Pest - der schwarze Tod |
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Weltweite Pestwellen werden wie alle länder- oder
kontinentübergreifenden Seuchenwellen „Pandemien“ genannt. Die erste
erreichte das heutige Gebiet von Schleswig-Holstein 1350. Bis 1713 kam es –
wie in ganz Europa - immer wieder zu begrenzten kleineren Pestzügen. 19
sollen es nördlich der Elbe insgesamt bis zur letzten 1713 gewesen sein. Der
„Schwarze Tod“ wird als wesentliche Ursache der Krise des Spätmittelalters
angesehen. Ein Drittel bis zur Hälfte der
Probleme der PestforschungDer „Schwarze Tod“ begann seinen Zug 1342 in Zentralasien, erreichte Genua und breitete sich von dort auf fast alle Regionen Europas aus. Er endete 1353 in Rußland. Danach kam es überall in Europa immer wieder in Abständen von wenigen Jahren bis zu mehr als 40 Jahren zu kleineren Epidemien. Da der Pesterreger erst 1894 entdeckt wurde, besteht für Historiker das Problem, nicht eindeutig bestimmen zu können, ob es sich wirklich um eine solche Epidemie handelte. Denn als Pest werden in den Quellen alle möglichen Seuchen, ja sogar Hungersnöte bezeichnet, wenn nur eine auffallende Sterblichkeit vorhanden war. Die Pest wurde häufig als Strafe Gottes für begangene Sünden angesehen. Übertreibungen der Chronisten waren deshalb ein beliebtes Stilmittel, um den Lesern Schrecken einzujagen. Ortsangaben und Datierungen stimmen häufig nicht. So kann oft nur anhand von Quellen, die unbeabsichtigt hohe Todesraten verzeichnen, auf eine Seuche geschlossen werden. Dazu zählen etwa Nekrologien (Totenbücher) oder Steuerlisten. Ob es sich tatsächlich um die Pest gehandelt hat, kann dabei meistens nur angenommen werden. Auch die Bevölkerungsverluste, die mit historischen Methoden ermittelt werden können, helfen nur bedingt weiter. Oft liegen nur Erkenntnisse über die Sterblichkeit sehr kleiner Bevölkerungsgruppen vor, die zur Basis vager Schätzungen wurden. Auf dieser unsicheren Grundlage wurde angenommen, daß bei der Pandemie Mitte des 14. Jahrhunderts der Seuche ein Drittel bis zur Hälfte der Menschen in Europa zum Opfer gefallen sei. Die hohen Todesraten stimmen jedoch nicht mit den medizinischen Erkenntnissen überein, die an modernen Pestepidemien gewonnen wurden. Hier sind die Todesraten deutlich geringer. Für Historiker ergeben sich daraus drei Annahmen: Auch Vorgänge, die nichts mit der Krankheit zu tun hatten, wurden als Pest bezeichnet. Alternative: die Pest ist zusammen mit anderen Erregern aufgetreten oder – die dritte Variante - die Menschenverluste wurden zu hoch angegeben.
Die erste Epidemie ...
Schleswig-Holstein wurde 1350 vom Schwarzen Tod erreicht. Für
... und weitere PestwellenNach 1350 lassen sich die Epidemien nur örtlich nachweisen. So kann 1358 eine ansteckende Krankheit in Lübeck, Cismar und in den Besitzungen des Domkapitels Ratzeburg ihre Spuren hinterlassen, 1367-1369 in Lübeck, Preetz, Mölln, Ratzeburg und möglicherweise in Hadersleben. Weitere Jahre, für die sich lokal Seuchen nachweisen lassen, sind im Mittelalter 1375/76, 1387-89, 1396, 1406, 1420/21, 1439/40, 1448-1451, 1464, 1483, 1506, 1525-1529, 1537, 1537-39, 1548. Von 1350 bis zur letzten Epidemie in Schleswig-Holstein im Jahre 1713 läßt sich durchschnittlich etwa alle 15 Jahre eine Seuche belegen, die mit der Pest in Verbindung gebracht wird. Wenn sich die Sterblichkeit für kleine Gruppen überhaupt errechnen läßt, liegt sie immer weit unter den 30 Prozent, die von vielen Historikern für den Schwarzen Tod angenommen wird. Zu belegen sind nur zwischen drei und zehn Prozent. Über die flächendeckende Sterblichkeit läßt sich überhaupt nichts ermitteln.
Die wirtschaftlichen Folgen
Die hohen Verluste, die dem Schwarzen Tod zugeschrieben werden,
ließen manche Historiker umfangreiche Theorien über die wirtschaftlichen und
sozialen Folgen aufstellen. So soll es durch Erbschaften zu einer
Konzentration von Vermögen in den Händen weniger gekommen sein, durch den
Arbeitskräftemangel sollen die Löhne gestiegen sein und die geringe
Nachfrage soll zu einem Preisverfall bei Getreide geführt haben. Zudem soll
die Pest ganze Orte oder gar Gegenden entvölkert, sie „wüst“ gemacht haben.
Solche „Wüstungen“ hat es in großen Zahl im Mittelalter gegeben. Ob sie
allein von der Seuche ausgelöst wurden, muß skeptisch bewertet werden. Auch
ob die These stimmt, das Händler aus Kiel wegen des pestbedingten
Niedergangs des Getreidehandels sich im späten 14. Jahrhundert der Piraterie
(
Judenverfolgung ohne Juden
Mehr läßt sich über die kulturellen Folgen der Pest sagen, die
im Zusammenhang mit der Furcht vor dem Tod stehen. So beteiligte sich der
Lübecker Rat an einer von anderen Städten initiierten Judenverfolgung.
Überall im Reich wurden zu dieser Zeit
Mit „Hygiene“ gegen Pest
Pestordnungen, die aus anderen Regionen bekannt sind, sind
nördlich der Elbe nur wenige überliefert. Es scheint, daß sich erst
allmählich ein Denken und Verhalten entwickelte, daß nicht nur religiös auf
die Pest regierte, sondern auf tatsächlichen Erfahrungen mit der Seuche
beruhte. So galten nach einer Quelle von 1484 im Preetzer
Die Furcht um das SeelenheilMit jedem Seuchenzug wuchs erneut die allgemeine Furcht um das eigene Seelenheil. Häufig stieg in solchen Zeiten das Spendenaufkommen an Kirchen und Klöster. Die Gaben wurden mit der Pflicht verbunden, um das Seelenheil der Spender zu beten. So ist der Ausbau des Lübecker Franziskanerklosters aus solchen Geldern des Jahres 1350 bestritten worden. Bei anderen geistlichen Institutionen Lübecks lassen sich ansehnliche Grundstückszukäufe verzeichnen. Das Lütjenburger Kirchenbuch dokumentiert eine ganze Reihe von Spenden, die im Pestjahr 1464 getätigt wurden. Ein Teil der Beträge flossen in den1467 aufgestellten neuen Altar. Auch bestimmte Heilige wurden in Pestzeiten angebetet. Dazu zählt der Heilige Sebastian, der aber auch in anderen Notfällen helfen sollte. Ihm wurde mit anderen Heiligen ein neuer Friedhof der Stadt Kiel geweiht, der 1350 vor den Toren der Stadt entstand, weil der innerhalb der Stadtmauern überfüllt war. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde mit dem Heiligen Rochus ein besonderer Pestheiliger bedeutsam. Der norditalienische Heilige wurde in Deutschland besonders in Wien, Köln und vor allem in Nürnberg verehrt. Lübeck bildete ab 1488 eine weiteres Zentrum des Kults. 1511 gründeten dort Kaufleute eine Bruderschaft zur Verehrung dieses Heiligen. Von Lübeck aus verbreitete sich der Kult in Norddeutschland und nach Skandinavien. In Schlichting (Norderdithmarschen) wurde ihm eine Kapelle geweiht. Verehrt wurde er auch in Schleswig und in Oldenburg. Literarisch hinterließ der Braunschweiger Zollschreiber und Autor Hermann Bote ein Denkmal über die Pest. Er ließ seinen Helden Till Eulenspiegel in Mölln am Schwarzen Tod zu Grunde gehen. Jürgen Hartwig Ibs (TdM 0805)
Quellen: Jürgen H. Ibs, Die Pest in Schleswig-Holstein von 1350 bis 1547/48. Eine sozialgeschichtliche Studie über eine wiederkehrende Katastrophe, Frankfurt am Main, 1994 (Kieler Werkstücke, R. A, Beiträge zur Schleswig-Holsteinischen und skandinavischen Geschichte, Bd. 12). – Ders., Judenverfolgungen in den Hansestädten des südwestlichen Ostseeraums zur Zeit des Schwarzen Todes, in: Hansische Geschichtsblätter, 113. Jg., 1995, S. 27ff. – Birgit Noodt, Lübecker Material zur Wirkung der Pest im 14. Jahrhundert, in: Gedächtnis der Hansestadt Lübeck, FS A. Graßmann, hrsg. V. R. Hamel-Kiesow u. M. Hundt, Lübeck 2005, S. 55ff. - Heinrich Dormeier, St. Rochus, die Pest und die Imhoffs in Nürnberg vor und während der Reformation. Ein spätgotischer Altar in seinen religiös-liturgischen, wirtschaftlich-rechtlichen und sozialen Umfeld, in: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1985, S, 7ff. Bildquellen: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek (SHLB) |