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Die regionale nationalsozialistische
Bewegung griff auf völkische Vorläufer zurück. Ihre Ansichten speisten sich aus
Antisemitismus, Nationalismus und Rassismus, aus der Ablehnung von Republik und Demokratie
sowie aus Ängsten vor der Moderne. Auf der anderen Seite wurden nationale Stärke und
Deutschtum, Führung und Ordnung, bäuerliche Scholle und Volksgemeinschaft propagiert,
die in den agrarisch geprägten Landesteilen früh zu rückwärtsgewandten Idealisierungen
führen. Bereits 1923 ein Gefolgsmann Hitlers, baute ab 1925 Gauleiter Hinrich Lohse,
selbst aus kleinbäuerlichem Milieu stammend, eine erfolgreiche Regionalorganisation der
NSDAP auf, die bald als "Mustergau" galt. Frühe Verankerung erreichte die NSDAP
in verängstigten Mittelschichten, bei Bauern, in Handwerk und Handel, geographisch in Dithmarschen
und in den Geestkreisen Rendsburg und Steinburg. 1928 erzielte die NSDAP in der Provinz
4,1 Prozent, in Dithmarschen 18 Prozent der Wählerstimmen. Sie verstärkte den
Parteiaufbau und die Landagitation, beerbte die "Landvolkbewegung" und lag
fortan bei Wahlen deutlich über dem Reichsdurchschnitt: 1930: 27 Prozent (auf Reichsebene
18,3 Prozent), Sommer 1932: 51,1 Prozent, (auf Reichsebene 37,3 Prozent). Schon 1932 begann die sogenannte
Gleichschaltung in der preußischen Provinz Schleswig-Holstein. Auslöser war dabei der
Altonarer Blutsonntag vom 17.7.1932, der zum Anlaß genommen wurde, die preußische SPD-Regierung abzusetzen. Schon drei Tage später wurde der Oberpräsident der Provinz entlassen und durch seinen national-konservativen Stellvertreter
ersetzt. Bereits die
Machtübernahme durch den Nationalsozialismus war von Terror gekennzeichnet: KPD, SPD
sowie Gewerkschaften wurden verboten und verfolgt; in "wilden
Konzentrationslagern" quälten SA-Leute politische Gegner. Namhafte Funktionäre
wurden ermordet. Radikalisierender Verfolgung ausgesetzt waren die Zeugen Jehovas und vor
allem die mit etwa 3.000 Angehörigen kleine jüdische Bevölkerung. In der
Reichspogromnacht am 9. 11. 1938 brannten die Synagogen in der ganzen Provinz; Juden
wurden verschleppt. Schließlich folgten Deportation und Ermordung jener, die nicht
emigrierten. Verwaltung, Polizei und Justiz gingen generell gegen Minderheiten und
Andersdenkende vor; über 3.000 Hauptverfahren eröffnete allein das Sondergericht.
"Asoziale" und Patienten der Psychiatrie wurden entwürdigt und ermordet.
Während des Zweiten Weltkrieges setzte man etwa 200.000 Verschleppte und Kriegsgefangene
in Landwirtschaft, Industrie und Mittelstand als Zwangsarbeitende ein. Schließlich
errichtete der NS-Staat in Kiel, Schleswig, Kaltenkirchen und Ladelund Konzentrationslager, in denen jeweils mehrere hundert Insassen
gewaltsam starben. Der organisierte Widerstand der Arbeiterbewegung wurde in den ersten
Herrschaftsjahren des Nationalsozialisten gebrochen, weiterer Widerstand ist jedoch
dokumentiert. 1943 verurteilte der Volksgerichtshof einen protestantischen und drei
katholische Geistliche aus Lübeck zum Tode. Gauleiter und Oberpräsident Lohse
wurde 1941 auch Reichskommissar im aus den besetzten baltischen Staaten sowie
Weißrussland gebildeten Reichskommissariat Ostland. Zusammen mit zahlreichen Partei- und
Verwaltungsangehörigen aus dem Heimatgau ist er dort in den Holocaust verstrickt gewesen.
Die Kehrseite der Gewalt wurde von der etablierten, mehrheitlich getragenen
nationalsozialistischen Volksgemeinschaft repräsentiert: Nach Selbstgleichschaltung von
Gesellschaft, Verbänden und Institutionen fanden in Bildungswesen, Wirtschaft, Kultur und
Gesellschaft "harmonische" Erfahrungen von Aufstieg und Gemeinsamkeit statt,
die, insbesondere bei jugendlichen, prägende Wirkung hinterließen. Erst in der Endphase
des Zweiten Weltkrieges setzte die Erosion der starken Zustimmung zum Regime ein. In einer
letzten Phase von Willkür, Gewalt und Fluchtbewegung endete die Herrschaft des
Nationalsozialismus im Mai 1945, während die Reichsregierung Dönitz in Flensburg-Mürwik
ihrer "Tätigkeit" nachging. Zur Bilanz der NS-Zeit gehören neben der in vielerlei Hinsicht zerstörten Heimat auch Hypotheken wie der Bevölkerungsanstieg durch
Flüchtlinge, das Nachwirken in mißglückter
Entnazifizierung und NS-Skandalen (
Heyde-Sawade-Affäre).
Uwe Danker (0802)
Quelle: Uwe Danker in "Schleswig-Holstein Lexikon", herausgegeben von Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt und Ortwin Pelc, Neumünster, 2000, Wachholtz Verlag,
www.wachholtz.de, ISBN 3-529-02441-4;
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