Die Heide- und Moorkolonisation 1759 bis 1765Von der Reformidee zum Desaster |
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![]() Ölskizze von N. Bachmann: Heidelandschaft auf der Geest |
Zwischen 1759 und 1762 zog es
über 4.000 Menschen aus dem vom Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763)
verheerten Süddeutschland in den Norden. Sie folgten dem Ruf und den
Versprechen des dänischen Königs Friedrich V. (1723/1746 - 1766). Als
Kolonisten sollten sie die ausgedehnten Ödlandflächen der
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Landesausbau der "Jütischen Heiden" |
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| Es war der vierte Versuch,
der 1759 auf Betreiben von Außenminister Johann Hartwig Ernst von Bernstorff
(1712 - 1772 ) und - vor allem - durch Oberhofmarschall Adam von Moltke
(1710 -1792) gestartet wurde. Schon 1723, 1751 und 1753 waren Projekte der
Ödlandkolonisation kläglich gescheitert. Doch dieses Mal sollte es im großen
Stil gelingen. Den Impuls gab der Kammeralist Johann Heinrich Gottlieb von
Justi (1717-1771) in seinem "Gutachten wegen Anbauung der jütischen Heiden".
Von Justi empfand die über Jahrhunderte unbebauten Ödlandflächen auf dem
Mittelrücken als ein Fanal des schlechten Zustands der dänischen
Landwirtschaft im Allgemeinen. Die zu beheben schienen weder von der
Erbfolge unberücksichtigte ("weichende") Bauernsöhne noch heimische
Tagelöhner geeignet. Johan Frederik Moritz (Tod 1771), dänischer Gesandter
in Frankfurt am Main, empfahl, auf "versierte" Landwirte aus
Südwestdeutschland zu setzen. In "Oberdeutschland" seien nach den
Verheerungen des Siebenjährigen Kriegs viele ausreisewillig. Das gerade
gegründete "Landwesenskollegium" in Kopenhagen nahm sich der Sache an. Die
Heidekolonisation sollte in Jütland beginnen. Moritz bekam den Auftrag,
Kolonisten zu gewinnen. In Anzeigen warb er in der Pfalz, Baden, Württemberg
und Hessen. Der dänische Staat versprach jeder Siedlerfamilie eine
Erbpachtstelle mit Haus, Vieh, Ackergerät, 20 Jahre Steuerfreiheit, Tagegeld
bis zur ersten ausreichenden Ernte und Reisegeld. Als erster verdiente der
Gesandte. Vier Reichstaler bekam er pro Angeworbenen. Deshalb war er nicht
wählerisch. Er akzeptierte fast jeden - auch Schwache und solche, die von
Landwirtschaft nichts verstanden.
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Die "Pfälzer" kommen |
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| Nach siebenwöchiger Reise
trafen Oktober 1759 die ersten oberdeutschen Familien in Viborg ein. Ende
1760 waren es schon an die 1.000 Menschen. Im Norden wurden sie nur als
"Pfälzer" bezeichnet. Vorbereitet war wenig. Nach einem Winter in
Notquartieren wurde erst 1760 den ersten Kolonisten Land auf der Alheide
südwestlich von Viborg und der Randbølheide westlich von Vejle angewiesen.
Das Vorhaben stieß schnell an seine Grenzen: Der schlechte Boden, ungeklärte
Rechte und Proteste der Siedler wie auch der Einheimischen veranlaßten die
Regierung bald, den Strom der Siedler nach Süden auf die schleswigschen
Heiden umzulenken. Und damit wieder auf Ödländereien, die nach Ansicht von
Bauern und Amtmännern im
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Siedeln nach Plan |
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![]() Ausschnitt aus einer Karte von Kolonie-Inspektor Stiwitz von 1762: Die Kolonie Friedrichsau östlich von Jübeck. Wenn Sie diesen Plan in ganzer Größe sehen wollen, genügt ein Mausklick auf den Plan. Es öffnet sich dann ein neues Fenster mit dem detaillierten Plan. Dieses Fenster müssen Sie selber schließen, um zu dieser Seite zurück zu kommen. |
1761 wurde nach Erichsens Plan begonnen,
die Oberdeutschen in den Ämtern Gottorf und Flensburg anzusiedeln. Es
folgten Kolonien im Amt Tondern. Bis 1764 wurden es zusammen 47. Die
kleinste "Am Königswege" bei
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Haus und Hof als Startkapital |
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![]() Das Kolonistenhaus aus Klappholz gehört zum zweiten, verbesserten Typ. Es wurde 1764 gebaut und steht heute im Schleswig-Holsteinischen Freilichtmuseum in Molfsee bei Kiel |
Auch in den Herzogtümern
mußten die Kolonisten, einquartiert bei Einheimischen, warten, bis sie auf
ihr Land konnten. Noch bevor die Höfe gebaut waren, zogen sie in Erdhütten,
um damit zu beginnen, die durchweg armen Böden zu bearbeiten. Zu jeder
Stelle gehörte ein Haus und ein "Kohlhof" (Garten), der mit einer lebenden
Hecke umfriedet wurde. Ausgestattet wurde jeder Hof mit zwei Ochsen für ein
Gespann, einer Kuh, zwei Schafen sowie dem notwendigen Futter bis zur ersten
Ernte. Dazu bekamen die Siedler eine Egge, einen Spaten und eine Hacke sowie
Saatgut. Zur Grundausstattung aller Heidestellen gehörte auch ein Pflug. Die
Moorkolonisten bekamen ihn erst, wenn sie das Land mit der Hacke "ackerreif"
gemacht hatten. Vier Ziegeleien entstanden in Hüsby, Engbrück,
Friedrichsholm und bei Hohn neu, um genügend Steine für den Hausbau zu
brennen. Nach einem standardisierten Muster wurden Häuser von acht mal zwölf
Meter erstellt. Es handelte sich um schlichte niederdeutsche
Fachhallenhäuser, die damit in weiten Teilen Schleswigs neben den dort
traditionellen jütischen, quergeteilten Geesthardenhäusern Einzug hielten.
Da deren Holzständerkonstruktion das schwere Reetdach frei trug, sparte man
an den nicht tragenden Außenwänden und baute sie nur einen Ziegel stark. Von
den sechs durch die senkrechten Holzrahmen vorgegebenen "Fächern" zu je etwa
zwei Meter wurden zwei für den Wohnteil mit Kammer und Küche abgeteilt. Nur
mit einem wollten sich die Oberdeutschen nicht abfinden: Sie protestierten
so lange, bis sie statt der damals im Norden üblichen offenen Feuerstelle
mit Rauchabzug unters Dach Öfen eingebaut bekamen. Die Kolonistenhöfe
gehörten damals deshalb zu den wenigen Bauernhäusern, die einen Kamin
hatten. Die Bauten mußten vor allem preiswert sein. Doch zu schwaches
Material und Pfusch führte schon 1762 zum Zusammenbruch vieler Häuser. Als
Folge entstand ein verbessertes Typhaus.
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Königliche Ortsnamen |
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![]() Nochmal die Kolonie "Friedrichsau" östlich von Jübeck: der König, seine Familie, Minister und Beamte standen Pate für die bis heute erhaltenen Namen. Wenn Sie diesen Plan in ganzer Größe sehen wollen, genügt ein Mausklick auf den Plan. Es öffnet sich dann ein neues Fenster mit dem detaillierten Plan. Dieses Fenster müssen Sie selber schließen, um zu dieser Seite zurück zu kommen. |
Die ersten Kolonien sind bis heute an ihrem Namen zu erkennen. Mit ihnen sollte dem absolutistischen König und seiner Familie gehuldigt werden. Entweder wurden sie nach dem König Friedrich V. (z.B. Königshügel, Königsberge, Friedrichswiese), seiner Frau (Julianenebene), seiner Tochter (Sophienhamm) oder seinem Sohn (Christiansholm, Prinzenmoor) benannt. Den Namen der zuletzt entstandenen Kolonien ist anzumerken, daß der Stolz auf das Projekt geschwunden war. Sie heißen nüchtern noch Neubörm oder Westscheide. Auch die einzelnen Kolonistenstellen erhielten besondere Namen. Die erste hatte immer einen Bezug zu Gott: “Gottes Schirm" (Königsberge) oder “Will's Gott" (Friedrichsholm). Andere wiesen auf die staatliche Symbolik hin, wie etwa “Drei Kronen" (Friedrichsholm). Sie konnten auch das Land beschreiben, wie “Heidestelle" (Friedrichsanbau) oder “Feucht Land" (Sophienhamm). Auch königliche Beamte wurden bedacht: “Bernstorffs Hof" (Friedrichsau). Andere Stellen hießen “Saurer Schweiß" (Christiansholm), “Potatos" (Königshügel) oder “Frauen Fleiß" (Friedrichsanbau). Die zuletzt vergebenen Stellen erhielten jeweils nur noch schlicht Nummern. |
Einheimische contra Kolonisten |
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| Auch auf der schleswigschen
Geest kam es wieder zu Spannungen. Die Einheimischen mußten mühsam überzeugt
werden, bevor sie sich vom Ödland trennten. Schwieriger noch war es, die
Einwände der Kolonisten auszuräumen. Sie fühlten sich getäuscht. Bei ihrer
Ankunft 1761/62 waren noch keine Stellen eingerichtet, so daß sie in den
umliegenden Orten untergebracht werden mußten. In den Ämtern Gottorf,
Flensburg und Tondern warteten im Oktober 1762 insgesamt 3.725 Personen auf
rund 900 versprochene Stellen. Juni 1763 wurde mit 3.808 Personen die
höchste Zahl erreicht. War es schließlich so weit, daß die Parzellen
ausgelost wurden, weigerten sich manche Kolonisten, sie auch in Besitz zu
nehmen. Besonders angesichts des mageren und tiefgründigen Moorbodens,
bestärkt noch durch die Einheimischen, in deren Augen der Boden nichts
taugte, wurde oft besseres Land gefordert. Die Obrigkeit versuchte der
Situation Herr zu werden. Sie verhängte Gefängnisstrafen gegen die
Beschwerdeführenden. Zudem begann sie jetzt auch, Parzellen an Einheimische
zu vergeben. Viele Oberdeutsche gaben darauf nach, um nicht ganz leer
auszugehen. Trotzdem hörte die Unruhe unter den Kolonisten nicht auf.
Geschürt wurde sie durch ständige Reibereien mit den Einheimischen. Deren
Angst, die Siedler könnten ihnen Einnahmequellen nehmen, trieb sie zu
allerlei Übergriffen. So wurden Torfstiche der Kolonisten zerstört, ihre
frisch angelegten Gärten verwüstet, und es kam zu Schlägereien.
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Die Pfälzer flüchten |
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![]() Bettelnde Kolonistenmutter aus Jütland von 1767 |
Am Ende scheiterte das
Projekt jedoch, weil die Höfe trotz alle Mühe die Kolonistenfamilien nicht
ernähren konnten. Neben dem Gemüse in den Kohlhöfen sollten als
anspruchslose Feldfrüchte Buchweizen, Roggen, Gerste, Hafer und die im
Norden neuen
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Die Gründe des Scheiterns |
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![]() Illustration von 1771, die Kolonisten davor warnen sollte, die Kartoffeln vor der Zeit zu ernten |
Obwohl durch straffere
Kontrollen noch einmal versucht wurde, das Projekt zu retten, wurde immer
deutlicher: die Kolonisation würde in einem Desaster enden. Die Gründe dafür
suchten die Verantwortlichen in Kopenhagen im Unwillen und Unvermögen der
Siedler. Doch die Ursachen lagen im Kern in den schlechten Heide- und
Moorböden. Sie waren mit den Kenntnissen und Hilfsmitteln der Zeit nicht zu
kultivieren. Den Kolonisten fehlte vor allem Dünger. Das war im 18.
Jahrhundert vor allem Viehdung. Doch um Mist zu erzeugen, benötigte man
Grünland. Um den Streit mit den Einheimischen nicht zu schüren, war es den
Kolonisten nicht erlaubt, das von den angrenzenden alten Dörfern
gemeinschaftlich als Allmende genutzte Weideland zum Gräsen und zur
Heuwerbung zu nutzen. Erichsen empfahl deshalb, den in den Kohlhöfen
anfallenden Abfall an das Vieh zu verfüttern und mit Kompost zu düngen. Der
reichte allerdings nicht. Auch war es schwierig für die Kolonisten, die
Moorböden durch Sand zu lockern. Ein zentrales Problem auf den Heiden war
auf vielen Flächen die steinharte Schicht etwa einen halben Meter unter der
Oberfläche. Dieser
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Das Ende des Projekts |
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![]() Die Karte zeigt die Kolonistensiedlungen auf der schleswigschen Geest. Wenn Sie diesen Plan in ganzer Größe sehen wollen, genügt ein Mausklick auf den Plan. Es öffnet sich dann ein neues Fenster mit dem detaillierten Plan der Kolonistensiedlungen. Dieses Fenster müssen Sie selber schließen, um zu dieser Seite zurück zu kommen. |
Nachdem Lüders‘ Erkenntnisse
der Regierung bekannt geworden waren, verlangte sie Ende 1764 von den
"Koloniesessionen" genaue Berichte. Sie fielen niederschmetternd aus: Von
den 408 Gottorfer Stellen wurden 254 als schlecht, 52 als mittelmäßig und
nur 111 als gut beurteilt. In den Ämtern Tondern und Flensburg böten nur
ganz wenige Stellen gute Möglichkeiten, die meisten hätten keine Aussichten
auf Erfolg. Überall mangele es an Dünger. Um den Kolonien zu helfen, sei
eine Summe von 81.000 Talern im Jahr 1765 notwendig. Von der Ansiedlung der
noch wartenden 82 Kolonistenfamilien rieten die Sessionen durchweg ab. Die
enorme Summe von 412.000 Taler hatte der dänische Staat bis dahin schon - im
Sinne des Wortes - in den Sand gesetzt. Deshalb wurde entschieden, keine
neuen Kolonien mehr anzulegen und die bestehenden nach kurzer Übergangszeit
sich selbst zu überlassen. Nachdem die zugesagten Tagegelder ausgezahlt
waren, blieb den Kolonisten als einziges Privileg nur die 20 steuerfreien
Jahre. Von den prognostizierten 4.000 Stellen waren nur um die 600 angelegt
worden, von denen knapp 500 dauerhaft bestehen blieben.
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Späte Lösungen
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| Die verbliebenen Kolonisten
schlugen sich mehr schlecht als recht durch. Zumindest für die Moorsiedler
gab es mit dem Handel mit
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| Jürgen Hartwig Ibs (TdM 0204/0404) Quellen: Christian Voigt, Die Kolonisierung der schleswigschen Heiden, 1760-65, in: ZSHG Bd. 26, 1896, S. 209ff.; Otto Clausen, Chronik der Heide- und Moorkolonisation im Herzogtum Schleswig (1760-1765), Husum 1981; H. Sievers, Die Moorkolonien in der Hohner Harde, in: Heimatkundliches Jahrbuch für den Kreis Rendsburg, 1957, S. 132ff.; Heimatbuch des Kreises Rendsburg, Rendsburg 1922, S. 771ff.; Christian Degn, Die Heide- und Moorkolonisation auf der schleswigschen Geest, GSH , Bd. 6, Neumünster 1960, S. 227ff.; Jürgen H.Ibs/Björn Hansen/Olav Vollstedt, Historischer Atlas Schleswig-Holstein - 1867 - 1954, Herausgeber Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, 2001, Neumünster, erschienen bei Wachholtz, ISBN 3-529-02446-5, Zum Lesen empfohlen; Christian Degn/Uwe Muuß, Topographischer Atlas Schleswig-Holstein, herausgegeben vom Landesvermessungsamt, 3. Auflage, Neumünster, 1966, Wachholtz-Verlag, www.wachholtz.de; Ulrich Lange (Hrsg.), Geschichte Schleswig-Holsteins - Von den Anfängen bis zur Gegenwart (SHG), 2. verbesserte und erweiterte Ausgabe, Neumünster 2003, Wachholtz Verlag, ISBN 3-529-02440-6, Zum Lesen empfohlen Bildquellen: Heide: Ditmarscher Museum für Vor- und Frühgeschichte in Heide; Karte 1762: SH Landesarchiv Schleswig (LAS); Haus: SH Freilichtmuseum Molfsee; Meßtischblatt: Landesvermessungsamt; Bettelnde/ Kartoffeln: aus Otto Clausen s.o; Karte: aus Christian Degn, SH eine Landesgeschichte - historischer Atlas, Wachholtz 1995 |