Theodor MommsenDer erste deutsche Literaturnobelpreisträger |
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![]() Theodor Mommsen um 1880 |
Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Heinrich Böll und zuletzt Günter Grass erhielten von der Schwedischen Akademie der Sprache den Literaturnobelpreis verliehen. Seit 1901 gibt es diese heute weltweit bedeutendste Auszeichnung für Schriftsteller. 1902 schon ging sie zum ersten Mal an einen Deutschen. Doch es war kein Literat, sondern - und das ist bis heute einmalig - ein Historiker. Knapp ein Jahr vor seinem Tod erhielt der in Garding auf Eiderstedt 1817 geborene Theodor Mommsen den |
Lebensstationen |
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![]() 1903 wurde in Garding eine Tafel enthüllt: "In diesem Hause wurde am 18. November 1817 Professor Theodor Mommsen geboren"
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Das Leben von Theodor Mommsen war eine Erfolgsgeschichte. Er stammte aus bescheidenen Verhältnissen und brachte es dank großer Begabung, mit Einsatz und Disziplin bis zum international verehrten Gelehrten. Dennoch blieb er bescheiden und zweifelte immer wieder an seiner Arbeit. Geboren wurde Mommsen an der schleswig-holsteinischen Westküste auf der Halbinsel Eiderstedt in der kleinen Stadt Garding. Dort war sein Vater Diakon (zweiter Pastor); 1821 übernahm er dieses Amt in Oldesloe. Vater Mommsen mußte seine Söhne zunächst selbst unterrichten. Von 1834 bis 1838 besuchte Theodor das Gymnasium Christianeum in Im April 1844 erhielt er ein Reisestipendium seines Landesherren, des dänischen Königs, das ihn über Paris nach Italien brachte, von wo er 1847 zurückkehrte. Ein Jahr später wurde er zum Professor für Römisches Recht an der Universität Leipzig berufen, weitere Stationen waren die Universitäten Zürich und Breslau, ehe er 1858 Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften wurde. Drei Jahre danach übernahm er an der Berliner Universität zusätzlich eine Professur für römische Geschichte. In Berlin stieg Mommsen zum international angesehen Gelehrten auf; Höhepunkt der Karriere war die Verleihung des Literaturnobelpreises 1902, knapp ein Jahr vor seinem Tod am 31.10.1903. Mommsen blieb neben all seiner Arbeit auch ein Familienmensch. Mit seiner Frau Maria Auguste hatte er nicht weniger als 16 Kinder. Obgleich er sich als Wissenschaftler und Politiker ein unglaublich großes Arbeitspensum auferlegte, kümmerte er sich um die Erziehung seiner Kinder. So sorgte er dafür, daß auch seine Töchter einen Beruf erlernten, was seinerzeit die große Ausnahme war. |
Die "Römische Geschichte" |
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![]() Prätorianer |
Den Literaturnobelpreis erhielt Mommsen für das Buch "Römische Geschichte". Zwischen Sommer 1854 und Frühjahr 1856 waren die drei Bände erschienen. Sie behandeln die Geschichte Roms von den Anfängen bis zum Mord an Caesar. Das Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und liegt inzwischen in 17. Auflage vor. Dieser Erfolg fußt auf Mommsens unvergleichlicher Art, lebendig und engagiert zu schreiben. Er hat in dem Buch die römische Geschichte in die Sprache seiner Zeit übersetzt: Der Konsul ist "Bürgermeister" geworden, der Feldherr "General", die Flotte ist die "Kriegsmarine", ihr Kommando obliegt dem "Admiral". Es gibt bereits "Fabrikanten" und "Fabrikarbeiter", "Ingenieure" und "Büropersonal". Mommsen schildert die Geschichte der römischen Republik aus liberaler Perspektive: Bürgerliche Freiheit und nationale Einheit suchte er auch im antiken Rom. Das Leben Caesars bildet den Höhepunkt der "Römischen Geschichte": stilistisch, im künstlerischen Aufbau und ebenso in der geistigen Konzeption. Caesar, der Eroberer Galliens, der Reformer und Diktator, der an den Iden des März 44 vor Christi ermordet wurde, war für Mommsen das Vorbild eines gerechten Bürgerkönigs, den er sich so sehr für das Deutschland des 19.Jahrhunderts wünschte. Die "Römische Geschichte" ist zugleich intellektuell brillant als auch allgemein verständlich. Die Kombination dieser Qualitäten erklärt ihren großen Anklang in der Öffentlichkeit. |
Der Wissenschaftler |
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![]() Eine kleine Familienfeier im Hause Mommsen, Charlottenburg, Marchstraße 6/8
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Mommsen ist die Forscherpersönlichkeit des 19. Jahrhunderts, die entscheidend dazu beigetragen hat, daß sich die Alte Geschichte innerhalb der modernen Geschichtswissenschaft zu einer weitgehend selbständigen Teildisziplin entwickelte. Eine Hauptleistung Mommsens ist die Veröffentlichung zahlreicher Quellen, besonders die von ihm systematisch erschlossenen lateinischen Inschriften. Diese in Stein, Metall oder auf anderen festen Materialien überlieferten Texte dienten in der Antike verschiedenen Zwecken, als Grabinschrift genauso wie zur Bekanntgabe von Gesetzen. Der Wert der Inschriften ist unermeßlich groß. Sie sind der Schlüssel, um das religiöse, wirtschaftliche und alltägliche Leben der Antike zu erschließen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lagen zwar schon etliche Abschriften von Inschriften gedruckt vor, es existierte auch ein Wust ungedruckter Aufzeichnungen, und viele Inschriften waren noch gar nicht entdeckt. Bereits während seiner Italienreise 1844 bis 1847 nahm Mommsen selbst an entlegenen Orten zahlreiche Inschriften auf. Und seit seiner Tätigkeit an der Preußischen Akademie der Wissenschaften (ab 1858) bemühte er sich um die systematische Publikation aller lateinischen Inschriften im "Corpus Inscriptionum Latinarum" (CIL). Mommsens Arbeitseinsatz war enorm, er selbst gab fünf Bände heraus und konnte dank seines Organisationstalents zahlreiche Schüler und Mitarbeiter sowie ausländische Wissenschaftler für die Arbeit am CIL gewinnen. Wie bei seinen anderen Quellenpublikationen knüpfte er auch hier von der Preußischen Akademie aus ein weitgespanntes Netzwerk von Forschern und Instituten, das eine zügige Edition der Inschriften ermöglichte. Neben seiner Tätigkeit als Herausgeber und Wissenschaftsorganisator schrieb Mommsen noch eine kaum übersehbare Zahl von Aufsätzen sowie einige große zusammenfassende Werke, wie z.B. die drei Bände des "Römischen Staatsrechts". Bis heute prägt seine vorbildliche quellenkritische Forschung die Geschichtswissenschaft. Liberaler Politiker und JournalistMommsen war auch ein streitbarer Zeitgenosse. Als Politiker und Journalist bewies er Zivilcourage. Als sich die deutschen "Schleswigholsteiner" im Revolutionsjahr 1848 gegen den dänischen
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Späte Resignation |
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![]() Resignation am Lebensende: Portrait Mommsens gemalt 1897 von Franz Lenbach (1836 - 1904) |
Am Ende seines Lebens resignierte Mommsen. In seinem Testament von 1899 schrieb er verbittert: "In meinem innersten Wesen, und ich meine mit dem Besten was in mir ist, bin ich stets ein 'animal politicum' gewesen und wünschte ein Bürger zu sein. Das ist nicht möglich in unserer Nation". Mommsen litt darunter, daß die Deutschen am Ende des 19. Jahrhunderts unter Kaiser Wilhelm II. mehr und mehr dem nationalen Machtgedanken und dem Imperialismus huldigten und immer weniger bereit waren, die staatsbürgerlichen Freiheiten und Rechte zu sichern. Er schrieb jedoch auch: "Ich habe in meinem Leben trotz meiner äußeren Erfolge nicht das Rechte erreicht." Mommsen litt zuweilen unter Depressionen, die ihn wochenlang nicht arbeiten ließen. Möglicherweise forderten der unermüdliche, pausenlose Arbeitseinsatz, mit dem Mommsen in der Alten Geschichte so viel erreicht hatte, ihren Tribut, zumal auch er erkennen mußte, daß noch so viel zu tun sei. Thomas Hill (TdM 1102) Tipp: Am 10. Dezember 2002 wird das einhundertjährige Jubiläum der Verleihung des Literaturnobelpreises an Theodor Mommsen begangen, der 31.November 2003 ist der 100jährige Todestag von Mommsen. Die Mommsen-Initiative Schleswig-Holstein nimmt diese beiden Jubiläumsdaten zum Anlaß, an diesen bedeutenden Historiker, Gelehrten, Literaten und Politiker zu erinnern, der die ersten 30 Jahre seines Lebens in Schleswig-Holstein verbrachte. Die Initiative koordiniert die Veranstaltungsangebote verschiedener Einrichtungen und Vereine zum Mommsen-Jubiläum und hat selbst Aktivitäten initiiert. Ansprechpartner und alle aktuellen Termine finden Sie unter: www.mommsen-initiative.de Literatur: Theodor Mommsen: Römische Geschichte, München 2001 (dtv-TB); Zu Mommsen ist intensiv geforscht worden. Hier seien nur die drei wichtigsten einführenden Werke genannt: Alfred Heuss: Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert, Kiel 1956, Neudruck: Stuttgart 1996;Joachim C. Fest: Wege zur Geschichte. Über Theodor Mommsen, Jacob Burckhardt und Golo Mann, 2. Aufl., Zürich 1993, S.27-70; Stefan Rebenich: Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2002. Bildquellen: Mommsen 1880: Schiller Nationalmuseum/Deutsches Literaturarchiv, Marbach; Geburtshaus: Stadt Garding; Familie: Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung; Prätorianer: Mertens Illustrierte Weltgeschichte, Berlin, Verlag Peter J. Oestergaard; Im Arbeitszimmer: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek (SHLB); Resignation: Schiller Nationalmuseum/Deutsches Literaturarchiv, Marbach |