Schleswig-Holstein von A bis Z

Sturmflut

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Küstenlinie um 900 n. Chr.

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Küstenlinie vor 1362

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Küstenlinie vor 1634

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Küstenlinie um 1800

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Küstenlinie um 1920

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Küstenlinie 2000

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Diese Animation zeigt, wie die Westküste sich seit 900 durch Sturmfluten und Deichbau veränderte

Steigt das Wasser an der Nordseeküste um mehr als einen Meter über den mittleren Tidehochwasserstand (MTHW), spricht man von einer Sturmflut. An der Ostsee, die kaum Einfluss durch die Gezeiten hat, bestimmen vor allem die Dauer und die Stärke des Windes, ob das Wasser vor einer Küste hoch gedrückt wird und eine Sturmflut entsteht. In der Nordsee, wo Sturmfluten weitaus häufiger auftreten, kommen die Gezeiten dazu. Sie entstehen durch die Massenanziehung des Mondes sowie der Sonne. Stehen Mond und Sonne in einer Achse zur Erde, addieren sich (bei Vollmond oder Neumond) die Kräfte zur so genannten „Springtide“, es kommt also zu besonders hohen Wasserständen.

Wenn Sonne, Mond und Erde in einem rechten Winkel zueinander stehen, wirken die Anziehungskräfte von Sonne und Mond in unterschiedliche Richtungen. Es entsteht die so genannte „Nipptide“ mit niedrigen Tidehochwasserständen.

Da die Erde sich in 24 Stunden einmal um ihre eigene Achse dreht, entstehen Fliehkräfte. Die sorgen für zweierlei: Die Gezeiten laufen wie riesige Wellen rund um den Erdball. Auf der gegenüberliegenden Seite der Erdkugel bildet sich zu dieser Flutwelle durch die Fliehkraft ein entsprechender “Flutberg”. Eine Tide (Ebbe und Flut) dauert, zwölf Stunden und 24 Minuten. Drei Faktoren führen zu einer Sturmflut: Die Fluthöhe (astronomisch bedingt), die Stärke des Windes sowie dessen Dauer. An der Westküste wird eine Sturmflut als “schwer” bezeichnet, wenn sie zwei Meter über MTHW liegt, als “sehr schwer” bei über drei Metern.

 

Historische Sturmfluten

Sturmfluten begleiten die Geschichte Schleswig-Holsteins. Die erste bezeugte Sturmflut war die “Julianenflut” vom 17.2.1164, die vor allem im heutigen Niedersachen Schäden anrichtete und die Entstehung des Jadebusens einleitete. Am 16.1.1219 folgte die “Marcellusflut”. Sie betraf vor allem Westfriesland, doch auch an der Westküste Schleswig-Holsteins ertranken rund 10.000 Menschen. Nach der “Luciaflut” vom 14.12.1287 (cirka 50.000 Opfer), kam am 16.1.1362 die “2. Marcellusflut”. Sie ging als “Große Mandränke” in die Geschichte ein. Der Chronist Anton Heimreich (1626 bis 1685) berichtet, dass die stürmische "Westsee" vier Ellen (etwa 2,4 Meter) über die höchsten Deiche gegangen sei, die Flut 21 Deichbrüche verursacht habe und der Ort Rungholt zusammen mit sieben anderen pfeil.gif (852 Byte) Kirchspielen in der Edomsharde (pfeil.gif (852 Byte) Utlande) untergegangen sei. Es seien – so vermutet Heimrich - 7.600 Menschen umgekommen. Die Chroniken sprechen von insgesamt 100.000 Toten. Eine Zahl, die heute übertrieben scheint. Diese Flut veränderte das Bild der Küste radikal. Wenn auch durch Priele unterbrochen gab es bis dahin eine Küstenlinie im heutigen Nordfriesischen Wattenmeer, die sich von Eiderstedt bis nach Sylt zog. Die „Erste Mandränke“ veränderte alles. Es blieben die Geestinsel Amrum und Sylt, Föhr mit Geest und Marsch und es entstand die große Marschinsel Strand. Auch bildeten sich als Folge pfeil.gif (852 Byte) Halligen. Die Flut hatte die pfeil.gif (852 Byte) Marschen zum Teil bis zum Geestrand (pfeil.gif (852 Byte) Geest) durchstoßen. Mit der zweiten Marcellusflut begann in Nordfriesland die Landgewinnung (pfeil.gif (852 Byte) Marschen/pfeil.gif (852 Byte) Deichbau). Weitere Sturmfluten folgten 1373, 1436, 1532, 1615, 1625. Am 11. Oktober 1634 folgte schließlich die “Burchardiflut”, die “Zweite Große Mandränke”. Allein in Nordfriesland sollen 9.000 Menschen in den Fluten umgekommen sein. Die Insel Strand wurde in Nordstrand und Pellworm zerrissen, die Halligen “Nieland” und “Nübbel” verschwanden. Über 1.300 Häuser, 28 Windmühlen und 50.000 Stück Vieh gingen nach Anton Heimreich durch den Untergang der Insel verloren. 1717, 1718, 1720 wurde die Küste von einer Serie von Sturmfluten heimgesucht. Die nächste kam erst 1756. Der 3./4.Februar 1825 sollte zur Jahrhundertflut des 19. Jahrhunderts werden. In Jütland brach die Nordsee zum Limfjord durch. In den Herzogtümern blieb sie vor allem als die “Halligflut” im Gedächtnis, weil dort besonders schwere Schäden zu beklagen waren. 1855, 1916, 1936 sowie die „Niedrigwasser Orkanflut“ von 1949 sind die Jahreszahlen der nächsten schweren Sturmfluten.

 

Die „Hollandflut“ als Wende

Die “Hollandsturmflut” vom 1.2.1953 wütete vor allem in den Niederlanden, durchbrach dort die Deiche an 67 Stellen und tötete 2.000 Menschen. Obwohl Schleswig-Holstein glimpflich davonkam, wurden in ihrer Folge entlang der Westküste 280 Kilometer Deiche verstärkt. Diese Arbeiten waren bei weitem nicht vollendet, als am 16./17.Februar 1962 die “Hamburg-Sturmflut” die Pegel auf 3,25 Meter über MTHW hochtrieb und allein in der Hansestadt die Deiche an 60 Stellen brachen und das Hochwasser 315 Menschenleben forderte. In Schleswig-Holstein war zwar kein Todesopfer zu beklagen, doch von den 560 Kilometern Festlandsdeichen wurden 70 Kilometer zerstört, 80 erheblich beschädigt und 120 mussten repariert werden. Die Deiche brachen im Uelvesbüller Koog auf Eiderstedt und dem unbewohnten Dockkoog vor pfeil.gif (852 Byte) Husum, in andere drang Salzwasser ein. Auf Sylt wurden bis zu 16 Meter tief ins Land Dünen abgetragen. Während die Deiche der Elbmarschen gehalten hatten, wurden auf Grund des Rückstaus Itzehoe, Elmshorn und Uetersen überschwemmt, weil die Flussdeiche der Stör nicht hielten und an Krückau sowie Pinnau ausreichender Deichschutz fehlte. Als Konsequenz dieser Sturmflut wurde ein Jahr danach der pfeil.gif (852 Byte) Generalplan Küstenschutz für Schleswig-Holstein verabschiedet. Dessen Maßnahmen steckten noch in den Anfängen, als am 23.2.1967 nach 1949 die “zweite Niedrigwasser-Orkanflut” mit den höchsten bis dahin gemessenen Windstärken (bis zu 14 Beaufort, das entspricht über140 km/h) eintrat. 1973 folgte eine Serie von Sturmfluten. Übertroffen wurden deren Wasserstände durch die “Jahrhundertflut” vom 3.1.1976. Sie lief 45 Zentimeter höher als die 1962er Flut auf und brachte die höchsten bis dahin gemessenen Pegelstände. Der auslösende “Capella-Orkan” war einer der stärksten der vergangenen 30 Jahre. Er erreichte in Büsum Windgeschwindigkeiten von zehn Beaufort und Spitzenböen von 13 Beaufort, was 145 Kilometer pro Stunde entspricht. Der ungeheure Winddruck staute die Wassermassen der Nordsee an den Deichen der Elbe und an der Westküste Schleswig-Holsteins auf eine bis dahin nicht erreichte Höhe über Normalnull (NN) an: in Hamburg zeigte der Pegel 6,45 Meter über NN, in Büsum 5,16 m und in Husum 5,66 m. Die Flut war die große Bewährungsprobe für die Deichverstärkung. Die verbesserten Deiche und die neuen Sperrwerke bestanden diese Probe. Die Deiche wurden war beschädigt, brachen jedoch nur im Dithmarscher Christianskoog, im Kehdinger Land und der Haseldorfer Marsch, wo sie noch im alten Zustand waren. Bei der höchsten Flut seit Menschengedenken kam jedoch kein Mensch ums Leben. Die Wasserstände der Jahrhundertflut wurden während der “Nordfrieslandflut” am 24. 11.1981 im Norden des Kreises erneut übertroffen. Größere Schäden blieben jedoch aus. Vom 26. bis 28.2.1990 folgte die bisher größte bekannte, unmittelbare Folge schwerer Fluten. Die Küste erlebte in den drei Tagen zwei Sturm-, zwei Orkanfluten und eine Windflut. In Büsum wurden Windgeschwindigkeiten von 162 km/h gemessen. Zu Schäden kam es allein beim Deich von Dagebüll sowie an den Steil- und Dünenküsten. Auf Grund der Klimaentwicklung wird befürchtet, dass der Wasserstand der Nordsee weiter steigt und Sturmfluten in Zukunft häufiger auftreten. Noch gibt es Reserven, um die Deiche weiter zu erhöhen. Doch setzten vor allem die unter der Marsch liegenden Moorlinsen Grenzen. Sie sind kaum noch weiter belastbar. Wachsen die Erdwerke der Deiche weiter, trägt der Untergrund das Gewicht nur noch bedingt. Klimaschutz, so die Deichbauer, sei deshalb heute auch Küstenschutz.

-ju- (0201/0702/0603/0508)

Quellen: Peter Wieland, Küstenfibel, Boyens & Co, 1990 [vergriffen]; Ute Wilhelmsen, Ebbe + Flut, Boyens & Co, 1999 www.buecher-von-boyens.de; Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt und Ortwin Pelc (Hrsg.), Schleswig-Holstein Lexikon, Neumünster, 2000, Wachholtz Verlag, ISBN 3-529-02441-4, Zum Lesen empfohlen (SHLEX); Korrigiert durch einen Hinweis von Jochen Marnitz vom 150108 durch Nachfrage beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Naturschutz und Umwelt in Husum durch Bernd Probst vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein in Kiel

Bildquellen: Grafik Sturmfluten: Björn Hansen; Mann auf Deich: Archiv der Gemeinde Pellworm; Grafiken Gestirne: nordwestreisemagazin

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