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Thaulow-Museum – das erste Landesmuseum

Thaulow-Museum

Thaulow-Museum

Die „Kunstkammer“ Herzog Friedrich III. (1616-1659) (Gottorfer) kann als erstes Museum auf dem Gebiet des heutigen Schleswig-Holsteins angesehen werden. Das jetzige Landesmuseum auf der Schlossinsel kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Schleswig aus Kiel. Dort war es am 10. August 1878 als „Thaulow-Museum“ eröffnet, 1911 erweitert und schließlich nach 1920 zum Landesmuseum geworden. 1941 und 42 wurden seine Bestände ausgelagert, 1944 schließlich das Museum am Sophienblatt in Kiel von Bomben zerstört. Als Kiel 1946 neue Hauptstadt des Landes Schleswig-Holstein wurde und Schleswig damit seinen Status als Sitz der preußischen Provinzialregierung verlor, war eine Maßnahme des Ausgleichs, dass Landesmuseum neu in dem zuletzt als Kaserne genutzte Schloss Gottorf unterzubringen.

„Nach Art der Alten / Neu gestalten“

Gustav Ferdinand Thaulow - Visitkartenporträt

Gustav Ferdinand Thaulow – Visitkartenporträt

In den Herzogtümern setzte sich die Industrialisierung nach der Annexion durch die Preußen 1867 durch. Fabrikware, die irgendwo hergestellt wurde, ersetzte nun zusehends die vor Ort gefertigten Güter des Handwerks. Damit diese regionalen Traditionen der Nachwelt erhalten blieben, wurden nun überall Museen gegründet. Es waren im Kern Mustersammlungen vorindustriellen Handwerks, die häufig „Kunstgewerbemuseen“ genannt wurden. Im Norden entstanden so das Dithmarscher Landesmuseum (1872) in Meldorf, das Flensburger (1876) sowie das Altonaer (1901). In diese Reihe gehört auch das 1878 in Kiel eröffnete Thaulow-Museum. Eine der Inschriften am neuen Haus zwischen Sophienblatt und Ziegelteich spiegelt das Programm der Museen dieser Zeit „Nach Art der Alten / Neu gestalten“.

Vom Sammler zum Museumsdirektor

Gustav Ferdinand Thaulow (6.7.1817* /11.3.1883+) wurde als fünfter von sieben Brüdern in Schleswig geboren. Der Vater, norwegischer Herkunft und hoher Beamter des dänischen Gesamtstaats, starb früh. Während die Mutter und vier Brüder nach Norwegen zurückkehrten, blieb Gustav Ferdinand in Schleswig, besuchte die Domschule und war auf Stipendien angewiesen. Auch unterrichtete er als Privatlehrer, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Nach Theologie- und Philosophiestudium und einer Zeit als Hauslehrer habilitierte er sich schließlich 1846 an der Christian-Albrechts-Universität. Von 1854 an war er der erste Professor für Philosophie und Pädagogik in Kiel. In den 1850er Jahren begann Thaulow, Schnitzkunst zu sammeln. Vor allem das Werk Hans Brüggemanns (1480* nach 1523+) hatte ihn zu dieser Leidenschaft geführt. Bald glich sein Haus am Lorentzendamm in Kiel einem Museum. 1875 schließlich bot er seine Schätze der Provinzialregierung an. Im Gegenzug sollte die ein eigenes Museumsgebäude schaffen.

Ein Haus im Stil der italienischen Renaissance

Das Thaulow-Museum am Sophienblatt in Kiel

Das Thaulow-Museum am Sophienblatt in Kiel

Thaulow verstand es nicht nur für sein Museumsprojekt, Menschen zu begeistern. So stellte die Stadt Kiel das Grundstück und die „Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde zu Kiel“ schon 3.000 Mark für das erste Jahr in Aussicht. Nach nur einem Monat sagte die Provinz am 3.November 1875 zu, ein Haus zu erstellen. Der Kieler Architekt und Semper Schüler Heinrich Moldenschardt (1839*1891+) übernahm den Bau. Er entwarf eine zweistöckige Villa, die im Stil der Zeit historisierend war und Stilelemente der italienischen Renaissance aufnahm. Die Renaissance musste es sein, weil sie damals als die stil prägende Epoche galt. Moldenschardt hielt mit seinem Bau den Zeitplan und das Budget von 150.000 Mark präzise ein. Er sah auch schon vor, die Villa zu erweitern.

Vom SCHLESW.HOLST.KUNSTMUSUM zu Thaulow Museum

Drangvolle Enge im neuen Museumsbau

Drangvolle Enge im neuen Museumsbau

Geplant als Gewerbemuseum, auf Moldenschardts Plänen noch mit der Inschrift SCHLESW.HOLST.KUNSTMUSEUM bezeichnet, eröffnete das neue Haus schließlich am 10.August 1878 als „Thaulow-Museum“. Es so zu nennen, hatte der Provinziallandtag beschlossen, um den Stifter zu ehren. Seine außerordentliche Sammlung war inzwischen weiter gewachsen und die 700 Quadratmeter der Museumsvilla waren schon beim Einzug zu wenig. Thaulows Schätze standen so dicht gedrängt im neuen Haus und beeindruckten vor allem durch die Masse. Gustav Ferdinand Thaulow war in erster Linie ein Sammler und kein Museumsmann. Als er 1883 starb, gab es weder ein Inventar noch einen Plan für die Präsentation seiner Schätze.

Der zehnjährige Dornröschenschlaf

Schnitzkunst wie diese Gruppe aus dem Altar von Neukirchen waren der Kern der Sammlung

Schnitzkunst wie diese Gruppe aus dem Altar von Neukirchen waren der Kern der Sammlung

Erst im Jahr nach Thaulows Tot erschien ein erstes Inventar. Es beschreibt die Objekte, lässt deren Herkunft jedoch meist offen. Alle Aktivität um das Haus entschlief. Das änderte sich erst, als 1893 Adelbert Matthaei (1859* 1924+) an die Universität nach Kiel kam. Der Professor für neuere Kunstgeschichte und akademische Zeichenlehrer regte eine Reorganisation des Thaulow-Museums an. So begann er die gesammelten Gegenstände nach Epochen zu ordnen. Matthaei war ein mitreißender Universitätslehrer jedoch kein Museumsmann. Er muss vor allem Probleme damit gehabt haben, zu delegieren. So gab der 1898 berufene Museumsdirektor Jürgen Haupt (1870* 1958+) nach nur zwei Jahren entnervt auf.

Neuer Schwung für das Thaulow-Museum

Anbau war nach 1911 Platz um komplette Interieurs wie diese Kieler Renaissance-Treppe zu zeigen

Anbau war nach 1911 Platz um komplette Interieurs wie diese Kieler Renaissance-Treppe zu zeigen

Weil Matthaei schwierig war, ließ sich der gebürtigen Kieler Dr. Gustav Brandt (1865* 1919+) seine Kompetenzen als neuer Direktor genau festlegen. Matthaei machte Karriere und ging 1904 nach Danzig. Brandt konnte sich nun energisch der Sammlung widmen. Brandt kümmerte sich um die alten Bestände. Thaulow hatte viel gesammelt und im Geiste seiner Zeit viele der ursprünglich farbigen Schnitzereien auf das rohe Holz runterbeizen lassen. Zudem ging es ihm vor allem um die ornamentale Schnitzerei, nicht um das Ensemble oder Möbel. So waren Ornamente demontiert oder auch in neue Möbel verbaut worden. Brandt versuchte diese Sünden zu heilen. Und er sammelte. Die Marine- und Werftstadt Kiel wuchs, alte Häuser wurden abgerissen wie das barocke Schweffelhaus. Brandt sicherte komplette Interieurs, profitierte auch von der „Modernisierung“ der Kirchen, die sich nun ohne Probleme von ihren alten sakralen Kunstwerken trennten. Um nur einen Teil davon auszustellen, war das Museum nun endgültig zu klein.

Das Museum wächst

Gustav Brandt

Gustav Brandt

Museumsdirektor Brandt scheiterte mit seinem Plan, das Thaulow-Museum an anderer Stelle in Kiel neu zu erbauen. Stattdessen plante er zusammen mit Landesbaurat Walter Kessler einen Anbau. Als der am 14. Juni 1911 eingeweiht wurde, bot er das Vierfache des ursprünglichen Baus an Ausstellungsfläche. Und: Brandt zeigte nun nicht mehr isoliert Einzelstücke, sondern er schuf Bürgerzimmer und Bauernstuben, die bis hin zum Blumenschmuck das Leben ihrer Bewohner rekonstruierten. Das Thaulow-Museum war modern geworden, auf der Höhe seiner Zeit. Brandt blieb wenig Zeit. Schon 1919 verstarb er.

Aus dem Thaulow- wird das Landesmuseum

Die Postkarte zeigt das Museum mit Anbau

Die Postkarte zeigt das Museum mit Anbau

Mit dem Vertrag von Versailles, dem Verlust Nordschleswigs nach der Volksabstimmung (Abstimmungsgebiet) hatte sich die Situation in der Provinz Schleswig-Holstein grundlegend geändert. Darauf reagierte der Flensburger Ernst Sauermann (1880*1 956+), als er 1920 die Nachfolge Brandts antrat. Ernst Sauermann war der Sohn des Flensburger Museumsgründers Heinrich Sauermann (1842* 1904+), das er nach dessen Tot kommissarisch und von 1906 an als Direktor leitete. Nach Kiel wechselte Sauermann mit dem Ziel, das bisher stark Kiel bezogene Museum zu einem „Landesmuseum“ auszubauen. Er sah es als seine Aufgabe an, ein „bewusstes Schleswig-Holsteinertum und Deutschtum“ auszuprägen. Dafür galt es einerseits die Sammlung zu erweitern, und mit reger Publikations- und Vortragstätigkeit volksbildend zu wirken.

Dänemark als Vorbild

Ernst Sauermann

Ernst Sauermann

Als exzellentes Beispiel wie Museen zur Identitätsstiftung beitragen können, sah Sauermann Dänemark. Er schrieb 1928:

„Als der Krieg 1864 für Dänemark verloren war und mit ihm die Herzogtümer, erlitt Dänemark einen Schicksalsschlag, wie ihn die Geschichte des Landes noch niemals aufzuweisen hatte. Es ist,…, ein besonderes Erlebnis , zu beobachten, wie dies kleine Volk aus seiner nationalen Not wieder aufgestiegen ist und wie schnell es die Aufgaben begriffen hatte, sich aus der zweisprachigen Länderunion auf den geschlossenen Nationalstaat auf demokratischer Grundlage umzustellen, und es ist bewundernswert zu verfolgen, wie alle Kräfte auf dieses Ziel eingesetzt wurden.Die Museen des Lndes sind in Dänemark in einem ganz anderen Sinne als Exponenten in die volkhaften und nationalen Aufgaben eingestellt worden als bei uns, und es lewhrreich zu verfolgen, wie sehr sich Dänemark bei seinen innerstaatlichen Aufgaben der Museen als kulturpolitischer Mittler bedient hat.“

Ernst Sauermann, Das Thaulow-Museum und seine künftige Entwicklung. In: Schleswig-holsteinisches Jahrbuch 1928/1929. 18. Jahrgang

Aufbau in schwerer Zeit

Nordische Kunst – Katalogdeckel 1929

Nordische Kunst – Katalogdeckel 1929

Trotz Inflation und Wirtschaftskrise gelang es Sauermann, das Museum weiter auszubauen. Seit 1924 war er als Nachfolger von Richard Haupt (1846* 1940+) zweiter Provinzialkonservator – also der oberste Denkmalschützer (Denkmalschutz). Das und das Ende des Fideikommisses, der zur Auflösung zahlreicher adliger Herrensitze führte, halfen Sauermann die Sammlung um vortreffliche Stücke zu erweitern. Ergänzt um Volkskunst speziell aus Schleswig, modernisierte er das Museum. Er behielt von seinem Vorgänger zwar das Konzept der komplett möblierten Stuben bei, ergänzte jedoch um moderne Schauräume und brachte das gesamte Haus bis 1939 auf einen auch aus heutiger Sicht noch museumspädagogisch beachtlichen Stand.

Das erwartete Ende des Thaulow-Museums

Der Blick in den Lichthof lässt ahnen, dass Sauermann ein modernes Landesmuseum aufgebaut hatte

Der Blick in den Lichthof lässt ahnen, dass Sauermann ein modernes Landesmuseum aufgebaut hatte

Als 1940 die ersten Bomben auf Kiel fielen, beschloss Ernst Sauermann das Museum zu schließen und die Bestände auszulagern. Am 5. Januar 1944 wurde der Moldenschardt-Bau von Brandbomben getroffen. 1947 fiel der Entschluss, das Landesmuseum nicht in der neuen Landeshauptstadt Kiel wieder aufzubauen, sondern nach Schleswig ins Schloss Gottorf zu verlegen.  Ernst Sauermann ging 1947 in Pension. Mit dem Aufbau in Schleswig wurde Ernst Schlee (1910* 1994+) beauftragt. Schlee hatte schon 1939 am Landesmuseum in Kiel gearbeitet „das allgemein noch Thaulow-Museum bezeichnet“ wurde, bevor er eingezogen wurde. Am 25. August 1950 wurden die Landesmuseen in Schloss Gottorf eröffnet.

-ju- (Tdm 0611)

Das Landesmuseum nach Ende des Zweiten Weltkrieges

Das Landesmuseum nach Ende des Zweiten Weltkrieges

Quellen: Das erste Museum. Vom Thaulow-Museum zum Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Kiel…, Jan Drees, Herausgeber Jürgen Fitschen und Jürgen Jensen, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 66, 2011, ISBN  978-3-00-034404-6; SHLEX

Bildquellen: Vignette: Stadtarchiv Kiel; Porträt Thaulow, Porträt Brandt, Postkarte Sophienblatt : Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek (SHLB);Porträt Sauermann: Landesamt für Denkmalschutz; die Rechte der übrigen Bilder liegen bei der Stiftung Schloss Gottorf und wurden dem Katalog „Das erste Museum …“ siehe Quellen oben entnommen