Die Reichsgrafschaft Rantzau |
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![]() Idylle pur: die Zeichnung von 1852 zeigt das ehemalige Machtzentrum der Reichgrafschaft Rantzau. Die Allee führt auf den (damals allerdings schon umgebauten) Sitz der Reichsgrafen im Barmstedt |
76 Jahre, von 1650 bis 1726, bestand die
Reichsgrafschaft Rantzau. Das Kleinterritorium verfügte über eigenes
Münzrecht und war unmittelbar dem Kaiser unterstellt. Damit war es ein
Sonderfall in Nordelbien. Ein unbedeutender jedoch, denn mit einer Größe von
nur ein Drittel des späteren Kreises Pinneberg war das Gebiet nur ein
weiterer Punkt auf der ohnehin bunten politischen Landkarte zum Ausgang des
17. Jahrhunderts: der dänische König-Herzog und die
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Vorspiel eins: Die Rantzaus ... |
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![]() Mit dem Feldherrn Johann Rantzau begann der Aufstieg der weitverzweigten Familien Rantzau |
Die Rantzaus sind ein so bedeutendes
Niederadelsgeschlecht Holsteins und Schleswigs, daß die Landesgeschichte das
”lange” 16. Jahrhundert auch als ”Rantzau’sches Zeitalter” bezeichnet.
Tatsächlich prägten die beiden größten und bedeutendsten Rantzaus, Johann
(1492-1565) und sein Sohn Heinrich (1526-1598), aus der Stammlinie in den
Herzogtümern die Zeit des Umbruchs vom Mittelalter zur Neuzeit. Sie wirkten
als Königsberater, Heerführer, Statthalter und Humanisten. Beide waren mit
ihrem Stand ganz zufrieden – als Niederadlige konnten sie es mit manchem
Hochadligen in Europa aufnehmen. Die Rantzaus bestehen bis heute in sieben
Linien in Schleswig-Holstein, Dänemark und im übrigen Deutschland fort. Im
Mittelpunkt der Geschichte um die "Reichsgrafschaft Rantzau" steht der
Urenkel Johanns und Enkel Heinrichs, Christian Rantzau (1614-1663). Ihn
drängte es danach, seinen Stand zu erhöhen. Doch um zum Grafen aufzusteigen,
bedurfte es eines eigenen, nicht einem Landesherren unterstehenden
Territoriums. Das fand Christian in unmittelbarer Nachbarschaft zum größten
Besitz seiner Rantzau-Linie (Breitenburg bei Itzehoe) mit der Grafschaft
Pinneberg.
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... und zwei: Holstein-Pinneberg |
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![]() Heinrich Rantzau prägte seine Zeit als humansistischer Gelehrter und Diplomat
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Mit den Teilungen der
Grafschaft Holstein-Stormarn (
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Christian Rantzau ... |
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![]() Deckengemälde im Spiegelsaal von Schloß Breitenburg: Die Wappen des ersten Reichsgrafen Christian und seiner Frau Dorothea |
Christian Rantzau
(2.5.1614-8.11.1663) war der Sohn des Statthalters Gerd Rantzau (1558-1627).
Er besuchte 1627 bis1629 die Ritterakademie Sorø, machte 1631 seine "Grand
Tour" durch die Niederlande und Frankreich, begleitete Christian IV. 1635
auf seiner Norwegen-Reise. 1636 heiratete er die Tochter Detlev Rantzaus auf
Panker, Dorothea, die ihm die Güter Drage (nordwestlich von Itzehoe) und
Neuendorf (westlich von Elmshorn) mit in die Ehe brachte. 1640 wurde er
holsteinischer Landrat und Amtmann in
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... will Graf werden |
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![]() Der Gottorfer Herzog Friedrich III. verkaufte das Amt Barmstedt an Christian |
Die Grafenwürde war sowohl in
den skandinavischen Reichen als auch in Schleswig fremd. Nachdem Holstein
1474 zum
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.... und reist nach Wien |
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| Das Territorium war da – wie
jetzt an den Grafentitel kommen? Dazu bot eine Gesandtschaftsreise zum
deutschen Kaiser in Wien im Auftrage des dänischen Königs die Gelegenheit.
Im Frühsommer 1650 traf Christian Rantzau in der Kaiserstadt ein. Sein
Auftreten war überaus prächtig. 120 Personen Gefolge begleiteten ihn,
gekleidet in einheitlichen grünen Livréen; täglich fuhr er in zwei
sechsspännigen Karossen zu Hofe. Als Geschenk des Königs übergab er acht
völlig gleich aussehende Holsteiner Pferde, die auf seine Kosten in kostbare
Schabracken mit dem königlichen Wappen gehüllt waren. Kein Wunder, daß der
Kaiser diesem Gesandten freundlich entgegen kam – ihm war es um gute
Kontakte nach Dänemark zu tun. So wurde Rantzau zum kaiserlichen Kammerherrn
ernannt. Und er hatte darüber hinaus Zeit, mit Geschenken seine ganz
höchstpersönliche Rangerhöhung zu befördern. Schließlich war es so
geschafft: Am 16. November 1650 verlieh ihm der Kaiser Grafenwürde (Comitiv
und Palatinat) über sein Kleinterritorium. Das hieß nun "Reichsgrafschaft
Rantzau" und unterstand dem Reich unmittelbar. Daß der Herzog von Holstein
dazu seine Zustimmung gegeben hatte, war selbstverständlich.
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Reichsgrafschaft Rantzau |
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![]() Die sagenhafte und schon von Heinrich Rantzau in Auftrag gegebene Genealogie lieferte die "Zutaten" für das neue Reichsgrafenwappen Christians. Neben Elementen des Rantzauschen Familienwappens tauchen so auch Stücke aus sächsischen Wappen auf |
Damit war ein
Kleinterritorium mit eigenem Münzrecht und Hochgericht entstanden. Christian
durfte nun nicht nur Doktoren sowie ”poetae laureati” (bekränzte Dichter)
ernennen, er durfte auch zum Ritter schlagen und hätte auch sogenannte
Hofpfalzgrafen küren können. 1662 wurde die Grafschaft auch in die
"Reichsmatrikel" aufgenommen. Sie gehörte damit zum Niedersächsischen
Reichskreis und hatte für das Reichskontigent 4 1/3 Mann Kavallerie und 5
1/3 Mann Infanterie zu stellen. Christian war nun am Ziel seiner Wünsche.
Als Reichsgraf konnte er bei Reichstagen auf der "Wetterauer Grafenbank"
Platz nehmen. Im Gesamtstaat machte er gleichwohl weiter Karriere. 1661
wurde er dänischer Reichsrat, Oberstatthalter, Premierminister und Präsident
des Staatskollegiums, starb jedoch zwei Jahre später.
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Die zweite Generation |
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| Auf Christian folgte sein
Sohn Detlev Rantzau (1644-1697). Er heiratete 1664 Catharina Hedwig
Brockdorff. 1669 schloß er einen Testamentsvertrag mit Friedrich III., König
von Dänemark und Herzog von Holstein. Das Dokument bestimmte, daß die
Reichsgrafschaft an den König-Herzog fallen sollte, wenn es keine männlichen
Erben im Hause Rantzau mehr gäbe. Friedrich III. sicherte sich so ab. Dies
auch aus der Einsicht heraus, Detlevs Vater gegenüber wohl doch ein Stück zu
großzügig gewesen zu sein. Auch hatten sich die politischen Verhältnisse
geändert. Der Adel als Stütze des Königs hatte im
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Der Anfang vom Ende |
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| Als Detlef 1697 auf Drage
starb, folgte ihm sein Sohn Christian Detlev (1670-1721). Nach allem, was
über ihn bekannt ist, war er ein streitbarer und streitsüchtiger Mensch.
Zunächst überwarf er sich mit dem dänischen König Christian V. (1670-1699).
Er brach die Eheabsprache zwischen seinem Vater und dem norwegischen
Vizekönig Ulrich Friedrich Güldenlöwe. Er heiratete nicht dessen Tochter und
blieb auch die für diesen Fall vereinbarte Vertragsstrafe von 30.000
Reichstalern schuldig. Das ist angesichts der später entstandenen Verdachts,
er habe homosexuelle Neigungen, nicht weiter verwunderlich. Jedenfalls blieb
er ehe- und (soweit wir wissen) kinderlos. Nachdem es seitens des Herzogs zu
territorialen Übergriffen gekommen war, beschwerte sich Christian Detlev
beim Kaiser. Christian V. erboste das dermaßen, daß er ihm alle Ehrenämter
entzog.
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Die Gottorfer greifen ein |
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| Zahlreiche Konflikte mit
seinen Untertanen brachten noch einmal die Gottorfer ins Spiel: Freiherr von
Schlitz, genannt Görtz, regierte als Vormund für den unmündigen Gottorfer
Herzog Carl Friedrich (1702 - 1728). Und Görtz ließ sich auf ein
gefährliches Spiel ein: Im Dezember 1705 rückten 60 Gottorfer Dragoner in
die Reichsgrafschaft ein. Sie sollten auf Bitten Christian Detlevs dessen
rebellische Untertanen zur Räson bringen. Das taten sie und blieben. Januar
1706 boten die Gottorfer dem Reichsgrafen für das Kleinterritorium, was sein
Großvater 56 Jahre zuvor dafür gezahlt hatte, nämlich 201.000 Reichstaler.
Christian Detlev lehnte ab. Darauf nahmen im April gottorfische Beamte das
Territorium in Besitz und ließen die Untertanen dem Herzog von
Schleswig-Holstein-Gottorf huldigen. Die Turbulenzen – geprägt von Protesten
des Königs von Dänemark und des Kaisers – gingen erst nach der Niederlage
der Gottorf stützenden Schweden im Großen Nordischen Krieg (in
Schleswig-Holstein bis 1713) zu Ende.
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Kerker und Mord |
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![]() Der Gedenkstein im Voßlocher Wald erinnert an den Mord an Reichsgraf Christian Detlev |
Christian Detlev atmete auf
und verließ seine Besitzungen 1714, um sich in Berlin zu erholen. Dort wurde
er 1715 verhaftet und für fünf Jahre festgesetzt. Der Grund ist nicht ganz
klar – es scheint jedoch auch um den Vorwurf der ”Sodomie” (Homosexualität)
gegangen zu sein. Im Barmstedt übernahm sein fast 18 Jahre jüngerer Bruder
Wilhelm Adolf die Regentschaft. Er ließ sich nicht als Landesherrn huldigen,
wollte aber offensichtlich gern alleine weiter regieren. Deshalb zahlte er
an den preußischen König Friedrich Wilhelm I., damit der ältere Bruder in
Haft blieb. Das hatte aber keinen Erfolg. 1720 kehrte Christian Detlev über
Hamburg, wo er 50 Bewaffnete anwarb, nach Barmstedt auf das Haus Rantzau
zurück. Sein rauer Lebensstil setzte sich fort – die Untertanen wurden auf
vielfache Weise geschröpft, um seine stets leeren Kassen aufzufüllen. Sein
jähes Ende kam am 10. November 1721: Er wurde während eines Jagdausritts
nahe dem Haus Rantzau erschossen, sein Begleiter leicht verletzt.
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Ein Brudermord? |
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| War der Bruder Wilhelm Adolf
der Anstifter zum Mord? Diese Frage wird sich nicht mehr klären lassen.
Jedenfalls nutzte der Herzog von Holstein, König Friedrich IV. (1699-1730),
die Gunst der Stunde. Als Wilhelm Adolf nach Kopenhagen fährt, um die
Bestätigung seiner Lehen zu erhalten, wird ihm angedeutet, daß man ihn des
Brudermords verdächtige. Hals über Kopf flieht er nach Holstein, wechselt
sogar in Stellau seine gräfliche Kleidung gegen einfache Bauernkleidung und
begibt sich nach Hamburg. Das Gut Drage ist inzwischen von holsteinischen
Soldaten besetzt. Am 31. Mai 1722 wird der Reichsgraf mit einer List nahe
Pinneberg gefangen gesetzt und über Itzehoe nach Rendsburg geschafft. Dort
wird ihm und einer Reihe von Verdächtigen aus der Reichsgrafschaft der
Prozeß gemacht. Als Mörder Christian Detlefs wird im Juni 1725 der Leutnant
Detlev Prätorius (Sohn des Elmshorner Kirchspielvogts) zum Tode verurteilt
und geköpft. Die vermeintlichen Mitwisser und Helfer werden ausgepeitscht
und gebrandmarkt, um danach in lebenslange Karrenstrafe zu gehen. Im April
1726 ergeht die Strafe für den angeblichen Anstifter Wilhelm Adolf zu
lebenslänglichem Kerker (”ad perpetuos carceres”) und einer Strafe von
20.000 Reichstalern. Umgehend wird er nach Oslo auf die Festung Akershus
überführt. Seine Gattin Charlotta Luisa, eine geborene Gräfin von
Sayn-Wittgenstein, sieht er bis zu seinem Tode 1734 nicht wieder. Der
Testamentsvertrag von 1669 legte schließlich fest, daß das Territorium an
den Herzog fällt, wenn der Reichsgraf ohne Erben bleibt.
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Rückkehr nach Holstein .... |
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![]() Schloß Breitenburg heute |
Vom Tag der Urteilsverkündung
an wurde die Reichsgrafschaft durch den Herzog von Holstein verwaltet. Sie
direkt einzuziehen, traute sich Friedrich IV. nicht. Das Territorium war
immer noch reichsunmittelbar, der dänische König deshalb schon weit
gegangen, als er den Prozeß gegen den Reichsgrafen vor einem holsteinischen
Gericht hatte führen lassen. Das gesamte 18. Jahrhundert im Norden war
geprägt von der Reunion der seit dem 16. Jahrhundert geteilten Herzogtümer.
Dem König-Herzog lag es deshalb daran, das Kleinterritorium einzuziehen.
Dadurch bekommt der Rendsburger Prozeß gegen Reichsgraf Wilhelm Adolf einen
pikanten Beigeschmack. Die Geschichte der Reichsgrafschaft Rantzau endete
damit nach nur 76 Jahren 1726. Der Familie blieb wenig. Katharina Hedwig,
die Schwester der beiden letzten Reichsgrafen, mußte auf alle Ansprüche
verzichten. Sie durfte zwei der drei Lehngüter behalten, mußte jedoch die
mit 230.000 Reichstalern enormen Prozeßkosten tragen. Über sie und ihre
Tochter kam Breitenburg schließlich wieder an die Rantzaus auf Ahrensburg.
Als Administratur Rantzau überstand das Territorium das Ende des
Kaiserreichs. Es ging 1867 in dem neuen preußischen Landkreis Pinneberg auf.
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| Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt -LS-
(TdM 0704) Literatur: M.H.T. Rauert, Die Reichsgrafschaft Rantzau, Altona 1842 (Reprint: Elmshorn 1985) Bildquellen: Vignette/Rantzau: Staatsarchiv Hamburg; Johann und Heinrich: Schloß Breitenburg; Stich Breitenburg: Braun-Hogenberg, "civitates orbis terrarum"; Deckengemälde/Schloß Breitenburg/ Wappen: Foto Werner Junge; Friedrich III.: Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloß Gottorf |