Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (GSHG) |
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![]() Andreas Ludwig Jacob Michelsen (1801-1881) prägte als erster Sekretär bis 1842 die Arbeit de Geschichtsgesellschaft. Die ehrenamtlichen Schriftführer sind seitdem die „Hauptarbeiter“ der Gesellschaft |
Am 13. März 1833 trafen sich 41 Männer im Haus des Kieler Advokaten Meyer Isaak Schiff. Sie diskutierten, wie es gelingen könne, die bis dahin brachliegende Geschichte der Herzogtümer zu erschließen. Sie beschlossen, die ‚Schleswig-Holstein-Lauenburgische Gesellschaft für vaterländische Geschichte’ zu gründen. Seit 1879 heißt sie ‚Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte’. Ziel der GSHG abgekürzten Gesellschaft ist das Publizieren. Über 175 Jahre befasst sie sich nun kontinuierlich damit, Quellen zu erschließen und Beiträge auf dem jeweiligen Stand der Wissenschaft zu veröffentlichen. |
Alternative im Gehrock |
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![]() Erster Präsident der Gesellschaft war der Rechtsgelehrte Niels Nicolaus Falck (1784-1850) |
Die Wiege der Gesellschaft
steht in
Das Vaterland wird „entdeckt“Nach der Niederlage Napoleons wurde auf dem
Wiener Kongress versucht, die alte Ordnung wieder herzustellen, doch die
„Restauration“ musste scheitern. Das alte Europa hatte sich überlebt.
Deshalb wurde nicht nur in Deutschland nach neuen gesellschaftlichen
Modellen gesucht. Ein Reflex war die Romantik, ein anderer das Biedermeier.
Dahinter stand auch der Wunsch, die alte Übersichtlichkeit zu
rekonstruieren. Es musste ein Übergang bleiben. Die Welt hatte sich radikal
geändert. Die Kleinstaaterei der Landesherren hatte keine Zukunft mehr. Das
Dorf, die
Eine unlösbare „vaterländische Preisaufgabe“ |
![]() Das „Privileg von Ripen“ gilt als eine der zentralen Quellen der Landesgeschichte. Anders als bei Dahlmann und anderer seiner Zeit wird es heute nicht mehr als Beleg einer auf „ewig“ garantierten Eigenständigkeit der Herzogtümer bewertet |
An der
Das Gold in unsichtbarer Tiefe |
![]() Die erste Publikation der Gesellschaft |
Die neue auf Quellen
gestützte historische Forschung war am Beginn des 19. Jahrhunderts etwas
aufregend Neues. Es galt so auch für die Gründer der Gesellschaft, einen
Rahmen zu bestimmen. Die Kernaufgabe stand dabei fest. Es galt, so
Michelsen, „das Gold, das in unsichtbarer Tiefe ruht“ ans Tageslicht zu
fördern. Einfacher gesagt, sollte das Ziel sein, Quellen zu erschließen.
Dabei, mahnte Michelsen, dürfe der Blick auf das Allgemeine nicht verloren
gehen. Also sei es notwendig, dass Landesgeschichte sich „mit dem Kleinen
beschäftigt, nicht in Kleinlichkeiten sich verirrt und zerbröckelt“. Damit
ist das Arbeitsprogramm der GSHG bis auf den heutigen Tag beschrieben. In
der Zeit des Vormärzes und des Entstehens der europäischen Nationalstaaten
war Geschichte auch immer und stärker als heute eine politische
Wissenschaft. Michelsen formulierte, „es soll die Geschichte, damit sie in
ihr ewiges Recht trete, wirksam in die Gegenwart eingreifen“. Dass sie das
tat und tun sollte, war 1833 im Kreis der Gründer der Gesellschaft
unstrittig. Sie legten sich jedoch auch fest, die Aufgabe darauf zu
konzentrieren, historisches Grundlagenmaterial zusammenzutragen und zu
publizieren. Dieser Plan fand breite Akzeptanz. Nur
Die Gesellschaft und Dänemark |
![]() Der dänische König Friederich VI. (*1768/1808-1839) war der erste Schirmherr der Gesellschaft |
Der Ruf Michelsens nach Jena
weckte den Wunsch, Dahlmann zurück nach Kiel zu holen. Er war inzwischen
eine Berühmtheit. Sein von sechs Professoren mitgetragener Protest gegen das
Aussetzen der von ihm mitgestalteten liberalen Verfassung des Königreiches
Hannover am 18. November 1837 machte ihn zur Leitfigur der „Göttinger
Sieben“. Wie nicht anders zu erwarten, lehnte die dänische Regierung ab.
Dabei wurde eingeräumt, fachlich sei Dahlmann unbestritten geeignet, doch
der Kurator urteilte, „aber seine bereits seit dem Jahre 1815 ... bestätigte
Neigung, durch Schriften und sonst in die politischen Verhältnisse praktisch
einzugreifen, sowie sonstige Beziehungen“ ließen es wenig ratsam erscheinen,
Dahlmann wieder zu berufen. Eine Episode, die jedoch belegt, wie sich das
Verhältnis der Gesellschaft zum dänischen Gesamtstaat gewandelt hatte. Der
vor allem auch von Dahlmann im Privileg von Riepen gesehene historische
Beweis für die Zusammengehörigkeit und eine Eigenstaatlichkeit Schleswigs
und Holsteins, war der Regierung in Kopenhagen seit 1815 unbequem. Doch die
Historiker in Kiel und Kopenhagen arbeiteten eng und vertrauensvoll
zusammen. 1833 sahen sich die Gründerväter noch klar dem dänischen
Gesamtstaat verpflichtet. Sie trugen deshalb König Friedrich VI. (*1768/
1808-1839) den Wunsch an, das „Protektorat“ über die neue Gesellschaft zu
übernehmen. Das tat er am 1. Juni 1833 „mit Rücksicht auf den lobenswerthen
Zweck der Gesellschaft und die von ihr beabsichtigte nützliche Wirksamkeit“.
Man wusste jedoch um die schon 1833 bestehenden dänischen Empfindlichkeiten.
So waren im Entwurf der Satzung Schleswig und Holstein noch durch einen
Bindestrich zusammengefügt, am Ende wurden die Herzogtümer entsprechend
dänischer Schreibweise mit einem Komma getrennt. Trotzdem, Dänen waren im
Verständnis der Gesellschaft Inländer und konnten Mitglied werden. Als 1839
in Kopenhagen die ‚Historisk Forening’ entstand, folgte die schon dem
politischen Programm der Eiderdänen. Inländer waren danach nur Dänen und
Bewohner des Herzogtums Schleswigs. Auch der neue König ging auf Distanz.
Als Christian VIII. (1786*/1839-1848) von der Gesellschaft die
Ehrenmitgliedschaft angetragen wurde, blieb das Schreiben aus Kiel
unbeantwortet.
Erhebung und Preußenzeit |
![]() Proklamation der Provisorischen Regierung - wie sie sich der Maler Hans Olde Anfang des 20. Jahrhunderts vorgestellt hat |
Michelsen-Nachfolger Georg
Waitz (1813-1886) übernahm 1842 das Sekretariat so in einer Zeit des sich
zuspitzenden Gegensatzes mit Dänemark. Waitz leitete Reformen ein, um die
Gesellschaft zu reaktivieren. Der Erfolg blieb ihm versagt, denn die
Geschichte wird staatstragend |
![]() Die „Doppeleiche“, als Bild aus dem „Schleswig-Holstein-Lied“ übernommen, wurde aus Anlass der 50-Jahr-Feiern zum zentralen Symbol für die Einheit der Herzogtümer stilisiert |
Im neuen Reich wurde deutsche
Geschichte gepflegt. 1873 bekam die Gesellschaft erstmals einen jährlichen
festen Zuschuss von zunächst 700 Thaler. Nachdem schon drei Jahre zuvor mit
dem preußischen Staatsarchiv in Schleswig der Vorläufer des Landesarchivs
geschaffen wurde, treibt die Gesellschaft vor allem den Aufbau der
Landesbibliothek in Kiel voran, der 1895 beginnt. 1907 schließlich wird an
der Christian-Albrechts-Universität eine Professur für Landeskunde
eingerichtet. Nach dem Ersten Weltkrieg profitierte die Gesellschaft von der
Grenzlandabstimmung 1920. Der Verlust Nordschleswig weckte in vielen den
Wunsch, sich mit Landesgeschichte zu befassen. Und die GSHG hatte einen
neuen Motor: 1921 übernahm der Direktor der Landesbibliothek Volquart Pauls
das Sekretariat. Er sollte es bis 1950 und damit länger als jeder andere
ausüben. Pauls sorgte mit reger Publikationstätigkeit für Zulauf. 1924
näherte sich die Mitgliederzahl erstmals 1.000. Das 100jährige Jubiläum der
Gesellschaft wurde am 19. und 20. März 1933 am Vorabend der Machtübernahme
durch die Nationalsozialisten im großen Rahmen gefeiert.
Die GSHG und das Dritte ReichDer „Gleichschaltung“ durch die Nationalsozialisten konnte sich auch die Gesellschaft nicht entziehen. So wurde der Vorstand 1933 auf drei Mitglieder reduziert, von1935 an bestand er gemäß dem „Führerprinzip“ allein aus dem Vorsitzenden. Damit war nach Außen der „neuen Zeit“ Rechnung getragen. Auch wenn im September 1933 während der Sommerveranstaltung der GSHG „über die Aufgabe der landesgeschichtlichen Forschung im neuen Reich“ referiert worden war, versuchte Pauls, den politischen Einfluss von der Arbeit der GSHG fernzuhalten. Bis 1944 konnte die Gesellschaft trotz Papiermangel weiter drucken. Das gelang einerseits dadurch, dass Einzelbeiträge fern jeder Aktualität veröffentlicht wurden. Von den mehr als 100 Artikeln der „Zeitschrift für Schleswig-Holsteinische Geschichte“ aus diesen Jahren befassten sich nur fünf mit der Geschichte der Judenfrage und dies, nach Ansicht des Pauls Nachfolgers Olaf Klose, von einigen Entgleisungen abgesehen weitgehend objektiv. Doch es wurde beobachtet, was die Gesellschaft tat. So stoppte die Gestapo den Druck des Buchs „Die wendischen Ortsnamen Ostholsteins, Lübecks, Lauenburgs und Mecklenburgs“. Die Herkunft slawischer Ortsnamen im deutschen Kernland zu erklären, ging den Machthabern im „Tausendjährigen Reich“ zu weit. Das Buch konnte erst 1950 veröffentlich werden. Als gesichert kann gelten, dass die Gesellschaft in der NS-Zeit versucht hat, ihre Arbeit ohne allzu viele Zugeständnisse an den braunen Zeitgeist fortzusetzen. In welchem Umfang das gelungen ist, muss jedoch noch mit der heute gegebenen Distanz zu den Ereignissen aufgearbeitet werden.
Die Vision erfüllt sichDie GSHG überstand das Dritte Reich weitgehend unbelastet, wurde nie verboten und besteht damit kontinuierlich seit 1833. Doch kämpfte Volquart Pauls fast vier Jahre, bis am 15. Januar 1948 die Arbeit wieder aufgenommen werden konnte. Erst 1950 erschien wieder die erste Zeitschrift. Schleswig-Holstein war nun ein selbstständiges Bundesland. Damit hatte sich nach fast 130 Jahren die politische Vision der Gründer erfüllt: Schleswig und Holstein waren geeint und zumindest als Teilstaat eigenständig. Das neue Bundesland suchte noch nach seinem Selbstverständnis und förderte deshalb die Landesgeschichte. „Geschichte ist ein Stück geistiger Heimat“, bekannte Landeskultusminister Peter Bendixen (CDU / 1943- 2007) aus Anlass des 150jährigen Bestehens der GSHG 1983. Davon profitierte auch die GSHG. Im Jubiläumsjahr war mit 1938 Mitgliedern der bisher höchste Stand erreicht. Seit 1970 wurde zu den bekannten Serien am Biographischen Lexikon gearbeitet, der große Geschichtsatlas wurde vorbereitet, Gesellschaft, Landesbibliothek und Landeshistorischer Lehrstuhl arbeiteten eng zusammen.
Die stille Krise |
![]() Seit 1850 erscheint die „Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte“ |
Die stolze Liste der
Publikationen und der gute Kassen- und Mitgliederbestand der GSHG konnten
aber seit Beginn der 1970er Jahre nicht darüber hinwegtäuschen, das die
Gesellschaft in einer Krise steckte. Sie war in den Augen junger Historiker
erstarrt, drehte sich allein um Fragen der politischen Geschichte, war auch
allein auf den landeshistorischen Lehrstuhl fixiert. Auch wurde kritisiert,
der nach dem Zweiten Weltkrieg erneut aufgeflammte Grenzkampf habe die Sicht
verengt. Das rief junge Historiker auf den Plan, die eine neue
Landesgeschichte schreiben wollten: die der Menschen, ihres Zusammenlebens
und dessen was sie machten. So entstand der „Arbeitskreis für Wirtschafts-
und Sozialgeschichte“. Neben dieser Gruppe gab es andere, eher
„revolutionäre Zelle“ Vier junge Mitglieder der Gesellschaften forderten
damals den Vorstand auf, die bildungsbürgerliche Gesellschaft für jedermann
zu öffnen. Das führte dazu, dass seit 1978 die populären Mitteilungshefte
herausgebracht werden. Folge des „Aufstandes“ war auch, dass gezielt der
abgebrochene Kontakt u den dänischen Historikerkollegen wieder aufgenommen
wurde.
Ein strukturelles ProblemSeit 175 Jahren hat sich der Zweck der Gesellschaft nicht geändert. Sie versteht sich als wissenschaftliche Publikationsgesellschaft. Auf diesem Feld war und ist sie auch aus der Sicht ihrer Kritiker ungemein erfolgreich. Es gilt, was Volquart Pauls im Vorwort der Chronik zum 100. Geburtstag 1933 feststellte: Die Arbeit der GSHG sei nur ein Teil der landesgeschichtlichen Forschung in Schleswig-Holstein „aber der Anteil, der auf die von der Geschichtsgesellschaft geleisteten Arbeit entfällt, ist so bedeutungsvoll, daß er aus der gesamten schleswig-holsteinischen Geschichtsforschung nicht wegzudenken ist“. Seit ihrer Gründung hat die GSHG trotzdem ein strukturelles Problem. Sie ist auf zahlreiche Mitglieder und Förderer angewiesen, „produziert“ mit deren Hilfe jedoch vor allem Grundlagen für die historische Forschung. Doch nicht jedem, der Interesse an der Geschichte des Landes hat, bietet die Gesellschaft etwas. Das Problem ist nicht neu. 1842 schon wagte Waitz die erste Reform, die versuchen sollte, den allgemeinen Nutzwert der wissenschaftlichen Arbeit zu verbessern. Viele sind seitdem gefolgt. 1978 entstanden aus diesem Wunsch die „Mitteilungen“. 2001 startete die Gesellschaft deshalb ihre Homepage www.geschichte.schleswig-holstein.de. Und wieder sitzt unter Leitung des ehemaligen Vorsitzenden Karl-Heinrich Buhse ein Arbeitskreis zusammen, der eine neue Antwort auf die alte Frage sucht. Werner Junge (tdM 0308) Quellen: Volquart Pauls, Hundert Jahre Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, 1833 - 13.März – 1933, 1933, Neumünster, Wachholtz; Olaf Klose, 125 Jahre Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 13.März 1833 - 13.März 1958, 1958,Neumünster, Wachholtz;Reimer Witt, Rückblick auf die letzten 25 Jahre der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, In: Mitteilungen der GSHG, 16 (August 1983), S. 5-8. Bildquellen: Vignette: Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (GSHG); Privileg von Ripen: Schleswig-Holsteinisches Landesarchiv, Schleswig (LAS); alle anderen: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Kiel (SHLB) |