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Am 24. Juli 1844 hatte das
"Schleswig-Holstein-Lied" seine Premiere beim Schleswiger Sängerfest.
Komponiert hatte es der Schleswiger Kantor Carl Gottlieb Bellmann, der uns heute bekannte
Text stammt von dem Advokaten Matthäus Friedrich Chemnitz (1815*). Er schrieb ihn nur
wenige Tage vor dem Volksfest. Den Ursprungstext hatte der Berliner Rechtsanwalt Karl
Friedrich Straß (1803 - 1864) geschrieben. Er hatte 1842 oder 43 bei einem Besuch
Bellmann kennengelernt. Als für das Sängerfest ein zündendes Lied gesucht wurde, taten
sich beide zusammen. Zur hymnischen Musik vom Bellmann schrieb der dichterisch begabte
Straß vier Strophen, die vor allem die Schönheit des Landes seiner Vorfahren priesen.
Die erste Strophe lautet:
Schleswig, Holstein, schöne Lande,
Wo mein Fuß die Welt betrat;
O, daß stets an eurem Strande
Keime wahren Glückes Saat!
Schleswig, Holstein, stammverwandt,
haltet fest der Eintracht Band!
Doch kurz vor dem Sängerfest empfand die einladende
Liedertafel den Text als zu harmlos. Die Stimmung war brisant. Die Sängerfeste waren auch
politische Veranstaltungen. Es war die Zeit des "nationalen Erwachens". Immer
schärfer wurde der Gegensatz innerhalb des dänischen
Gesamtstaats. Die Bewohner der
Herzogtümer fühlten sich mehrheitlich und immer stärker als Deutsche. Der Gegensatz
manifestierte sich vor allem in einem Kultur- und Sprachenstreit. Im nördlichen Teil
Schleswigs, wo vor allem die ländlichen Gebiete dänisch geprägt waren, wuchs der
Widerstand gegen die deutsche Sprache vor Gericht und in der Verwaltung. Es entstand die Dänische
Bewegung. 1840 wurde in Nordschleswig Dänisch als Amtssprache eingeführt. 1842 kam
es in der Ständeversammlung in
Schleswig zum Streit, weil der dänischgesinnte
Abgeordnete Peter Hiort Lorenzen sich auf Dänisch zu Wort meldete. Sein Ziel war es,
Dänisch neben Deutsch als zweite Amtssprache gleichberechtigt in ganz Schleswig
durchzusetzen. Der Vorfall hatte ein Nachspiel. Kurz vor dem Sängerfest hatte König
Christian VIII. zur Eröffnung der folgenden Ständeversammlung sein "allerhöchtes
Mißfallen" über den Streit der vorangegangenen Sitzung geäußert, der geeignet
gewesen sei, "das gegenseitige Vertrauen zu schwächen, durch welches das wahre Wohl
sämmtlicher unter Unserm Scepter vereinigten Lande bedingt werde". Die
Zurechtweisung wurde als ungerecht empfunden. In dieser Situation erschienen der
Liedertafel die Worte von Straß zu schwach. Der Rechtsanwalt Chemnitz schrieb deshalb
einen neuen Text mit sieben Strophen. Das Lied machte Furore, wurde bald im ganzen Land
gesungen und gehörte zum Repertoire für jede Drehorgel. Vom Ursprungstext behielt
Chemnitz nur die vorletzte Zeile "Schleswig-Holstein stammverwandt" und zwei
weitere Zeilen in der vierten Strophe bei. Hatte Straß noch, wie es staatsrechtlich
korrekt war, Schleswig und Holstein durch ein Komma getrennt, setzte Chemnitz einen
Bindestreich und meinte damit, daß Schleswig-Holstein ein eigenständiges Land sei.
Schleswig-Holstein, meerumschlungen,
Deutscher Sitte hohe Wacht.
Wahre treu, was schwer errrungen,
Bis ein schön'rer Morgen tagt!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Wanke nicht mein Vaterland
Die übrigen Kehrreime enden mit der Aufforderung,
"treu" zu bleiben, "festzustehen" und "auszuharren". Das
Ziel dieses Abwartens, das nicht genannt wird, war möglicherweise der Zusammenschluß mit
einem geeinten Deutschland. Vielleicht spielte der Text jedoch auch auf die Thronfolge an.
Diskutiert wurde damals im Falle eines Austerbens der männlichen Linie des dänischen
Königshauses die Herzogtümer aus dem dänischen
Gesamtstaat herauszulösen, um einen
eigenen Staat unter einem Herzog aus dem Haus Augustenburg bilden zu können. Vaterland
stand so damals auch nicht für Deutschland, sondern für Schleswig-Holstein, doch dieses
Land sei deutsch, sogar ein besonderer Bewahrer des Deutschtums, wie der zweite Vers der
ersten Strophe feststellt. Dem Begriff Deutsch werden "Tugend" und
"Treue" zugeordnet. Die vierte Strophe, die als einzige mit zwei Ursprungszeilen
beibehalten wurde, zeigt, daß Chemitz daran gelegen war zuzuspitzen.
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Gott ist stark auch in den Schwachen, |
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Wenn sie gläubig ihm vertraun; |
| Straß: |
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Und ein gut gelenkter Nachen |
| Chemnitz: |
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Zage nimmer, und dein Nachen |
| Straß: |
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Kann trotz Sturm den Hafen schaun |
| Chemnitz: |
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Wird trotz Sturm den Hafen schaun |
"Nachen" ist der poetische Begriff für
ein Boot. Die letzte Strophe von Chemitz beschreibt auf neue Art das angestrebte
staatsrechtliche Verhältnis der Herzogtümer zu Dänemark:
Teures Land, du Doppeleiche
Unter einer Krone Dach,
Stehe fest und nimmer weiche,
Wie der Feind auch dräuen mag!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Wanke nicht, mein Vaterland!
Eine Doppeleiche hat zwei Stämme, die aus einer
Wurzel wachsen, also "stammverwandt" sind. Ihre Kronen bilden wieder ein
gemeinsames Dach. Mit diesem Bild wird beschrieben, daß Schleswig und Holstein untrennbar
zusammengehören. Die Krone steht auch für den Landesherren, den Herzog von Schleswig und
Holstein, der Schutz gewährt. Nach dem Empfinden der damaligen Zeit hatte das Lied eine
"eingängige, ungemein zündende" Melodie, die im Stile der französischen
Revolutions- und Nationallieder komponiert wurde und für die Bellmann auch Anleihen bei
der Marseillaise machte. Das Schleswig-Holstein-Lied stieg dadurch bald neben dem Wappen und der Flagge zu einem
weiteren Nationalsymbol auf. Der vollständige Text (die Ziffern weisen auf heute nicht
mehr gebräuchliche Begriffe oder unbekannte Bezüge hin und werden am Ende erklärt):
Wanke nicht, mein Vaterland
Schleswig-Holstein, meerumschlungen,
Deutscher Sitte hohe Wacht,
Wahre treu, was schwer errungen,
Bis ein schön'rer Morgen tagt!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Wanke nicht, mein Vaterland!
Ob auch wild die Brandung tose,
Flut auf Flut von Bai (1) zu Bai,
O, laß blüh'n in deinem Schoße
Deutsche Tugend, deutsche Treu!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Bleibe treu, mein Vaterland!
Doch wenn inn're Stürme (2) wüten,
Drohend sich der Nord (3) erhebt,
Schütze Gott die holden Blüten,
Die ein milder Süd (3) belebt!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Stehe fest, mein Vaterland!
Gott ist stark auch in den Schwachen,
Wenn sie gläubig ihm vertrauen;
Zage nimmer, und dein Nachen
Wird trotz Sturm den Hafen schaun!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Harre aus, mein Vaterland!
Von der Woge, die sich bäumet,
Längs dem Belt am Ostseestrand (4),
Bis zur Flut, die ruhlos schäumet
An der Düne flücht'gem Sand (4)!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Stehe fest, mein Vaterland!
Und wo an des Landes Marken (5)
Sinnend blinkt die Königsau (4),
Und wo rauschend stolzen Barken
Elbwärts ziehen zum Holstengau (4)!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Bleibe treu, mein Vaterland!
Teures Land, du Doppeleiche
Unter einer Krone Dach,
Stehe fest und nimmer weiche,
Wie der Feind auch dräuen (6) mag!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Wanke nicht, mein Vaterland!
Die Begriffe, soweit nicht im vorhergehende Text
beschrieben, bedeuten:
(1)
"Bai" bedeutet Bucht.
(2)
"inn're Stürme" soll auf die Auseinandersetzungen innerhalb des Herzogtums
Schleswig um Deutsch oder Dänisch hinweisen.
(3)
"Nord" meint hier Nordwind und ist zu deuten als die Bedrohung durch dänische
Bestrebungen, das Herzogtum Schleswig in Dänemark einzuverleiben und damit von Holstein
zu trennen. Damit steht "Süd" als Bild für den wohltuenden Einfluß, der aus
Deutschland in die damals noch unter dänischer Landesherrschaft stehenden Herzogtümer
kommt.
(4) Wie
in der ersten Strophe des von Hugo Hoffmann von Fallersleben 1841 auf Helgoland
geschriebenen "Liedes der Deutschen" beschreibt Chemnitz hier die Ausdehnung von
Schleswig-Holstein von der Ostsee zur Nordsee (Das Bild dafür ist die Flut), von der
Königsau nördlich von Hadersleben (als damaliger Nordgrenze des Herzogtums Schleswig zum
dänischen Königreich), bis eben zur Elbe.
(5)
"Mark" ist ein Grenze, ein Grenzraum.
(6)
"dräuen" bedeutet drohen.
Henning Unverhau/ ju (0401)
Quellen: "Gesang, Feste und Politik" Deutsche Liedertafeln,
Sängerfeste, Volksfeste und Festmähler und ihre Bedeutung für das Entstehen eines
nationalen und politischen Bewußtseins in Schleswig-Holstein 1840-1848, Henning Unverhau,
2000, Frankfurt a.M., Verlag Peter Lang, ISBN 3-631-35674-9 ; "Das
Schleswig-Holstein-Lied", Dr. Adolf Moll, Wandsbek, 1936, Alster Verlag Hamburg
Bildquelle: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek (SHLB) |