Friedrich Paulsen (16.07.1846-14.08.1908) |
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![]() Friedrich Paulsen um 1895 |
Er
gilt als
Erfinder des „modernen“ Gymnasiums und war um die
Wende vom
19. zum 20. Jahrhundert als Wissenschaftler nicht nur national eine
Berühmtheit, die sich sogar traute, öffentlich Kaiser
Wilhelm
II. zu widersprechen: Friedrich Paulsen. Sein Lebensweg führte
ihn
aus dem dörflichen nordfriesischen Langenhorn im noch |
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Jugend auf dem Land |
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![]() Friedrich Paulsen und seine Eltern |
Friedrich
Paulsen
wurde am 16. Juli 1846 als erstes Kind des Kleinbauern Paul Frerk
Paulsen und seiner Frau Christine (geb. Ketelsen) geboren. Er blieb ein
Einzelkind. Nach der Dorfschule wechselte er 1859 in die Schule von
Sönke Brodersen, der ihn nach Kräften
förderte. So
konnte Paulsen 1863 in die Sekunda des Christianeums in Altona
wechseln. Drei Jahre später bestand er sein Abitur und begann
in
Erlangen, Theologie zu studieren. Nach drei Semestern wechselte er an
die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und zur
Philosophie.
Nach Doktorarbeit und Habilitation erhielt er 1877 eine
außerordentliche Professur für Pädagogik,
damals noch
mit der Philosophie verbunden. Vor allem als Bildungshistoriker machte
er sich einen Namen. 1894 schließlich wurde Paulsen
Ordinarius
für Philosophie und Pädagogik und avancierte zu einem
der
einflussreichsten Professoren seiner Zeit.
Ein neuer Begriff von Bildung |
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![]() Das Elternhaus – die Jugend in Langenhorn prägte Paulsen |
Paulsen zog in seinen pädagogischen Schriften insbesondere gegen einen seiner Ansicht nach verbreiteten, jedoch für ihn völlig falschen Bildungsbegriff zu Felde. Der fange damit an, „dass man sich schämt, mit den Händen zu arbeiten“. Das Volk in „Gebildete“ und „Ungebildete“ zu spalten, betrachtete er als verhängnisvoll. Er setzte sich dagegen für lebenslanges Lernen und namentlich Volkshochschulen als „Hochschulen des Volkes“ ein. Bildung hatte in den Augen Paulsens wenig mit Äußerlichkeiten, mit der Kenntnis bedeutender Dichter oder gar dem häufigen Gebrauch von Fremdwörtern zu tun. Auch ein Bauer oder Handwerker konnte demnach als gebildet gelten: Selbst wenn ein Mensch „von Goethe und Schiller vielleicht noch nie den Namen gehört hat“, können wir ihn trotzdem „einen wirklich und innerlich durchgebildeten Menschen“ nennen, „wenn er die Mittel, die ihm die Verhältnisse zu Gebote gestellt haben, mit Verstand benutzt hat, sich von der natürlichen und geschichtlichen Welt, in der er lebt, eine in sich einheitliche Anschauung zu bilden, und er sich nun mit selbständigem Urteil in seinem Kreis zurechtfindet“. Denn: „Nicht, was man weiß, sondern was man mit seinem Wissen anzufangen weiß, ist entscheidend für die Bildung einer Persönlichkeit.“ Das leitete Paulsen auch aus seiner Jugend in einem nordfriesischen Dorf ab. Kaum ein anderer Gelehrter übertrug Prägungen aus seiner Herkunftsregion so stark auf seine wissenschaftliche Arbeit wie Friedrich Paulsen. Die Unabhängigkeit der Bauern und der Seefahrer in der friesischen Gesellschaft beeindruckte ihn; seine Vorfahren stammten von den Halligen Oland und Langeneß. Die bäuerliche Gemeinschaft seines Geburtsorts Langenhorn erlebte er als seine Heimat. Darauf nahm er häufig Bezug. Er kam zu dem Schluss: „Wenn ich nicht Professor geworden wäre, wäre es doch am Ende das Beste für mich gewesen, Bauer zu werden.“
Die Dorfschule als Reformmodell |
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![]() Bestseller des Kaiserreichs: Paulsen Bücher |
Auch ein wesentliches Unterrichtsprinzip leitete Paulsen aus seiner Langenhorner Schulzeit ab. Der Lehrer solle vom Nahen zum Fernen gehen, also die unmittelbare Umwelt der Schüler einbeziehen und von hier aus die größeren Zusammenhänge entwickeln. So hatte es Paulsen in der „Westerschule“ bei seinem von ihm verehrten Lehrer Sönke Brodersen erfahren. Er entwickelte daraus eine umfassend angelegte „Heimatkunde“, die er auch als Grundlage staatsbürgerlicher Bildung ansah. Paulsen kann als der geistige Vater des modernen Gymnasiums bezeichnet werden. Noch am Ende des 19. Jahrhunderts eröffnete allein das altsprachliche Gymnasium den Weg zum Universitätsstudium. Obwohl Paulsen den Bildungswert der alten Sprachen hoch einschätzte, hielt er das im Industriezeitalter für überholt. Statt des lateinischen Aufsatzes forderte er einen deutschen für das Abitur. Er verlangte die Gleichberechtigung der Realgymnasien und Oberrealschulen, in denen die neuen Sprachen und die Naturwissenschaften im Vordergrund standen. Zu dieser Erkenntnis hatte ihn nicht zuletzt die Arbeit an seinem ersten großen wissenschaftlichen Werk geführt, nämlich die „Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart“. Als das Buch 1884 erschien, entrüstete sich die gelehrte Welt. Seine Position vertrat er jedoch standhaft weiter, auch in einer Kontroverse mit Wilhelm II. auf der Berliner Schulkonferenz 1890. Paulsen notierte: „… der Kaiser … sah mich mit seinen harten blauen Augen starr und fast drohend an“. Paulsen blieb beharrlich und setzte sich in der Schulreform 1901 schließlich durch. Ihm kam es nach den Worten Thomas Nipperdeys darauf an, „das Gymnasium aus einer Schule der besitzenden Klassen wieder zu einer Schule der Talente aus allen Klassen“ zu machen. | |
Bestsellerautor Paulsen |
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![]() Die erste Publikation der Gesellschaft |
Friedrich Paulsen zweites großes Werk wurde 1889 das „System der Ethik“, das er mehrfach erweiterte, bis zu einem Umfang von 1132 Seiten. Paulsen befasste sich mit Begriffen wie Tugend, Moral, Ehre, Gewissen, Gerechtigkeit. Das Buch wurde in vielen Häusern zu einem Ratgeber für alle Lebenslagen. Ihn beschäftigten etwa der zunehmende Konkurrenzdruck und die Überreiztheit im aufstrebenden Kaiserreich. Sein Rezept: Natur und Einsamkeit befreien vom Druck der neuen Zeit. In dem Buch fand sich auch das Konzept einer „Fortbildungsschule“ sowie der „Umriss einer Staats- und Gesellschaftslehre“. Daraus entwickelten sich letztlich die heutige Berufsschule sowie die politische Bildungsarbeit in Deutschland. Das „System der Ethik“ wurde auch ins Chinesische übersetzt – und wurde von einem anderen Bauernsohn, dem späteren Revolutionsführer und Staatschef Mao Zedong, eifrig studiert. | |
Volksphilosoph Paulsen |
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![]() Seine Villa in Berlin Steglitz entwarf Paulsen selber |
Nicht
weniger
verbreitet im gebildeten Bürgertum des Kaiserreichs war die
1892
erstmals erschienene „Einleitung in die
Philosophie“.
Paulsen führte in die Philosophie ein „nicht als
eine in
sich abgeschlossene, wo möglich durch eine Geheimsprache noch
mehr
isolierte Wissenschaft, sondern als Welt- und
Weisheitslehre“,
denn: „Es ist eine falsche Vornehmheit, bloß
für
Professoren schreiben zu wollen.“ Bis 1929 wurde das Buch in
42
Auflagen gedruckt. Gerade weil es so populär war, wurde es von
Paulsens Kollegen in Deutschland auch heftig kritisiert. Seine
Hauptwerke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Besonders in
den
USA wurden sie stark beachtet und an den Universitäten als
„text-books“ verwendet. Während
hierzulande 1909 nur
seine Jugenderinnerungen verlegt wurden, erschienen seine
Lebenserinnerungen 1938 in New York fast in voller Länge auf
Englisch. Das Vorwort schrieb Friedensnobelpreisträger
Nicholas
Murray Butler (1862–1947), Professor für Philosophie
und
Pädagogik. Sein Urteil: „This is a fascinating
book.“
Erst zu seinem 100. Todestag 2008 wurden die Erinnerungen erstmals
vollständig in deutscher Sprache veröffentlicht.
Ein moderner Denker |
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| Gerade
am Beginn
des 20. Jahrhunderts begann in Deutschland
„Heimat“
zu einer Ideologie zu werden. Von der „Scholle“,
vom
„unverfälschten Landleben“ sollte die
Rettung kommen
vor der „Asphaltkultur“ der
Großstädte. Die
Friesen wurden zu einem ganz besonderen, „echten“
und
„kernigen“ Menschenschlag verklärt. Von
solcher
Heimat- oder Friesentümelei hielt der Friese Paulsen nichts.
„Heimatkunde“ war für ihn keine Ideologie.
Sie sollte
anleiten zum Verstehen, zum eigenen Forschen, zum Fragen. Fragen an
seine Zeit hat Paulsen immer wieder gestellt. Er mischte sich ein,
griff zur Feder, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Sein
Maß
und sein Ideal war dabei die Gesellschaft seiner dörflichen
Jugend
– kaum nostalgisch idealisiert, sondern klar darauf
rückschauend, dass diese zwar einerseits Respekt etwa der
Jüngeren vor der älteren Generation verlangte, jedoch
keine
Klassen kannte und Leistung nicht in Kopf- und Handarbeit trennte. Er
empfand das als „demokratischen Charakter“ und sah
es als
Gegensatz zur ständischen „preußischen
Welt“,
die nach „Gemeinen“ und
„Kommandierenden“
unterschied. Als Gelehrter zog sich Paulsen nicht in den
„Elfenbeinturm“ der Wissenschaft zurück.
Er sah die
deutsche Universität als das „moralische Gewissen
der
Nation“, wie er 1902 schrieb. Als junger Mann war er
begeistert
von den Ideen des Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle. Sie entsprachen
seinen Idealen von Gleichheit und Freiheit, die er auch aus der
friesischen Tradition herleitete. Bismarcks
„Sozialistengesetz“ von 1878 lehnte er entschieden
ab.
Später wurden seine politischen Ansichten konservativer. Er
hielt
an der Monarchie als Staatsform fest und plädierte
für ein
„soziales Volkskönigtum“. Den
übertriebenen
Nationalismus seiner Zeit kritisierte er. Er hoffte auf die
„vereinigten Staaten von Europa“ und gab zu
bedenken:
„Hass und Verachtung sind keine schönen und keine
gedeihlichen Gefühle, auch nicht unter den Nationen.
… Die
intensive Berührung der Nationalitäten (auch mehrerer
in
einem Staat) ist Gewinn für ihre Kultur.“
Ein politischer Wissenschaftler |
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![]() Friedrich Paulsen 1906 |
In
eine politische
Schublade wird man Paulsen nicht stecken können. Vielleicht
kann
man ihn in seinen letzten Lebensjahren als einen
gemäßigten
Liberalen einschätzen. Ein Grundzug blieb sein Leben lang
bestehen. Er war misstrauisch gegenüber dem
„Zeitgeist“, gegenüber dem, was fast alle
denken. An
einer Stelle seiner Lebenserinnerungen schreibt er:
„…
vielleicht war ein wenig von dem allgemeinen Oppositionsgeist dabei,
der mich von jeher geneigt gemacht hat, die Sache des allgemein
Verworfenen lieber als die des allgemein Anerkannten zu
führen.“ Er scheute sich nicht anzuecken. So setzte
er sich
für einen der SPD angehörigen jüdischen
Privatdozenten
ein, den das Kultusministerium aus dem Amt drängen wollte.
Für die Freiheit der Andersdenkenden trat er auch ein, als
„fortschrittliche“ Studenten in Berlin den
Katholiken das
Recht nehmen wollten, eigene Vereine zu bilden. Paulsen spricht von
einem „Freiheitskampf’ zur Unterdrückung
der
Freiheit“ und meint: „Unter Freiheit versteht die
Masse
immer und ewig dasselbe, nämlich das Recht und die Macht, die
Gegner zu unterdrücken.“
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![]() Ein Ort des Rückzugs: Die Villa am Starnberger See |
Ein Leben im ÜberschaubarenFriedrich
Paulsen war überaus erfolgreich. Privat blieb er einem
bürgerlichen
Lebensstil verhaftet. 1877 heiratete er Emilie Ferchel, Pflegetochter
des Politikers Justus von Gruner. Sie schenkte ihm zwei
Töchter und
zwei Söhne, doch verstarb sie schon 1883. Neun Jahre
später heiratete
Paulsen seine Schwägerin Laura Ferchel. In seiner Familie
hielt er ganz
am traditionellen Rollenverständnis fest. Zum
Lebensmittelpunkt wurde
seine selbst entworfene Villa in Steglitz. Paulsen kehrte oft nach
Nordfriesland zurück, reiste gerne und ausgedehnt durch
Deutschland und
mehrere Länder Europas. Refugium wurde ihm zuletzt auch ein
Haus am
Starnberger See in Bayern. Mit nur 62 Jahren starb Friedrich Paulsen.
Auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg
wurde er in einem
Ehrengrab der Stadt Berlin beigesetzt.
Literatur: Friedrich Paulsen, Aus meinem Leben. Vollständige Ausgabe. Herausgegeben von Dieter Lohmeier und Thomas Steensen, 2008, ISBN 978-3-88007-346-3, Bredstedt, Nordfriisk Instituut. Bildquellen: Archiv Nordfriisk Instituut |