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Vicelin

Kirchenvater im Norden

Vicelin. Kupferstich 1590 nach einem verlorenen älteren Bild

Vicelin. Kupferstich 1590 nach einem verlorenen älteren Bild

Vicelin (um 1090 bis 1154), Missionar und Bischof, gilt bis heute als Heiliger und wird als der „Apostel der Wagrier“ bezeichnet. Dies, obwohl die wendischen Slawen nicht durch ihn, sondern erst durch seine Nachfolger endgültig zum Christentum bekehrt wurden. Lebensgeschichte und Wirken Vicelins sind nur vor dem Hintergrund des kriegerischen Ringens zwischen slawischen und den deutschen Stämmen zu verstehen, das sich vom 9. bis weit in das 12. Jahrhundert hinein hinzog. Vor allem mit den von ihm veranlaßten Kirchenbauten prägte Vicelin die kirchliche Topographie in Altholstein und im späteren Ostholstein. Er ist damit einer der „Kirchenväter“ Nordelbiens.

Zwei vergebliche Anläufe

Unter den deutschen Königen und Kaisern war seit dem 9. Jahrhundert damit begonnen worden, das Land nordöstlich der Elbe zu kolonisieren und zu christianisieren. Doch 963 brach das bis dahin Erreichte in einem großen Slawenaufstand zusammen. Erst ein Jahrhundert später kam es unter dem Hamburger Erzbischof Adalbert von Bremen (um 1000*/ Erzbischof 1043-1072) zu einem erneuten Anlauf. Als bedeutender Fürst seiner Zeit wollte Adalbert ein mächtiges Patriarchat errichten. Es sollte sich bis nach Skandinavien erstrecken und die slawischen Gebiete Ostholsteins und Mecklenburgs einbeziehen. Doch Adalberts Sturz als Reichsfürst war das Signal für einen neuerlichen Aufstand der Abodriten und Polaben, der 1066 das Missionswerk im nordöstlichen Deutschland weitgehend beseitigte.

Die Mission beginnt

Westslawische Stämme in Nordelbien vor der deutschen Besiedlung

Westslawische Stämme in Nordelbien vor der deutschen Besiedlung

Erst mehr als ein Menschenalter später reichten die Kräfte aus, um in zwei Feldzügen von 1138/39 und 1147 die slawischen Stämme so sehr zu schwächen, daß sie der Kolonisation und Mission kaum noch etwas entgegenzusetzen hatten. Durch den Hamburger Erzbischof Hartwig I. von Bremen wurden die untergegangenen Bistümer Oldenburg, Mecklenburg und Ratzeburg neu begründet. Sie blieben jedoch vorerst unbesetzt, weil das Recht Bischöfe einzusetzen, das Investiturrecht, ungeklärt war. Darum stritten der deutsche Kaiser und der sächsischen Herzog. Erst 1154 übertrug Kaiser Friedrich I. „Barbarossa“ (um 1122*/ 1152 -1190) das Recht der Investitur von Bischöfen in den wendischen Grenzgebieten auf seinen Vetter, den bayerischen und sächsischen Herzog Heinrich den Löwen (um 1129*/ Herzog 1142-1180/1195). Dieser verlegte das Oldenburger Bistum 1160 nach Lübeck und ließ mit dem Bau des Ratzeburger Doms beginnen. Es war das Sterbejahr Vicelins.

Lehr- und Wanderjahre

Erzbischof Adalbert von Bremen

Erzbischof Adalbert von Bremen

Geboren um 1090 in Hameln, stammte Vicelin aus einer sächsischen Familie. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wurde er von einem Onkel erzogen, der Geistlicher war und zunächst in einem Dorf bei Hameln und später dann auf einer Burg unweit von Holzminden seinen Dienst versah. Das prägte Vicelin. Nach mehrjährigem Unterricht an der Domschule in Paderborn wechselte er nach Bremen, denn es ist belegt, daß er dort von 1118 an als Lehrer („Scholaster“ – das heißt Vorsteher) an der Domschule tätig war. Dies war sein erster Kontakt mit dem Erzbistum Hamburg-Bremen. Um seine theologischen Studien zu vertiefen, ging Vicelin 1122 nach Frankreich. Dort entwickelte sich zu dieser Zeit ein neues Verständnis von Wissenschaft und insbesondere der Theologie, die sogenannte „Scholastik“. Ein Zentrum war die Domschule von Laon, einer Bischofsstadt in der Picardie, an der sich Vicelin längere Zeit aufhielt. Er setzte sich dort mit neuen Methoden auseinander, die Bibel auszulegen. In Frankreich stieß Vicelin auch auf jene kirchlichen Reformideen, die das 12. Jahrhundert nachhaltig geprägt haben. Sie führten dazu, daß sich neue geistliche Gemeinschaften bildeten, die an Stelle der benediktinischen auf die Regel Augustins zurückgriffen (Klöster). Eine dieser Gruppen waren die Prämonstratenser, die – 1129 von Rom anerkannt – sich strengen asketischen Idealen sowie der Mission unter den Heiden verpflichtet fühlten. Der Orden wuchs seit 1120 zunächst in Frankreich und war seit 1124 in Laon mit einem Kloster vertreten. 1126 reiste Vicelin zu Norbert von Xanten (1080*/85*-1134), dem Gründer der Gemeinschaft. Der war kurz zuvor Erzbischof von Magdeburg geworden, jetzt weihte er Vicelin zum Priester. Vicelin trat jedoch weder dem Prämonstratenser-Orden bei, noch wurde er von Magdeburg aus zur Heidenmission entsandt. Statt dessen kehrte er zurück nach Bremen. Erzbischof Adalbero beauftragte ihn, unter den zum Stamm der Abotriten gehörenden Slawen im Raum Alt-Lübeck zu missionieren.

Mission in Nordelbien

Rekonstruktion der mittelalterlichen Kirche St.Bartholomäus in Neumünster ...

Rekonstruktion der mittelalterlichen Kirche St.Bartholomäus in Neumünster …

Noch 1126 begann Vicelin seine Arbeit. Bereits nach wenigen Monaten nötigten ihn jedoch politische Machtkämpfe um die Nachfolge des Abodritenfürsten Heinrich, vorerst aufzugeben. Er ging nach Westen in das Siedlungsgebiet der Holsaten. Hier im Grenzgebiet zwischen Holsaten und Slawen, in „Wippendorf im Gau Faldera“ am Südrand des heutigen Stadtkerns von Neumünster, gründete Vicelin 1127 auf Geheiß des Erzbischofs Adalbero eine Kirche und wenig später ein Stift, dessen Name „novum monasterium“ („neues Münster“ für neues Kloster) auf den Ort überging. Durch eine Urkunde sicherte der Erzbischof den Zehnten des Kirchspiels „Godelande“ (heute Gadeland) als Unterhalt des Klosters zu. Während es Vicelin gelang, unter den Holsaten das Verständnis für den christlichen Glauben neu zu wecken, lag Neumünster als Basis für die weitere Missionsarbeit unter den Slawen allerdings zu weit entfernt.

Hilfe vom Kaiser

.... so könnte St.Bartholomäus in der frühen Neuzeit ausgesehen haben

…. so könnte St.Bartholomäus in der frühen Neuzeit ausgesehen haben

Vicelin traf 1134 Lothar III. von Süpplingenburg (1075*/ König 1125, Kaiser 1133-1137). Er regte an, den strategisch bedeutsamen Segeberger Kalkberg zu befestigen. Der Kaiser griff die Idee auf. Unter dem Schutz der neuen Burg ließ Vicelin 1135 eine Kirche und ein Stift errichten. Von Segeberg – der „Siegburg – aus missionierte er nun im slawischen Siedlungsgebiet. Dessen alte Strukturen wurden immer mehr durch aus Sachsen und den Niederlanden zuziehende Siedler aufgebrochen. Es kam deshalb dauernd zu Streit und Gewalt. Das gefährdete unter anderem den Missionsstützpunkt in Alt-Lübeck, der schließlich 1138 vernichtet wurde. Zeitgleich war durch den Tod Kaiser Lothars III. eine unsichere politische Situation entstanden. Das nutzten die Wagrier und griffen Segeberg an. Dabei brannten sie auch die kirchlichen Gebäude nieder. Doch schon im folgenden Winter schlug Heinrich von Badwide als Graf von Holstein zurück. Er brachte den Wagriern eine vernichtende Niederlage bei. Damit war der Widerstand in Ostholstein und bis hinunter zur mecklenburgischen Grenze erneut gebrochen. Für die christliche Mission war damit allerdings wenig gewonnen.

Vicelin der Kirchenbauer

Heinrich der Löwe mit seiner zweiten Frau Mathilde. Ausschnitt aus dem Braunschweiger Evangeliar Heinrichs um 1170

Heinrich der Löwe mit seiner zweiten Frau Mathilde. Ausschnitt aus dem Braunschweiger Evangeliar Heinrichs um 1170

Die Lage beruhigte sich erst nach 1142. Im Streit zwischen den Staufern und den Welfen um das Erbe Lothars III. konnte Heinrich der Löwe in diesem Jahr seinen Anspruch als sächsischer Herzog durchsetzen. Fortan strebte der noch jugendliche Welfe danach, sein Herzogtum zu sichern, auszubauen und nach Osten zu erweitern. Erneut setzte er den nach dem Tod des Kaiser vertriebenen Schauenburger Adolf II. wieder als Grafen von Holstein ein. Im Gegenzug erhielt Heinrich von Badwide das Gebiet des späteren Herzogtums Lauenburg. Vicelin konnte nun die Slawenmission wieder vorantreiben. Um sein Ziel zu erreichen, scheint ihm vor allen der Bau von Kirchen wichtig gewesen zu sein. Von ihnen aus sollte die christliche Predigt die Heiden erreichen. Außer der Kirche in Neumünster (1828-1834 neu erbaut als Vicelinkirche), der Marienkirche in Segeberg und einer Kirche in Lübeck, deren Standort nicht mehr zu ermitteln ist, sind die Gotteshäuser in Bornhöved, Oldesloe und natürlich die St.-Petri-Kirche in Bosau seine Gründungen; weitere Kirchen, so unter anderen die in Kellinghusen, Ratekau, Süsel und natürlich Oldenburg, sind mit seiner Zeit verbunden. Den Segeberger Konvent verlegte Vicelin nach 1140 in das südlich von Segeberg gelegene Högersdorf (slawisch „cuzalina“).

Politische Rückschläge

Ansveruskreuz aus dem 15. Jahrhundert in Einhaus bei Ratzeburg

Ansveruskreuz aus dem 15. Jahrhundert in Einhaus bei Ratzeburg

Der „Wenden-“ oder „Slawenkreuzzug“ von 1147 führte erneut zu schweren Rückschlägen für die Missionsarbeit. Propagiert hatte ihn Bernhard, Abt aus dem französischen Clairvaux (1090/91-1153). Wie andere Kreuzzüge brach er vor allem durch Rivalitäten unter den Kreuzfahrern zusammen und bescherte den Wenden sogar einige strategische Erfolge. Folgenreicher war jedoch, daß der seit 1148 als Nachfolger Adalberos amtierende Hamburger Erzbischof Hartwig I. beschloß, das Bistum Oldenburg neu zu errichten. Er tat das ohne Absprache mit dem Herzog und weihte Vicelin 1149 zum Bischof. Da Heinrich der Löwe jedoch das Recht der Investitur für sich in Anspruch nahm, kam es zu Streit. Der zog sich jahrelang hin und belastete auch noch Gerold, Vicelins Nachfolger im Bischofsamt. Unmittelbare Folge für Vicelin war, daß die Landesherrschaft ihm zunächst jegliche Hilfe beim Ausbau seines Bistums versagte. Erst als es Heinrich dem Löwen Ende 1150 im Kampf um seine Stellung als bayerischer Herzog geraten schien, empfing Vicelin „das Bistum durch den Stab aus der Hand des Herzogs“. Gleichzeitig erhielt er das Dorf Bosau am Plöner See. Hier, wo vielleicht schon einmal – zweihundert Jahre zuvor – ein slawisches Heiligtum durch eine christliche Taufstätte ersetzt worden war, legte Vicelin den Grundstein für eine Kirche. Ihre ursprüngliche Anlage mit einem rundem Grundriß deutet auf ein wehrhaftes Gebäude hin. Ob dort eine Bischofskirche entstehen sollte, erscheint deshalb fraglich. Bosau sollte vermutlich eher ein Rückzugsort für Vicelin sein.

Vicelins Ende

Die Lage im Sprengel von Vicelin blieb trostlos. Er verwaltete und visitierte ihn von Neumünster aus. Nominell war Oldenburg sein Bischofssitz. Doch dort fiel die christliche Predigt kaum auf fruchtbaren Boden. Im Frühsommer 1152 hielt sich Vicelin ein letztes Mal in Oldenburg auf. Über Bosau kehrte er nach Neumünster zurück. Dort erlitt er eine Woche später einen schweren Schlaganfall, durch den er die Sprache verlor. Fortan konnte Vicelin sein Bischofsamt nicht mehr ausüben. Nach zweieinhalb Jahren auf dem Krankenlager starb er am 12. Dezember 1154. Seine sterblichen Überreste wurden zunächst in Neumünster beigesetzt und 1332 in die Klosterkirche zu Bordesholm überführt. Sein Grab ist seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr nachweisbar. Als seinen Nachfolger bestimmte Herzog Heinrich der Löwe 1154 seinen Braunschweiger Hofkaplan Gerold. Er setzte ihn gegen den Widerstand des hamburg-bremischen Erzbischofs Hartwig I. ein und ließ ihn durch Papst Hadrian IV. in Rom weihen. Bischof Gerold amtierte von 1155 bis 1163, zunächst in Oldenburg, seit etwa 1160 in Lübeck.

„Chronica Slavorum“

Kirche von Bosau

Kirche von Bosau

Vicelins Geschichte ist vor allem durch die Slawenchronik, die „Chronica Slavorum“, überliefert. Niedergeschrieben hat sie Helmold von Bosau (um 1120 bis um 1180). Er stammte wahrscheinlich aus der Gegend um Goslar und begegnete Vicelin vermutlich erstmals, als er von Klosterbrüdern in Segeberg unterrichtet wurde. Lebensstationen Helmolds sind Braunschweig, Neumünster, Segeberg, Missionsstationen in Wagrien und schließlich Bosau. Dort setzte ihn um 1156 Bischof Gerold als Pfarrer ein. Zwischen 1167/68 sowie 1171/72 schrieb Helmold die zwei Bücher der Slawenchronik mit insgesamt 110 Kapiteln. Es ist die bis heute wichtigste Quelle über die Anfänge der deutschen Siedlung und christlichen Missionierung im Nordosten. Darüber hinaus ist die Slawenchronik eine zentrale Fundstelle über die Geschichte Heinrichs des Löwen und natürlich Vicelins. Mit ihm fühlte sich Helmond auf das engste verbunden. So veranschaulicht die „Chronica Slavorum“ auch die Persönlichkeit, den Glauben und Lebenskampf Vicelins. Er gilt als der „Apostel der Wagrier“, dies, obwohl er die Christianisierung der Slawen selbst nicht mehr erleben konnte.

Das Erbe Vicelins

Heute führt das Bistum mit Sitz in Lübeck die von Vicelin begründete Tradition fort. 2004 gedenkt die Kirche im Norden des 850. Todestages eines ihrer „Kirchenväter“. Sein Vermächtnis lautet „Mission“, das bedeutet: Wirken unter denen und das Gespräch mit denen, die ihre christlichen Wurzeln verloren oder nicht ausgebildet haben.

Wolf Werner Rausch (TdM 1104)

Literatur: Helmold von Bosau: Slawenchronik, neu übertragen und erläutert von Heinz Stoob. Mit einem Nachtrag von Volker Scior, 6. Aufl., Darmstadt 2002, Freiherr-vom-Stein-Gedächtnis-Ausgabe, Reihe A, Bd. 19, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, ISBN 3-534-00155-3; Uwe Albrecht, Artikel „Heiliger Vicelin“, in: Glauben. Nordelbiens Schätze 800-2000 (Ausstellungskatalog), Hrsg. Johannes Schilling, Neumünster 2000, S. 41f., Wachholtz Verlag, ISBN 3-529-02846-0; Holger Hammerich, Mission und Stiftsbewegung: Ein Beitrag zur Würdigung Vicelins, in: Zwischen Regionalität und Globalisierung. Studien zu Mission, Ökumene und Religion, Hrsg. Theodor Ahrens, Ammersbek bei Hamburg 1997, S. 445-466, Perspektiven der Weltmission. 25, ISBN 3-861-30050-8; Lorenz Hein, Anfang und Fortgang der Slawenmission, in: Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte, Band I, Anfänge und Ausbau Teil I, Neumünster 1977, S. 105-145, Wachholtz Verlag, ISBN 3-529-02826-6; Ulrich Hoppe, Vicelin. Gottesmann jenseits von Ruhm und Macht. Eine historische Hagiographie neu gelesen, Husum 1999, Verein für katholische Kirchengeschichte in Hamburg und Schleswig-Holstein, Beiträge und Mitteilungen. 6; Ulrich T.G. Hoppe, Vicelin: Heiliger jenseits von Ruhm und Macht, Hrsg. Erzbistum Hamburg, August 2004; Friedhelm Jürgensmeier, Artikel „Vizelin“, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Hrsg. Traugott Bautz, 12. Bd., Herzberg 1997, Sp. 1545-1547, Verlag Traugott Bautz, ISBN 3-88309-068-9; Johannes Schilling, Artikel „Witzelin“, in: Theologische Realenzyklopädie, Hrsg. Gerhard Müller, Bd. 36, S. 260-264, Berlin/New York, Verlag De Gruyter; Vicelin um 1090 bis 1154 – Missionar und Bischof in Ostholstein und Lübeck. Hrsg. im Auftrag der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche von Wolf Werner Rausch. Kiel, Nordelbisches Kirchenamt 2004

Bildquellen: Vignette/Vicelin/Erzbischof/Kirche Neumünster/Kreuz: Archiv Kirchenkreis Neumünster; Karte: nachkolorierte Karte von Erwin Raeth; Heinrich: Herzog-August-Bibliothke, Wolfnbüttel; Kirche Bosau: Kirchengemeinde Bosau