Das “Arbeitserziehungslager Nordmark” 1944-1945 |
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![]() ![]() Das "Arbeitserziehungslager Nordmark" der Gestapo war ein Teil des Terrorsystems der Nationalsozialisten in der Provinz Schleswig-Holstein. Wenn Sie diesen Plan vergrößert sehen wollen, genügt ein Mausklick auf den Plan. Es öffnet sich dann ein neues Fenster. Dieses müssen Sie selber schließen, um zum Text zurück zu kommen. |
Seit Ende 1940 entstanden im
Deutschen Reich schätzungsweise rund 200 "Arbeitserziehungslager" (AEL).
Diese unterstanden der von dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler geführten
Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und dienten vor allem dazu, die so
genannten "Fremd-" oder "Ostarbeiter" zu "disziplinieren". Die Zahl dieser
nur selten freiwillig zur Arbeit ins Reich verbrachten Frauen und Männer
wuchs im Laufe des Zweiten Weltkriegs fast kontinuierlich. Was sie leisten
mußten, nennt man heute
Haftstätte der GestapoZwei Drittel aller Häftlinge des "AEL Nordmark" kamen aus der Sowjetunion oder Polen, Deutsche und Österreicher stellten lediglich eine Minderheit unter den Lagerinsassen dar. Ohne daß ein Gericht eingeschaltet wurde, reagierte die Gestapo auf Anzeigen und Denunziationen von Arbeitgebern und Behörden, machte vom Instrument der "vorläufigen Schutzhaft" Gebrauch und wies in ein Arbeitserziehungslager ein. Die Anlässe waren meist nichtig: “Arbeitsbummelei”, Fernbleiben von der Arbeitsstelle, Streit mit einem Vorgesetzten, versuchte Flucht in das Heimatland oder auch kleinere Diebstähle. Die meisten Taten stellten eine Reaktion auf die menschenunwürdigen Verhältnisse dar, unter denen die Zwangsarbeiter arbeiten und leben mußten. Im NS-Staat galten “Arbeitsvertragsbrüchige” als Saboteure an der “Heimatfront”. Da das Regime aber jede Arbeitskraft brauchte, sollte die Haftzeit auf maximal 56 Tage begrenzt werden, der Häftling danach dem Betrieb wieder zur Verfügung stehen und den anderen als abschreckendes Beispiel dienen. Außer für die große Anzahl von “Arbeitsvertragsbrüchigen” diente das Lager der schleswig-holsteinischen Gestapo auch als Haftstätte für “Schutzhäftlinge” und politische Gefangene: unter ihnen beispielsweise der 67jährige Pastor Ewald Dittmann aus Dithmarschen und der Kieler Kommunist Bernhard Scoor, der mit osteuropäischen Zwangsarbeitern zu einer Widerstandsgruppe gehörte.
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Aufbau des Lagers
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![]() Johannes Post war der Kommandant des AEL Nordmark
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Das Lager am östlichen Ufer
des Russees wurde unter Aufsicht von zivilen Facharbeitern durch
Gestapogefangene der nahegelegenen Polizeibaracke “Drachensee” errichtet. In
kurzer Zeit entstanden über 20 Gebäude: Unterkünfte für Häftlinge und
Wachmannschaften, Verwaltungsbaracken und Lagerschuppen, eine Küche, zwei
Wachtürme und ein Gästehaus für die SS. Das gefürchtetste Gebäude im Lager
war ein halb unterirdischer Arrestbunker aus Beton mit 48 völlig dunklen
Einzelzellen. Verantwortlich für die Errichtung des Lagers war der im
Februar 1944 eingesetzte Leiter der schleswig-holsteinischen Gestapo,
Regierungsrat und SS-Sturmbannführer Fritz Schmidt. Als Kommandanten für das
Lager setzte Schmidt den Kriminalkommissar und SS-Sturmbannführer Johannes
Post ein.
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Lageralltag
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![]() ![]() Plan des AEL Nordmark von Frank Thamm. Wenn Sie diesen Plan vergrößert sehen wollen, genügt ein Mausklick auf den Plan. Es öffnet sich dann ein neues Fenster. Dieses müssen Sie selber schließen, um zum Text zurück zu kommen. |
Ende Juli 1944 waren die
ersten Baracken bezugsfertig. Kurz darauf wurden Gefangene ins Lager
eingeliefert. In der Kammer mußten sie ihre Wertsachen abgeben und ihre
Zivil- gegen Lagerkleidung tauschen. Später wurde darauf verzichtet, die
AEL-Häftlinge wurden einfach durch rote Kreuze als solche gekennzeichnet.
Sachen zum Wechseln gab es nicht. Aufgrund der überaus harten Arbeit
verdreckte und verschliß die Kleidung der Inhaftierten schnell. Ernährt
wurden sie mit einem Becher Ersatz-Kaffee, etwas trockenem Brot und einer
dünnen Suppe pro Tag. Die ungeheizten Baracken waren für je 200 Insassen
ausgelegt. Geschlafen wurde auf nackten Brettern in doppelstöckigen
Holzgestellen mit je nur einer Wolldecke pro Person. Die Waschräume wurden
nicht mehr fertiggestellt, und als Toiletten dienten offene Kübel in den
Baracken und einige Latrinen. Für die medizinische Versorgung war eine
Krankenbaracke eingerichtet worden, in der ein zwangsverpflichteter Hasseer
Arzt, ein russischer Häftlingsarzt, eine Krankenschwester sowie der dänische
Lagersanitäter Jensen Dienst taten. Aufgrund der häufigen Mißhandlungen
durch die SS, der mangelhaften Hygiene, des schlechten Essens und der
unmenschlichen Härte der Arbeit war die Krankenbaracke häufig überfüllt. Die
Häftlinge konnten hier nur völlig unzureichend versorgt werden, und außerdem
drohte den Schwerkranken und - verletzten die Ermordung durch den dafür nach
1945 verurteilten Sanitäter Jensen.
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Zwangsarbeit der Häftlinge
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![]() Dieses Mahnmal erinnert "Appell" erinnert an den Lageralltag |
Der Tag im Lager begann jeden
Morgen um 5 Uhr. Getrennt nach Deutschen und Ausländern mußten die Häftlinge
zum Appell antreten. Der stellvertretende Lagerkommandant teilte die
Arbeitskommandos ein. Rund zehn Stunden lang hatten die Häftlinge besonders
schmutzige, schwere oder gefährliche Arbeiten zu verrichten: Im Lager bauten
sie weitere Baracken, planierten Wege oder schaufelten bis zum Umfallen in
der Kiesgrube auf dem Gelände. Außerhalb des Lagers wurden sie beim
Bunkerbau in Schulensee und am Schützenwall eingesetzt, räumten Trümmer im
zerbombten Kiel oder entschärften und bargen Blindgänger. Auch Kieler Firmen
griffen gerne auf die billigen Arbeitskräfte zurück: so die
Holsten-Brauerei, die Land- und See-Leichtbau GmbH, die Betonbaufirma Ohle &
Lovisa und die Nordland Fisch-Fabrik in Hassee. Wer sich im Lager oder auf
den Arbeitskommandos den Befehlen der Wachmannschaften widersetzte,
erschöpft zusammenbrach oder anderweitig auffiel, wurde durch die SS
willkürlich geschlagen, mißhandelt oder sogar erschossen. Die wenigen
Fluchtversuche endeten bis kurz vor Kriegsende immer mit dem Tod des
Häftlings; erst Ende April 1945 gelang es einigen Häftlingen während der
Arbeit zu fliehen.
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Schlußphase und Befreiung
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![]() Luftbild des "AEL Normark" aus dem Jahr 1945. Diese Aufnahme kann auch mittels Google Earth betrachtet werden - das Overlay für Google Earth finden Sie hier als Download. Zum Nutzen des Overlays muss vorher auf Ihrem PC Google Earth installiert werden.
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Mitte April 1945 waren etwa
900 Gefangene im Lager. Durch “Evakuierungstransporte” (Todesmärsche) aus
anderen Haftstätten verdoppelte sich die Zahl der Häftlinge innerhalb von
zwei Tagen. Unter den Neuzugängen war auch ein Transport deutscher
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Nachkriegszeit
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![]() Die Reste des Krematoriums, das nicht mehr fertiggestellt wurde
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Nach Kriegsende dienten die
Baracken zuerst als Unterkunft für ehemalige osteuropäische Zwangsarbeiter,
die von den Briten sogenannten
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Strafverfolgung der Täter
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![]() Mit einem Gedenkzug wurde 1995 der ungesühnten Verbrechen im AEL Nordmark gedacht |
Am 3. September 1947 wurde
der ehemalige Lagerkommandant Johannes Post vor einem britischen
Militärgericht als Mitarbeiter der Gestapo wegen seiner Beteiligung an der
Erschießung von britischen Royal-Air-Force-Piloten im März 1944 zum Tode
verurteilt und gehängt. Das ehemalige deutsche und ausländische Personal des
Lagers stand von Herbst 1947 bis Frühjahr 1948 im Hamburger Curiohaus vor
einem britischen Militärgericht (“Kiel-Hassee-Cases”). Von den 24 Personen,
die wegen Mordes angeklagt worden waren, sprachen die Richter sieben –
zumeist aus Mangel an Beweisen – frei und verurteilten 15 Männer zu
Haftstrafen zwischen zwei und 20 Jahren Gefängnis. Der dänische
Lagersanitäter Orla Eigil Jensen – dem die Ermordung kranker und schwer
verletzter Häftlinge nachgewiesen werden konnten - sowie der einstige
stellvertretende Kommandant Otto Baumann wurden zum Tode verurteilt. Jensens
Strafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt, Baumann 1948 hingerichtet.
Alle anderen Verurteilten kamen bis 1956 aus den Gefängnissen frei. Durch
die deutsche Justiz wurden die Verbrechen im “Arbeitserziehungslager
Nordmark” nicht gesühnt. Zwar ermittelten Staatsanwälte von 1946 bis 1967
mehrfach gegen Täter wegen Mord, Totschlag oder Beteiligung daran, doch
wurde nur in wenige Fällen Anklage erhoben, verurteilt wurde niemand. . Das
galt auch für den erst 1963 verhafteten Hauptverantwortlichen für das Lager,
dem ehemaligen schleswig-holsteinischen Gestapo-Chef Fritz Schmidt. Die
Anklagebehörde konnte ihm keinen Mord mehr nachweisen.
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Gedenken
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![]() Mit diesem Gedenkstein wird heute an die Opfer des AEL Nordmark erinnert |
In Kiel tat man sich schwer,
die Geschichte des "AEL Nordmark" aufzuarbeiten und der Opfer den
Nationalsozialismus zu gedenken: Erst am "Tag der deutschen Einheit" 1971,
dem 17.Juni, wurde an der Ecke Rendsburger Landstraße / Seekoppelweg ein
Gedenkstein aufgestellt. Anfang der 1980er Jahre entstanden
"Geschichtswerkstätten", die sich mit der NS-Geschichte vor Ort
auseinandersetzten. So legte der “Arbeitskreis Asche-Prozeß” im Herbst 1982
die Grundmauern des ehemaligen SS-Gästehauses frei, ein Jahr später erschien
eine Broschüre über die Geschichte des Lagers. Darauf beschlossen im März
1983 die Fraktionen in der Ratsversammlung, ein Konzept für eine
Dokumentations- und Gedenkstätte in Auftrag zu geben. Da kein Geld bewilligt
wurde, konnte die Idee nicht umgesetzt werden. Auf Initiative einer
kirchlichen Jugendgruppe aus Kronshagen war die Stadt Kiel 1985 bereit,
einen neuen Gedenkstein zu errichten. Seitdem wird dort am Volkstrauertag
der Häftlinge des “AEL Nordmark” gedacht. Nachdem im November 2000 auf dem
ehemaligen Lagergelände der Überrest eines nach Kriegsende von polnischen
Zwangsarbeitern aufgestellten Gedenksteins für die Opfer des Faschismus
gefunden worden war, gestaltete der Arbeitskreis zur Erforschung des
Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (AKENS) auf Initiative des Kieler
Kulturausschusses Anfang 2003 einen “Gedenkort ‚Arbeitserziehungslager
Nordmark'”. Seit dem 4. Mai 2003 – dem Tag der Befreiung des Lagers –
befinden sich nun ein weiterer Gedenkstein sowie drei Stelltafeln auf dem
Gelände und ermöglichen es Besuchern, sich detailliert über die Geschichte
des AEL zu informieren. Frank Omland / Eckhard Colmorgen (TdM 0903)
Tipp: Der Arbeitskreis
Asche-Prozeß bietet sowohl Stadtführungen zur Geschichte des
Nationalsozialismus in Kiel an, als auch Führungen über das ehemalige
Lagergelände (Eckhard Colmorgen, Tel. 04 31 - 739 49 73). Literatur und Materialien: Dokumentation zum “Gedenkort ‚Arbeitserziehungslager Nordmark’”. Materialien, Fotos und Dokumente zu einer Haftstätte der schleswig-holsteinischen Gestapo in Kiel 1944-1945. Kiel 2003. Herausgegeben vom Arbeitskreis Asche-Prozeß und dem Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e.V.; Detlef Korte: ‚Erziehung’ ins Massengrab. Die Geschichte des “Arbeitserziehungslagers Nordmark” Kiel-Russee 1944-1945. Kiel 1991. (Vergriffen); “Wiedersehen nach 42 Jahren – Die Geschichte des Arbeitserziehungslagers Nordmark”, Videofilm über das ‚AEL Nordmark’ (1989) von Irene Dittrich, Kai Gerdes und Detlef Korte; Uwe Carstens, Die “Wohnkolonie Rendsburger Landstraße”. Vom Arbeitserziehungslager zum Flüchtlingslager. In: Demokratische Geschichte Band IX. Veröffentlichungen des Beirats für Geschichte der Arbeiterbewegung und Demokratie in Schleswig-Holstein. Malente 1995, S. 259-273. Bildquellen: Vignette/Luftbild/Johannes Post/Krematorium: Fotosammlung Stadtarchiv Kiel; Graphiken: Frank Thamm; Gedenkstein: Eckhard Colmorgen; Demo: Akens |