugeschnittenen, größeren Flurstücke gepflanzt, dazwischen rund 4.500 Hektar Wald angelegt. Die Feldmark wurde durch Wirtschaftswege erschlossen, die Entwässerung (Vorflut) geregelt und Höfe aus der Enge der Dörfer herausgenommen, um sie mitten auf eigenem Land neu aufzubauen. Die Zahl der Betriebe sank, ihre Größe wuchs. Auf der Geest erreichten bald fast die Hälfte der Höfe eine Größe von mehr als 30 Hektar. Mit den verbesserten Verhältnissen war eine Basis gelegt, die es erlaubte, profitable Grünlandwirtschaft (Milchwirtschaft) zu betreiben. Das Programm Nord entwickelte sich dabei stetig weiter. Es gelang, immer komplexere Projekte zu realisieren.

Das Ergebnis: Knicks umschließen ausreichend große Wiesen und Felder, die durch Wirtschaftswege gut zu erreichen sind

Das Ergebnis: Knicks umschließen ausreichend große Wiesen und Felder, die durch Wirtschaftswege gut zu erreichen sind

Beispiel dafür ist die Nutzung drei neuer Köge aus der Programmzeit: 1954 wurde der Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog eingeweiht. Er wurde traditionell auf seiner ganzen Fläche parzelliert und besiedelt. Die Hälfte der 42 Hofstellen erhielten Flüchtlinge. Zehn Stellen wurden genutzt, um Ausgleich für die Flurbereinigung im Hinterland zu ermöglichen. Die gab es auch im sechs Jahre später fertiggestellten Hauke-Haien-Koog. Doch inzwischen dachte man großflächiger. Zehn Aussiedlerhöfe entstanden dort für Landwirte aus der Treeneniederung. Mit ihrem Umzug in die junge Marsch wurde an der Treene Raum für Überflutungsflächen gewonnen. Der neue Koog wurde auch nur noch zum Teil landwirtschaftlich genutzt. Geteilt durch einen Binnendeich, entstanden seeseitig große Speicherflächen. Sie nehmen die Wassermassen auf, die über den Bongsieler Kanal bis aus der Gegend vor den Toren Flensburgs nach Westen in das Wattenmeer drängen. Was in Nordfriesland begonnen wurde, perfektionierte schließlich die 1979 vollendete Eindeichung der Meldorfer Bucht. Hier wurden zusätzlich noch Sport- und Freizeitangebote geschaffen und wurde – wie heute kritisiert wird – ein Erprobungsgebiet der Bundeswehr eingerichtet.

Saubere Fluren, sauberes Wasser

"Landunter" hinter den Deichen: Ein "normales Bild" nicht nur in den Marschen bis in die 1960er Jahre

„Landunter“ hinter den Deichen: Ein „normales Bild“ nicht nur in den Marschen bis in die 1960er Jahre

Mit dem Programm Nord gelang die größte zusammenhängende Flurbereinigung in Deutschland. Sie umfaßte mehr als 470.000 Hektar und damit über 65 Prozent des gesamten Fördergebietes. Mehr als 9.000 Kilometer Wege wurden gebaut. Darunter – wohl einmalig – die 33 Kilometer lange Landstraße über die Geest von Bredstedt nach Wanderup auf der Strecke der alten Kleinbahn aus Mitteln des Landwirtschaftsministeriums. Basis für den Erfolg des Programms waren nach Ansicht der Verantwortlichen neben dem Windschutz vor allem die gelungenen wasserwirtschaftlichen Maßnahmen. Da fast der gesamte Landesteil Schleswig nach Westen in die Nordsee entwässert, stand früher nicht nur die Marsch vom Herbst bis in das Frühjahr immer wieder unter Wasser – war „blank“. Auch ein anderes Wasserproblem wurde mit Beginn des Programms in Angriff genommen: außerhalb der größeren Orte gab es nur vereinzelt eine Versorgung mit hygienisch einwandfreiem Trinkwasser. Geeignete Vorkommen an Grundwasser fehlen vor allem in den Marschen. So wurden 18 Wasserbeschaffungsverbände (WBV) gegründet. In zwanzig Jahren gelang es, mehr als eine halbe Millionen Menschen in 476 Gemeinden und damit 85 Prozent der Haushalte an das zentrale Wassernetz anzuschließen. Spektakulärer Abschluß war in den 1970er Jahre der Anschluß der Insel Pellworm und der Halligen Hooge, Oland, Nordmarsch-Langeneß sowie Gröde. Zehn Jahre nach dem Beginn des Programms begann der Ausbau der Kanalisation. Mehr als die Hälfte der Gemeinden konnten an 82 zentrale Abwasseranlagen angeschlossen werden. Ab Anfang der 1970er Jahre entwickelte sich das Programm auch zum Förderinstrument für Gewerbe und Tourismus. Angesichts des inzwischen eingetretenen Wandels schrieb es damit den Ansatz fort, die Wirtschaftskraft des gesamten Raumes zu stärken.

Ein Programm entschläft sanft

Der Hauke-Haien-Koog. Gut erkennbar das neue Ackerland und die Speicherbecken, die inzwischen auch als Rastreservate für Vögel eine wichtige Naturschutzfunktion erfüllen

Der Hauke-Haien-Koog. Gut erkennbar das neue Ackerland und die Speicherbecken, die inzwischen auch als Rastreservate für Vögel eine wichtige Naturschutzfunktion erfüllen

Wann das Programm Nord startete, läßt sich mit dem 24.2.1953 auf den Tag genau bestimmen. Wann es endete, muß offenbleiben. Nach dem 1952 begonnenen Emslandprogramm war es das zweite Projekt der jungen Bundesrepublik, um einen strukturschwachen Raum ganzheitlich zu fördern. Die Mittel kamen überwiegend vom Bund. Seit 1965 engagierte sich auch die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), vor allem im Wegebau. Mit dem Gesetz über die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstrukturverbesserung und Küstenschutz von Bund und Ländern wurde ab 1969 ein fester Schlüssel für die sogenannten „GA-Mittel“ eingeführt. Als Zäsur läßt sich das 25jährige Jubiläum des Programm Nord 1978 annehmen. Bis dahin waren pro Jahr zwischen acht und über 70 Millionen Mark geflossen, insgesamt mehr als 1,6 Milliarden Mark. Dem Landesteil Schleswig gelang es dadurch, erheblich aufzuholen. Die Produktion der Landwirtschaft konnte um ein Vielfaches gesteigert werden. Die „Kultur“ der Landschaft wurde wiederhergestellt. Die Höfe wuchsen auf Größen, mit denen sich damals gut wirtschaften ließ. Wasser und Strom kamen zu den Menschen, die Natur wurde vor Abwässern bewahrt. Über Jahre lagen die Wachstumsraten im Norden höher als im übrigen Land.

Aus vielen unbefestigten Feldwegen wurden dank der Betonspuren brauchbare ganzjährig befahrbare Wirtschaftswege, die heute auch von Radtouristen gerne für Fahrten durchs Land genutzt werden

Aus vielen unbefestigten Feldwegen wurden dank der Betonspuren brauchbare ganzjährig befahrbare Wirtschaftswege, die heute auch von Radtouristen gerne für Fahrten durchs Land genutzt werden

Das Programm Nord steht dafür als Synonym. Deshalb fiel es der Politik schwer, auf dieses Markenzeichen zu verzichten. Erst 1995 wurde die schon lange arbeitslose Programm Nord GmbH aufgelöst. Sie wird seitdem in einem lockeren Rat fortgeführt. Die Landwirtschaft im Landesteil Schleswig hat durch das Programm Nord in einem nie erwarteten Maß aufgeholt. Es bleibt jedoch festzustellen, daß es Gewerbe und Industrie trotz allem bis heute nicht geschafft haben, wirtschaftlich mit dem Süden in einen Gleichschritt zu kommen. Weil der Anteil des Agrarbereichs am Bruttosozialprodukt insgesamt dramatisch gesunken ist, bleibt die Strukturschwäche nördlich der Eider.

-ju- (0602)

1976 wurden über fünf Kilometer Kunststoffleitung in den Wattboden eingepflügt, um die Hallig Gröde mit Trinkwasser zu versorgen

1976 wurden über fünf Kilometer Kunststoffleitung in den Wattboden eingepflügt, um die Hallig Gröde mit Trinkwasser zu versorgen

Quellen: Arndt von Reinersdorff (Red.), 25 Jahre Programm Nord, Rendsburg, Programm Nord GmbH, 1979; Claus Bielfeldt, Ferdinand Hansen, Mittel und Wege universeller Landentwicklung im Programm Nord, Sonderdruck aus Berichte über die Landwirtschaft, Band 44, S. 201 ff, 1966, Verlag Paul Parey, Hamburg; SHLEX ; Ministerium für Ländliche Räume, Kiel; Brar Roeloffs, Mielkendorf

Bildquellen: Vignette aus Muus, Luftbildatlas Schleswig-Holstein, Wachholtz-Verlag; Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig, Flensburg; alle weiteren Bilder sind dem Buch „25 Jahre Programm Nord“ (s.o.) entnommen und stammen – soweit erkennbar – aus dem Archiv des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten des Landes SH, sowie von Ämtern des Landes, respektive der am Programm Nord beteiligten Landkreise.