Kaperer, Piraten, Barbaresken |
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![]() Die Köpfe enthaupteter Piraten wurden im Mittelalter zur Warnung und Abschreckung auf Pfähle gesetzt. Dieser wurde Ende des 19. Jahrhunderts bei den Gründungsarbeiten zur Speicherstadt gefunden. Heute ist man sicher er stammt von etwa 1400 - es könnte also der von Klaus Störtebeker sein. |
Kapern und Kapern waren zweierlei. Da gab
es das todeswürdige Verbrechen der Piraterie und das Kapern im staatlichen Auftrag.
"Ausliegen" nannte man es im Mittelalter. Die Kaperfahrt entstand aus dem
Unvermögen mittelalterlichen Staaten, ihre Untertanen vor Übergriffen auf See zu
schützen. Konnte ein Geschädigter seinen Verlust nicht wieder eintreiben, bekam er einen
"Repressalienbrief" und durfte sich auf eigene Faust für das erlittene Unrecht
entschädigen indem er auf Kaperfahrt ging. Auch konnten nur die wenigsten
mittelalterlichen Staaten eigene Kriegsflotten unterhalten. Die Herrscher warben deshalb
private Schiffseigener, stellten ihnen Kaperbriefe aus, die es ihnen erlaubten, auf
eigenes Risiko feindliche Handelsschiffe zu überfallen. Die Auslieger bildeten das Gros
der mittelalterlichen Kriegsflotten. Bei der Auswahl der sozusagen freiberuflichen
Verbündeten war man nicht besonders wählerisch. So gelang es durchaus auch Piraten in
den Besitz von Kaperbriefen zu kommen. Einige von ihnen sammelten sie sogar, um im Falle
ihrer Ergreifung die jeweils passende Legitimation aus der Tasche zu ziehen. Andere
Auslieger ignorierten einfach das Ende eines Krieges und machten weiter Beute, womit sie
nach damaligen Rechtsverständnis zu Piraten wurden. Die Hanse reagierte auf das Unwesen, indem sie ihre Handelsschiffe bewaffnete. Nahm die Kaperfahrt überhand, versuchten die Hansestädte, sich durch Fahrten im Konvoi zu schützen oder rüsteten selber Kriegsschiffe gegen die Piraten und Kaperer aus. Die wurden bezeichnenderweise "Friedeschiffe" genannt. Wegen der damit verbundenen hohen Kosten passierte das jedoch selten. Paßte es den Hansestädte in ihr Konzept, stellten sie ebenso freigiebig wie andere Kaperbriefe aus.
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Die Vitalienbrüder |
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![]() So hat man sich Klaus Störtebeker vorgestellt |
Wie fließend die Übergänge zwischen Kaperfahrt und Piraterie waren, zeigt das Beispiel von Goedecke Michels und Klaus Störtebeker. Beide stammten wahrscheinlich aus Wismar und wurden ab 1394 als Piratenhauptleute in der Ostsee bekannt. Ihre Karriere begann als Kaperfahrer mit Freibriefen aus Mecklenburg, die mit den skandinavischen Königreichen in Streit gekommen waren. Der begann, nachdem der dänische König Waldemar Atterdag 1375 verstorben war. Da er keinen männlichen hinterließ, war sein Erbe dem Sohn der älteren Tochter Ingeborg zugedacht, die mit Herzog Heinrich III. von Mecklenburg, dem Bruder des schwedischen Königs Albrecht, verheiratet war. Doch der dänische Adel entschied sich 1376 für den fünfjährigen Olaf, Sohn von Margarethe, der jüngeren Tochter Waldemars. Sie war mit dem norwegischen König Haakon VI. verheiratet. 1380 starb Haakon, Olaf wurde nun auch König von Norwegen. Als Olaf erst 16jährig starb, übernahm Magarethe 1387 beide Kronen selber. Die Mecklenburger Fraktion erklärte darauf Dänemark den Krieg, doch sie blieben zu Lande erfolglos. 1388 erhoben sich zudem die Schweden gegen König Albrecht, holten Margarethe ins Land und huldigten ihr als Regentin. 1389 war Albrecht geschlagen und gefangen. Nur noch die Stadt Stockholm mit ihrem hohen Anteil Deutscher hielt weiter zu Albrecht. In dieser Situation verlegten sich die Mecklenburger auf die Kaperei. Sie öffneten ihre Häfen allen, die bereit waren, auf eigene Kosten mit ihren Schiffen gegen die drei nordischen Reiche Krieg zu führen.
... im Dienste MecklenburgsDer Kaperkrieg wurde zunächst mit Erfolg betrieben. So gelang es den Ausliegern, die dänische Blokade zu durchbrechen und das belagerte Stockholm mit Lebensmitteln oder "Vitalien" (nach dem französischen "vitailleurs", wie die Fouriere im Hundertjährigen Krieg genannt wurden) zu versorgen. Die mecklenburgischen Kaperer waren fortan als "Vitalienbrüder" berühmt und berüchtigt. Doch auch Margarethe stellte Kaperbriefe aus. Auf der Ostsee begann ein hemmungsloser Kaperkrieg gegen alle Schiffe. Das hatte vor allem für den hansischen Handel katastrophale Folgen. Visby, Malmö und andere Orte wurden geplündert, die Schiffahrt auf der Ostsee kam fast völlig zum Erliegen. Angesichts dieser Lage verwundert es daher kaum, daß die Hansestädte, sofern sie Kaperfahrern habhaft werden konnten, diese ungeachtet ihrer Kaperbriefe nach dem biblischen Motto "Auge um Auge" oftmals wie gewöhnliche Piraten behandelten. Überliefert ist die Geschichte der Besatzung eines Stralsunder Handelsschiffes, die 1391 nicht nur einen Kaperangriff abwehren konnte, sondern auch eine große Zahl von Vitaliern gefangennahm. Die Stralsunder erinnerten sich, wie Kaperfahrer ihre Gefangene gerne transportierten. Sie schlugen so Löcher in die Böden von Fässern und stülpten sie dann den Kaperern über. Im Heimathafen angekommen, machte man sich nicht mehr die Mühe, die Gefangenen zu befreien und schlug ihnen gleich über dem Faßboden die Köpfe ab. 1392 war die Hanse gezwungen, den Verkehr mit Schonen einzustellen und "Friedeschiffe" zum Schutz der Kauffahrer auszurüsten. Innerhansische Konflikte verschärften die Situation. Die mecklenburgischen Hansestädte Wismar und Rostock standen loyal zu ihrem Landesherren. Sie wollten ihre Häfen nicht für die Vitalienbrüder sperren.
.... und auf eigene RechnungErst 1395 gelang es der Hanse unter Führung Lübecks, im Konflikt zwischen den drei skandinavischen Reichen und Mecklenburg zu vermitteln. Albrecht wurde für drei Jahre freigelassen, der Kaperkrieg eingestellt. Am Ende siegte Margarethe. 1397 gelang ihr die "Kalmarer Union". Ihr Großneffe Erich wurde vom Adel Dänemarks, Schwedens und Norwegens in Kalmar zum König der drei skandinavischen Reiche gekrönt. Die Vitalienbrüder scherte das alles wenig. Aus den Kaperern mit Freibrief wurden Piraten. Unter Leitung von Anführern wie Michael Goedecke und Klaus Störtebeker nutzen sie die Gunst der Stunde. Zwar waren alle Ostseeanrainer gegen die Piraten doch niemand koordinierte eine gemeinsame Jagd. 1396 gerieten sogar eine hansische und eine dänische Flotte von Friedeschiffen in einen erbitterten Kampf, weil man sich gegenseitig für die gesuchten Piraten hielt. Die Piraten trieben ihr Unwesen weiter und konnten 1397 die Insel Gotland erobern. Von dort ließen sich wichtige Ostseewege kontrollieren. Um den Seehandel der preußischen Städte und seine Stellung gegenüber Dänemark zu sichern, wurde der Hochmeister des Deutschen Ordens tätig. Er überfiel im Frühjahr 1398 Gotland und überraschte die meisten der Vitalienbrüder noch im Winterquartier. Zusammen mit Lübeck besorgten Friedeschiffe den Rest. 1400 war die Ostsee vorerst von der Seeräuberplage befreit.
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Flucht und Ende in der Nordsee |
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![]() Enthaupten war die Strafe für Piraten. Die Köpfe wurden zur Warnung zur Schau gestellt |
Einem Teil der Vitalienbrüder - darunter auch Goedecke Michels und Klaus Störtebeker - war es gelungen, in die Nordsee zu flüchten. Dort trieben sie vor allem von der Küste zwischen Dollart und Jadebusen aus erneut ihr Unwesen. In diesem Küstenabschnitt gab es keine Hansestädte, und die in Dauerfehden verstrickten friesischen Häuptlinge boten den als kampfkräftige Verbündete begehrten Vitalienbrüdern gerne Unterschlupf. Die Hansestädte wollten das nun in die Nordsee verlagerte Treiben nicht weiter hinnehmen. 1400 beschloß der Hansetag deshalb, ein Geschwader mit elf Schiffen und 950 Bewaffneten gegen die Vitalier auszurüsten. Die Hansestädte Hamburg und Bremen gingen auf eigene Faust auf Piratenjagd. Wahrscheinlich noch im Jahr 1400 gelang es dem Hamburger Ratsherren Hermann Lange und Nikolaus Schoke vor Helgoland, Klaus Störtebeker zu stellen. In dem Gefecht wurden 40 Vitalier getötet und 70 weitere - darunter Störtebeker - gefangengenommen und 1401 in Hamburg auf dem Grasbrook enthauptet. Ein Jahr später widerfuhr Goedecke Michels und seinen Kumpanen dasselbe Schicksal. Der Spuk der Piraterie hatte damit vorerst sein Ende. Die Vitalienbrüder waren weder die ersten noch die letzten Kaperfahrer, die im Mittelalter die Grenze zur offenen Piraterie überschritten. Politische und wirtschaftliche Rivalität sorgten während der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts im Nordseeraum für eine Atmosphäre der Unsicherheit. England und Frankreich standen im 100jährigen Krieg, 1438 bis 1441 lagen Holland und die Hanse im Streit, und als der beendet war, wollte Bremen, das neutral geblieben war, seine Schäden von den Holländern ersetzt haben. Als die nicht zahlten, stellte die Hansestadt Kaperbriefe aus. Noch im 16. Jahrhundert gab es Probleme mit Kaperern in der Ostsee.
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Ein anderes Kapitel: Barbaresken im Mittelmeer |
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![]() Niederländische Ansicht von Algier, einer der Hauptbasen der Barbaresken |
Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert waren die in Nordafrika ansässigen und nach den dortigen Berber-Stämmen benannten "Barbareskenkorsaren" die Geißel der Handelsschiffe aller Nationen im Mittelmeer, damit auch der Schiffe aus dem dänischen Gesamtstaat. Ihre Zentren waren Tripolis, Tunis, Algier und Sallée. Im 17. Jahrhundert fiel die türkische Oberhoheit, und es entwickelten sich Militärrepubliken, deren Volkswirtschaft vor allem auf Seeraub beruhte, um die Nahrungs- und Rohstoffbasis der Städte zu sichern. Drei Dinge interessierten die Barbaresken: Die Ladung, die aufgebrachten Schiffe selber als Materiallieferanten für Bauholz und vor allem die Besatzungen. Sie waren als Sklaven einer der lukrativsten Aspekte der nordafrikanischen Kaperei. Neben dem Verkauf von Arbeits- und Rudersklaven waren vor allem Fachkräfte, etwa Schiffszimmerleute, von Wert. Die Barbareskenkorsaren sahen sich nicht als Seeräuber an. Sie waren mit Kaperbriefen ausgestattet, ihre Stadtstaaten befanden sich im Kriegszustand mit den meisten europäischen Staaten. Sie fühlten sich zudem legitimiert, weil sie als Moslems gegen Christen, also für sie Ungläubige, operierten. Das schloß nicht aus, daß auch europäische Abenteurer und Renegaten als Kapitäne auf den schnellen und schwer bewaffneten Schiffen fuhren. So wurde der berühmteste Schiffstyp der Barbaresken, die Schebecke von einem flämischen Renegaten namens Simon Danser eingeführt. Diese Schiffe hatten noch unverkennbare Merkmale der Mittelmeergaleere, waren jedoch stärker gebaut, länger sowie stärker besegelt und bewaffnet. Sie galten als schnellste und wendigste Segler des Mittelmeeres und waren ausgesprochen seetüchtig. Dafür spricht auch, daß Kaperfahrten bis nach Irland und Island bezeugt sind. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden allein in Algier mehr als 20.000 christliche Sklaven verkauft. Ähnliche Zahlen werden für die übrigen Korsarenstädte angenommen. Das Schicksal der gefangenen Christen war meist entsetzlich. Die einzige Hoffnung, die Freiheit wieder zu gewinnen, bestand durch Freikauf. Die Sklaven konnten nur auf das Mitleid von Kaufleuten aus ihrem Heimatland oder ihren Heimatstädten hoffen. Hamburg, Lübeck und Kopenhagen richteten dafür sogenannte "Sklavenkassen" ein. 1721 wurde das Schiff des Flensburgers Baltzer Nissen von algerischen Korsaren aufgebracht und die Mannschaft versklavt. Die Angehörigen wandten sich an den Rat der Stadt. Doch die Kopenhagener Sklavenkasse war leer, die Stadt hatte kein Geld. Deshalb wurde an das Mitleid der Bürger appelliert. In zwei Jahren brachten sie 6.000 Mark auf, 3 300 Mark aus den Kollekten der Stadtkirchen kamen dazu. Über Mittelsmänner wurde der Freikauf organisiert. Am 31.12. 1723 wurde der Rat über die Freilassung von Baltzer Nissen und seiner Mannschaft unterrichtet. Trotz Bürgersinn und Sklavenkassen blieben die meisten Opfer der Kosaren bis zu ihrem Tod in der Sklaverei. |
![]() Mit Briggs, Fregatten und vor allem solchen "Schnaus" wurde die Mittelmeerfahrt aus den Herzogtümern betrieben |
Der Flensburger Fall weist jedoch auch
darauf hin, daß seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts auch kleine Seefahrtsnationen
zunehmend an der gefährlichen, aber lukrativen Mittelmeerfahrt Anteil hatten. Neben
Kopenhagen verfügten im dänischen Gesamtstaat in den Herzogtümern vor allem Flensburg,
Eckernförde sowie Altona über Handelsflotten mit seetüchtigen Briggs und Fregatten, die
bis nach Westindien und eben ins Mittelmeer Handel betrieben. Die Kauffahrtei nahm vor
allem Aufschwung, weil die dänische Flagge als neutral galt. Vor allem Reeder aus den
Herzogtümern stiegen so immer mehr in die lohnende Frachtfahrt ein. Sie fuhren nicht mehr
eigene Handelsgüter, sondern transportierten nun die Waren fremder Kaufleute. Seit Mitte
des 18. Jahrhunderts wurde der Danebrog auch im Mittelmeer zu einem alltäglichen Anblick.
Damit wuchs jedoch gleichzeitig die Gefahr durch die Barbaresken, obwohl ihre Kaperfahrt
ihren Höhepunkt schon überschritten hatte. Die dänische Regierung bemühte sich um
Abhilfe. Was König Christian VI. (1730 bis 1746) in den letzten Jahren nicht mehr
gelungen war, schaffte sein Sohn Friedrich V.: Er erreichte 1747 einen Frieden mit Algier.
Gegen eine jährlich zu zahlende Abgabe wurden fortan Schiffe unter dänischer Flagge
verschont. Ähnliche Abkommen gelangen mit weiteren Barbareskenstädten, mit Marokko, dem
türkischen Sultan, Genua sowie Neapel. Darauf nahm der dänische Mittelmeerhandel weiter
zu. 1757 wurde eine besondere Flagge für die Mittelmeerfahrt eingeführt. Der Danebrog
wurde durch eine Ligatur des dänischen Herrschernamens ergänzt. Die
"Monogrammflagge" sollte davor schützen, mit den Maltesern verwechselt zu
werden, die im ständigen Krieg mit den Barbaresken standen. Neben Seuchen und
Hungersnöten war es vor allem der Aufstieg der Seemächte Frankreich und Großbritannien,
der zum Niedergang der Barbaresken führte. Sie konzentrierten sich deshalb auf die
Schiffe kleinerer Nationen. Die Großmächte waren nicht unglücklich, daß die Korsaren
den Konkurrenten das Leben schwer machten. Nach der französischen Revolution und mit den
Ausbruch des französisch englischen Seekrieges gab es für die Schiffe aus den
Herzogtümern neue Risiken. Das Ende der Barbaresken kam erst 1816 durch den Angriff der
Briten auf Algier und nach 1830 durch die französische Kolonialisierung Nordafrikas. -Jann Markus Witt- (tdm0301) Tipp: Ab dem 23. März bis zum 2.September 2001 ist im Museum für Hamburgische Geschichte, Holstenwall 24, zum gleichen Thema die Sonderausstellung Gottes Freund - Aller Welt Feind zu sehen. Öffnungszeiten und weitere Hinweise unter www.HamburgMuseum.de Bildquellen: Schebecke und Schnau aus; "Allgemeines Wörterbuch der Marine, Band 4, Abbildungsband mit 140 Kupferstichen", Johann Hinrich Röding, Leipzig, 1798; Ansicht von Algier Schiffahrtsmuseum Flensburg; alle übrigen vom Museum für Hamburgische Geschichte |