
Die Zeichnung von Alexander Eckener über das
Besticken des Außendeichfußes für Theodor Storms Novelle "Der Schimmelreiter" |
Mit Mit dem Anwachsen der
Bevölkerung im hohen
Mittelalter wurde der Ackerbau immer bedeutender. Neue Techniken erlaubten,
die
Marschen zu bedeichen und das
fruchtbare Land zu gewinnen. Möglich wurde der Deichbau und die dadurch
notwendigen
Entwässerung durch den
genossenschaftlichen Zusammenschluß der Bauern auf Ebene der Kirchspiele. In
Dithmarschen nannten sich
diese Verbände Geschlechter. Bevor die Nordseemarschen bedeicht wurden,
hatte man sich darauf beschränkt, die Gehöfte auf Erdhügel zu setzen. Sie
nennt man in Dithmarschen
Wurten, nördlich der Eider
Warften. Als nächste Stufe wurden
zum Schutz der fruchtbaren Marschen flache, überströmbare Deiche aus dem "Klei"
genannten Marschboden angelegt. Sie waren - wie Ausgrabungen nachgewiesen
haben - oft nur einen Meter hoch und schützen das Land der Siedler nur über
den Sommer. Winterdeiche, also solche, die auch vor den Sturmfluten vom
Herbst bis in das Frühjahr schützen sollten, entstanden erst im späten
Mittelalter. Der wesentliche Grund war die ungeheure Arbeit die es kostete,
um die für den Deichbau notwendigen Massen an Erdreich mit einfachsten
Werkzeugen und Karren zu bewegen. Trotzdem: die Nordsee stieg langsam jedoch
kontinuierlich. Sollte das fruchtbare Land erhalten bleiben, mußten die
Deiche wachsen. Weil gerade die junge Marsch reiche Ernten versprach, wagten
sich die Küstenbewohner immer weiter vor. Riskant wurde der Deichbau dort,
wo kein aufgewachsenes Vorland einen neuen Koog schütze und der direkt bis
an die Nordsee grenzte. Dort entstanden seit dem 15. Jahrhundert sogenannte
Stackdeiche. Sie fielen nicht
flach zur See ab, sondern hatten eine bis über zwei Meter hohe Wand aus
Holzplanken. Durch den hohen Bedarf an Holz waren sie nicht nur teuer,
sondern auch problematisch zu erhalten.
Deichbau
Die zweit große „Mandränke“ 1634 zerriß
nicht nur Alt Nordstrand und führte zu katastrophalen Verlusten an Menschen
und Land besonders im nordfriesischen Wattenmeer. Die
Sturmflut wurde auch zu einem
Wendepunkt im Deichbau. Die durch die Flut verarmten Küstenbewohner waren
nicht mehr in der Lage, den aufwendigen Deichbau zu leisten. Die
Gottorfer suchten deshalb
finanzkräftige Investoren. Sie fanden sie vor allem in
Holland. Sie vergaben das Recht,
aufgewachsenes Vorland zu bedeichen, als "Oktroy" an private Bauherren.
Durch Steuerfreiheit und andere Sonderrechte - wie etwa das Privileg, Mühlen
zu betreiben - wurden den Investoren Deichbauprojekte schmackhaft gemacht.
Es brach ein regelrechter Boom aus, der die Küste von der Elbe bis nach
Tondern in eine einzige Baustelle zu verwandeln schien. Als lukrativ galt
ein Projekt, wenn ein Kilometer Deich 100 Hektar Marsch dem Einfluß des
Meeres entzog. Als Lohn für die ungeheure Arbeit lieferten die ganzjährig
geschützten Köge beachtliche Überschüsse.
Mit Schubkarre und Tagelöhnern
Nicht jeder Deichbau glückte. Deshalb blieb
es ein hochspekulatives Geschäft, das jedoch vor allem auch niederländische
Unternehmer anlockte. Diese Epoche begann schon vor der zweiten Mandränke
1610 mit den Deichbau für den Sieversflether Koog auf Eiderstedt. Der neue
Generaldeichgraf des Gottorfer Herzogs Friedrich III. (1597*/1616-1659),
Johann Claussen Rollwagen, brachte aus seiner niederländischen Heimat nicht
nur die
Schubkarre mit an die
Westküste. Er lehnte auch den Bau von Stackdeichen ab und sorgte dafür, daß
die Deiche flachere Profile erhielten, damit sich an dem Böschungen das
Wasser totlaufen konnte. Neben der Technik veränderte er die Organisation
der Arbeit. Der Deichbau war nicht länger eine Gemeinschaftsaufgabe der
Marschbewohner, sondern wurde Unternehmern übertragen, die Tagelöhner
einsetzten. Innerhalb weniger Jahre vollendete Rollwagen so erfolgreich
sechs Deichprojekte. Dadurch wurden jedoch die einheimischen Landbesitzer
entrechtet. Sie durften nicht länger das "deichreife" Land für sich
gewinnen. Lohnarbeit ersetzt nun die genossenschaftliche Organisation. Die
geworbenen Deicharbeitern mußten für wenig Geld hart arbeiten. Dadurch kam
es immer wieder zu Unruhen und Aufständen. Sie waren für den Deichbau der
frühen Neuzeit so typisch, daß man entlang der gesamten Marschküste dafür
eine eigenes Wort hatte und diese Tumulte
"Lawai" nannte.
Der Staat organisiert den Deichbau
Im dänischen
Gesamtstaat schuf Christian
VII. (1749*/1766-1808) mit einem Patent vom 29. Januar 1800 eine
einheitliche Rechtsgrundlage für die Kontrolle und den Unterhalt der Deiche.
Zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde auch das Problem der "schar" also ohne
Vorland (vergleiche auch das englische “shore” für Küste) liegenden Deiche
gelöst. Die Stackdeiche wurden durch Schardeiche ersetzt, deren Fuß mit
Stroh "bestickt" wurde. Schon im späten 18. Jahrhundert wurden dann
Steinpackungen am seeseitigen Fuß der direkt an der See liegenden Deiche
eingebaut. Mit der
Industrialisierung
begann auch die Mechanisierung des Deichbaues. Lorenzüge und dampfgetriebene
Eimerbagger (Lübecker Bagger) ersetzten im großen Umfang die Handarbeit. Die
neuen Maschinen wurden auch bei den letzten privatfinanzierten
Deichprojekten eingesetzt. Es waren der Neufelder
Koog in Dithmarschen 1924 sowie zwei
Jahre später der Sönke-Nissen-Koog in Nordfriesland (siehe auch
Heimatschutzarchitektur). Nach der Machtübernahme durch die
Nationalsozialisten
wurde der Deichbau aus ideologischen Gründen forciert, um "neuen Lebensraum"
zu schaffen. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entstanden neun neue
Köge. Um Arbeit zu schaffen, wurden sie wieder weitgehend von Hand gebaut.
Die Projekte waren stark propagandistisch angelegt, wie der Bau des
Adolf-Hitler-Kooges
(heute Dieksander Koog) exemplarisch belegt.
Vom Deichbau zum Küstenschutz
Nach dem Zweiten Weltkrieg fehlte im mit
Flüchtlingen übervölkerten
Land Schleswig-Holstein das Geld, um sich um den Erhalt der Deiche zu
kümmern. Das änderte sich erst nach der Hollandflut1953. Sie brachte die
Aufgabe des inzwischen vor allem als „Küstenschutz“ verstandenen Deichbaus
wieder in das allgemeine Bewußtsein. Bis zur Hamburgflut 1962 (
Sturmflut) war jedoch nur ein
Teil der Deiche "ertüchtigt". Als Lehre aus der 1962er Flut wurde ein Jahr
später der
Generalplan Küstenschutz
auf den Weg gebracht. Die Höhe der Deiche werden inzwischen auch angesichts
des andauernden Anstiegs des Meeresspiegel mit acht und mehr Meter über
Normalnull angelegt. Schon lange ist es nicht mehr möglich, diese gewaltigen
Deiche aus Klei zu bauen. Deshalb ist man dazu übergegangen, die vorhandenen
Deiche zu schlitzen und einen Sandkern einzuspülen. Auch wird zunehmend
Asphalt als Deckmaterial genutzt. Zum zentralen Problem des Deichbaus ist
inzwischen die Tragfähigkeit des Untergrunds geworden. Sackende Sedimente
oder Moorlinsen erhöhen die Gefahr, daß ein Deich unterspült werden kann.
Deshalb brechen moderne Deiche eigentlich nie an ihrer Seeseite, selten an
ihrer Krone, häufig dagegen kommt es zu Grundbrüchen. Das Wasser drückt sich
dabei durch weichen Grund unter dem Deich durch. Daß Grundbrüche auch früher
häufig waren, ist belegt, seitdem die
Wehlen (das sind tiefe Teiche, die
sich bei Deichbrüchen hinterm Deich bilden) untersucht wurden. Die Küste in
Dithmarschen hat sich seit dem Mittelalter, die von Nordfriesland seit Ende
des 17. Jahrhunderts immer weiter in See vorgeschoben. Sommerdeiche gibt es
dabei mit Ausnahme der erst ab dem 19. Jahrhundert auf den
Halligen angelegten kaum noch.
In der vordersten Linie spricht man von Seedeichen. Sie unterhalten ist seit
1971 allein Aufgabe des Landes. Gewünscht ist dazu die zweite Deichlinie.
Sie wird in der Regel durch alte Seedeiche gebildet. Liegt dahinter eine
alte, dritte Linie, so nennt man diese Deiche "Schlafdeiche".
-ju- (0702/1005)
Hinweis: Wie sich die Küstenlinie im Laufe der
Jahrhunderte verändert hat, ist sehr schön an der Animation erkennbar, die
auf dieser Homepage unter dem Stichwort
Sturmflut
eingestellt ist. Quellen:
Dirk Meier, Landschaftsentwicklung und Siedlungsgeschichte des Eiderstedter
und Dithmarscher Küstengebietes als Teilregionen des Nordseeküstenraumes, in
Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie, Bonn, 2001, Habelt;
Harry Kunz, Nordfriesland von A bis Z, Bredstedt/Bräist, 1998, Nordfriisk
Instituut, ISBN 3-88007-271-X; Harry Kunz in, Schleswig-Holstein Lexikon,
Neumünster, 2000, Wachholtz Verlag, ISBN 3-529-02441-4,
Zum Lesen
empfohlen; Peter Wieland, Küstenfibel, Heide, 1990, Boyens & Co;
Werner Prange, Bedeichungsgeschichte der Marschen in Schleswig-Holstein,
Vortrag vom 16.3.1982; Dieter Lohmeier, Rollwagen-Claußen - Coot,
...Anmerkungen zum Deichwesen in Nordfriesland im frühen 17. Jahrhundert, S.
75-90, Nordfriesisches Jahrbuch, 1980, Bredstedt/Bräist, Nordfriisk
Instituut
Bildquelle: Zeichnung von Alexander Eckener aus: Theodor Storm, Der
Schimmelreiter, Hamburg, 1977, Hans Christians Verlag, ISBN 3-7672-00517-3 |