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So lebte man in SH um …
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So lebte man in Schleswig-Holstein um 1150

Kreuzzug in Nordelbien

Die Kreuzzüge hatten ursprünglich die Eroberung Jerusalems zum Ziel. Anfang des 12. Jahrhunderts wurde die Idee des „gottgewollten Krieges“ auf den Nordosten Europas ausgedehnt. Das Erzbistum Magdeburg bezeichnete das Wendland genannte Gebiet slawischer Besiedlung als „unser Jerusalem“. Es ging nun darum, auch die noch heidnisch besiedelten Gebiete in Nordelbien zu christianisieren. Kämpfe und Plünderungen zermürbten sie allmählich. Durch den Anschluss des Wendlands an das Reich endete der Kreuzzug 1147.

Das Land wird knapp

Mittelalterliche Kindstaufe

Mittelalterliche Kindstaufe

Die zu der Zeit der Christianisierung schon erschlossenen Flächen werden als „Altsiedelland“ bezeichnet. Es waren vor allem fruchtbare Standorte und solche, die ohne großen Aufwand urbar gemacht werden konnten. In der Marsch bauten die Siedler vor allem Roggen und Zwiebeln an. Zusätzlich kultivierte man Gerste, Hafer, Dinkel, Emmer, Hanf und Hirse. Die meisten Menschen wurden vom Ertrag nicht vermögend. Wer damals ein Korn einsäte, konnte gerade mal drei Körner ernten. Da es kaum Überschüsse gab, reichten schon leichte Einbußen bei der Ernte, um Hungersnöte auszulösen. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung. Deshalb wurde damit begonnen, die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen planmäßig zu vergrößern. Vom Landesausbau waren besonders Angeln, Schwansen, Nordfriesland und die Elbmarschen betroffen. Sümpfe wurden trockengelegt und Wälder gerodet. Ortsnamen die auf -rode, -rade, oder -hagen enden weisen noch heute darauf hin. Auf den gewonnenen Ackerflächen führte die neue Dreifelderwirtschaft zu höheren Erträgen. Zusätzlich wandelten sich die nährstoffarmen Sandböden der Geest durch die sogenannte „Plaggenwirtschaft“ zu Äckern für den „ewigen Roggenanbau“. Auf der Allmende – also dem Allgemeinland – wurden dafür Soden oder Plaggen gestochen und als Streu im Stall genutzt. Angereichert mit dem Mist der Tiere wurden sie dann auf den Boden aufgebracht und bildeten eine fruchtbare Schicht. Wo die Humusschicht durch den Abbau der Plaggen nun fehlte, weiteten sich nun Mangelbiotope aus. Es entstand im Verbund mit dem Abholzen der Wälder immer mehr Heide.

Neues Land?

Herr übergibt Erbzinsrecht, der Wald wird gerodet und ein Haus gebaut – Darstellung aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts

Herr übergibt Erbzinsrecht, der Wald wird gerodet und ein Haus gebaut – Darstellung aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts

Dieser Landesausbau reichte nicht aus, um den Hunger zu stillen. Schleswig und Holstein waren recht dünn besiedelt, Polabien und Wagrien noch weitgehend slawisch geprägt. Deshalb begann nun die Kolonisation: Mit dem Versprechen von Abgaben und Herrendienst befreit zu sein, wurden Siedler angeworben. Neben der Hoffnung auf mehr Nahrung lockte sie auch die Aussicht auf Wohlstand. Die Siedler stammten aus dem heutigen Deutschland, Friesland und Holland. Die weiten Reisewege zeugen von der Mobilität des vormodernen Menschen. In Schleswig wurden von bestehenden Siedlungen aus neue Dörfer gegründet. Sie waren rechtlich abhängig von den Mutterdörfern. Das Jyske Lov von 1241 bestätigte die Vorrechte der Mutterdörfer. Die Kolonisation war ein Prozess der sich über viele Jahre hinzog.

Da nach den Kreuzzügen ganze Landstriche verwüstet waren, suchten sogenannte „Lokatoren“ nun nach geeigneten Plätzen, um neue Dörfer zu gründen. Mit den schon Ansässigen wurde unterschiedlich umgegangen. Einerseits wurden auch Slawen für den Wiederaufbau des Landes angeworben. Andererseits siedelten die Slawen mit den neuen Siedlern in gemeinsamen Siedlungen, was von einer friedlichen Koexistenz zeugt. Es entstanden von Siedlern und Alteingesessenen gemeinsam bewohnte Dörfer. Diese Doppeldörfer zeugen von friedlicher Koexistenz. Andernorts mussten sich die Slawen anpassen oder sie wurden vertrieben. Die neuen Siedler setzten die Christianisierung fort. Der deutsche und der slawische Adel verschmolzen zunehmend durch Heirat. In der Konsequenz assimilierte sich die slawische Bevölkerung und passte sich den Siedlern an.

Wem gehört was?

Diskutierende Wenden

Diskutierende Wenden

Güter und Land eines Dorfes wurden in Allmende und Allod unterteilt. Die Allmende wurde gemeinschaftlich genutzt. Sie umfasste Heideflächen, Weiden, Wege und Brunnen. Das Allod dagegen – vor allem die Äcker – waren individueller Besitz. Diese Stücke wurden jedoch im Zuge einer Ackerreform zu Ackerschlägen zusammengefasst und in der Folge von einer Feldgemeinschaft genossenschaftlich bewirtschaftet. Diese Vergemeinschaftung auf dem Feld wurde im Laufe der Zeit zur Pflicht. Man spricht vom „Flurzwang“. Doch versuchten die politisch Einflussreichen in Ostholstein auch schon, ihren Eigenanteil aus der Feldgemeinschaft herauszulösen.

In Holstein und Stormarn lebten die Menschen um 1111 noch nach der Tradition der altsächsischen Volksgaue. Das soziale Gefälle zwischen den einfachen Menschen und den Wohlhabenden war äußerst gering. Es gab keine sozial und politisch abgeschlossene Adelsschicht und keine Grundherrschaft. Bonden zeichneten sich durch umfangreichen Allodbesitz, körperliche Freiheit und volle Rechtsfähigkeit aus. Sie konnten zu Großbauern aufsteigen und so einen gewissen Reichtum erwirtschaften. Davon zeugen auch kostbare Emaille- und Bronzeschmuckstücke, die aus den Resten eines mittelalterlichen Hofes ausgegraben wurden.

Leben und Leiden

Die Häuser eines mittelalterlichen Dorfes wurden aus Holz, Lehm, Stroh und Reet gebaut. Nur bei Kirchen und für Gebäude von Wohlhabenden wurden auch Feldsteine mit verwendet. Erst um diese Zeit kommt der Backstein als Baumaterial im Norden an. Zwischen dem sechsten und siebten Lebensjahr wurde eine Person als körperlich belastbar angesehen. Die schwere Feld- und Waldarbeit konnten Gelenk- und Knorpelschädigungen nach sich ziehen. Der Zusammenhang von mangelnder Hygiene und gefährlichen Krankheiten war unbekannt. Die medizinische Versorgung war äußerst rudimentär. Die Menschen waren oft unterernährt und deshalb häufiger und stärker krank. Da besonders Kleinkinder anfällig für Infektionen sind, führte die mangelnde Hygiene bei ihnen zu einer hohen Sterblichkeit.

Die Vision des Bauern Gottschalk

Als einfacher Waldroder und Landbesteller war Gottschalk ein Typ seiner Zeit. Er selbst bezeichnete sich selbst als „simplex et pauper et idiota“ – als einfältig, arm und unwissend. In seinen jungen Jahren verfolgte er eine Räuberbande in den Wäldern um das heutige Nortorf. Später lebte er in Harrie und gehörte der Landgemeinde des Augustiner-Chorherrenstifts Neumünster an. Zum Zeitpunkt seiner Vision im Jahre 1189 muss er um die vierzig Jahre alt gewesen sein. Als Teil eines Kriegsaufgebots bei der Burg Segeberg lagernd, verlor Gottschalk das Bewusstsein: Zwei Engel begleiten ihn durch Dornen und einen mit Speeren gefüllten Fluss. Er trifft den heiligen Andreas und nimmt an seinem Fest teil. Einen Pfad aufwärts nehmend, gelangt er in eine lichtvolle Stadt voller Wohlgerüche und Wohlklänge. Im Gegensatz zu vielen anderen Visionen seiner Zeit, zeichnet Gottschalk ein überwiegend freudiges Bild vom Jenseits. 
Wieder im Leben wurde Gottschalk zur Person des öffentlichen Interesses und seine Hütte zum Wallfahrtsort. Er selbst haderte aber mit seinem Dasein auf der Erde. Seine irdische Existenz nahm er fortan als Verdammnis wahr. Sein körperliches Leiden verschlimmerte sich und er verarmte.

Sigold Richter (1015)

Literatur: Braunschweig, Hans: Bauer Gottschalk und seine Vision im Wirkungsfeld der Augustiner von Neumünster. Beobachtungen zu einer Wechselbeziehung. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 128 (2003), S. 7-43.

Bysted, Ane/Jensen, Carsten Selch/Jensen, Kurt Villads/Lind, John H.: Jerusalem in the North. Denmark and the Baltic Crusades 1100–1522. Turnhout 2012 (Outremer 1).

Bock, Günther: Die Stormaner Overboden und der Beginn der mittelalterlichen Ostsiedlung. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 127 (2002), S. 35-74.

Auge, Oliver: Ostseeraum. In: Borgolte, Michael (Hg.): Migrationen im Mittelalter. Ein Handbuch. Berlin 2014, S. 193-208.

Bildquellen: Taufe: aus „Buch der Kunst, geistlich zu werden“ 1477, Augsburg; Dorfgründung: Heidelberger Sachsenspiegel, commons.wikepedia.org; Diskussion: Wolfenbüttler Sachsenspiegel, commons.wikepedia.org