Uwe Jens Lornsen
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![]() Das Titelblatt der bei Mohr gedruckten Ausgabe |
Ein kleines Heftchen mit nur 14 Seiten störte am 5. November
1830 die Idylle des dänischen
Die Vorgeschichte des Jahres 1830
Ende des 18. Jahrhunderts änderte sich für die Menschen in
Europa die Welt. Geistig war es die Aufklärung, politisch die französische
Revolution, die bis hoch in den Norden in das Leben der Menschen eingriffen.
Faktisch waren es vor allem zwei Prozesse, die sich bis in die kleinste Kate
auswirkten. Einmal wuchs die Welt über den Nahbereich hinaus. Die
Kommunikation von Nachrichten und Waren erlebte ihre erste Revolution und
löste damit die bis dahin auf das unmittelbare Umfeld konzentrierte
Lebenswelt auf. Und: das weitgehend genossenschaftlich organisierte
ländliche Zusammenleben in der Feldgemeinschaft begann sich durch die
Lornsen und die „vaterländische Geschichte“ |
![]() Nikolaus Falck prägte den Studenten Lornsen |
Uwe Jens Lornsen erlebt das alles aus der Ferne. Anfang 1830
ist er Beamter in Kopenhagen. In der Schleswig-Holsteinisch-Lauenburgischen
Kanzlei macht er Karriere. Eigentlich wollte der Keitumer wie sein Vater
Kapitän werden. Doch die
Heimkehr aus Kopenhagen
1830 bewarb sich der inzwischen zum Kanzleirat und Kontorchef
aufgestiegene Lornsen für die Stelle des Landvogts auf der heimischen Insel
Sylt. Sein Ziel war es Ruhe zu finden, um wissenschaftlich arbeiten zu
können. Er wolle sich damit – wie er einem Freund schrieb – auf eine
schriftstellerische Tätigkeit vorbereiten, die „für eine größere Sphäre, als
unsere Herzogtümer darbieten, von Bedeutung werden kann“. Gegen den Willen
seines Vaters bekam er die Stelle. Am 19. Oktober 1830 traf er mit dem
Postdampfer aus Kopenhagen in Kiel ein. Dort machte er Station, traf sich
mit Freunden an der
„Nur der König und der Feind sey uns gemein“ |
![]() Dieses Portrait von Lornsen schmückte die Innenseite der Flugschrift |
Lornsen schrieb zwar von der Vision, aus Schleswigholstein eine der blühendsten Provinzen Deutschlands zu machen, forderte jedoch nicht, die Herzogtümer aus dem dänischen Gesamtstaat herauslösen, wie es ihm später zugeschrieben wurde. Allerdings verlangte er einen radikalen Umbau des noch absolutistisch regierten Landes. Die Herzogtümer begriff er dabei als Einheit und schrieb deshalb auch „Schleswigholstein“ in einem Wort. Für dieses „Schleswigholstein“ forderte er eine weitestgehende Eigenständigkeit. Der Gesamtstaat sollte in einen Doppelstaat umgewandelt werden, nur noch „König und Feind“ gemeinsam sein, also: Der Landesherr, die Außen- und die Verteidigungspolitik und folglich zum Teil auch die Finanzen. Für sein „Schleswigholstein“ forderte Lornsen eine Repräsentativverfassung. Das Parlament sollte – nach norwegischem Vorbild – aus zwei Kammern bestehen und gesetzgebende Funktion haben. Dem König billigte Lornsen ein absolutes Veto zu. Der durch Besitz und Stand gebildete legislative Apparat mit seinen zwei Kammern erscheint nach heutigem Verständnis kompliziert und wenig demokratisch. Er bedeutete 1830 jedoch einen großen Fortschritt. Der Verwaltungsreformer LornsenLornsen war ein hochbegabter Verwaltungsjurist. So beginnt sein „Verfassungswerk“ auch mit Grundsätzen zum künftigen Verwaltungsaufbau. Wichtigster Punkt ist ihm, die verworrene Finanzstruktur aufzulösen, um die Staatsfinanzen transparent und kontrollierbar zu machen. Er forderte zudem, Justiz und Verwaltung zu trennen, und eine eigene Regierung für die Herzogtümer zu schaffen. Nur so könne das bisher „fade und öde“ öffentliche Leben im Staate und damit die Kraft desselben belebt werden. Lornsen traf damit den Nerv. Die Institutionen des dänischen Staates waren auch für damalige Verhältnisse hoffnungslos veraltet und in Europa nicht mehr wettbewerbsfähig. Die Wirtschaft war dadurch gelähmt, ein damals „Wohlfahrt“ genannter allgemeiner Wohlstand nicht zu erreichen.
Lornsen wird verhaftet
Am 5. November 1830 berichtet Lornsen seinem Chef, dem
Kanzleipräsidenten Graf Carl Moltke, über seine Motive und schickte ihm eine
Flugschrift nach Kopenhagen. Der hatte jedoch schon drei Tage vorher von
seinen Kieler Aktivitäten erfahren und angeordnet, Lornsen solle
schnellstmöglich sein neues Amt antreten, „möge er auf Sylt seinen Spaß
treiben. Weniger schädlich konnte er nirgends sein“. Am 13. November traf
Lornsen auf der Insel ein. Doch da – so berichtete der Amtmann von Tondern –
agitierte er weiter. Am 23. November schließlich wird Lornsen verhaftet. Das
geschah, ohne das sich im Land Mißmut oder Widerstand zeigte. Anfang 1831
wurde er vom Oberkriminalgericht Gottorf zu einem Jahr Festungshaft
verurteilt. In der
Flucht und Freitod1832 war die Haft verbüßt. Uwe Jens Lornsen hätte danach die Karriere als Jurist, Politiker oder Jurist offen gestanden. Doch er flüchtete nach Brasilien. Es war eine Flucht vor sich selber. Lornsen war ein schwer kranker Mann. Er litt unter dem Wahn, er leide an übel riechenden Hautausschlägen, die ihn für seine Umwelt unerträglich machten. Sein Leben war begleitet von – so Zeitzeugen – dem „Konflikt eines lebenslustigen Temperaments und eines schweren Gemütes“. Obwohl seine Ärzte keine Hauterkrankung feststellen konnten, flüchtete er nach Südamerika. Er hoffte, das heiße Klima und die Schwefelquellen in Rio de Janeiro, würden ihn von seinen Qualen befreien. Doch auch dort wurde er aus seinen wohl manisch-depressiven Leiden nicht erlöst. Und in einer solchen Phase nahm er sich nach seiner Rückkehr nach Europa am 11. oder 12. Februar 1838 in Bellerive bei Genf das Leben, nachdem ihn die Nachricht vom Tod seiner Schwester erreicht hatte, die auch schwermütig war und Selbstmord begangen hatte.
Artikel 13 und erste Reformen |
![]() Nur eines der Probleme des Gesamtstaats: die Karte zeigt deutlich die zersplitterte Struktur der Verwaltung in den Herzogtümern. Bitte klicken Sie auf die Karte, um ein neues Fenster zu öffnen. Es wird eine vergrößerte Ansicht der Karte angezeigt. |
Lornsen hat wesentlich dazu beigetragen, im dänischen
Gesamtstaat ein Bewußtsein zu wecken, daß es Zeit für Reformen war. Mit ihm
war schon ein Beauftragter von Kopenhagen angereist, um die Lage in den
Herzogtümern zu erkunden. Sie war schlecht. So gab es als ersten Schritt
Steuererleichterungen, Zuschüsse und Handelserleichterungen, um
wirtschaftliche Not vor allem an der Westküste abzuwenden. In der Folgezeit
wurden auf den mittleren und höchsten Ebenen Justiz und Verwaltung getrennt.
Es wurden ein Oberappellationsgericht und eine Regierung für die Herzogtümer
geschaffen. Was blieb, war das Problem des Artikels 13 der Bundesakte. Das
Herzogtum Holstein gehörte zum Deutschen Bund. Und der hatte 1815
festgelegt, daß landständische Verfassungen gewährt werden sollten. 1830 war
dieses Übereinkommen gegenüber dem dänischen König erneut bekräftigt worden.
Es war ein Problem für die dänische Politik. Wurde sie für Holstein
eingerichtet, nahm das Herzogtum eine Sonderstellung im Gesamtstaat ein. Die
„Schleswigholsteiner“ forderten sogar eine gemeinsame Verfassung. Damit
würde nicht nur Holstein aus dem dänischen Staatsverband gelöst. Es wurde
eine diplomatische Lösung gefunden. Sowohl für Holstein (in Itzehoe) als
auch Schleswig (in der Stadt Schleswig) wie auch für Jütland (in Viborg) und
die dänischen Inseln (in Roskilde) wurden von 1831 an eigene
Lornsen als Held und Märtyrer
Schon sein Freitod 1838 wurde von seinen politischen
Weggefährten heroisiert. Für seine Freunde war kein schwerkranker Mann
gestorben, sondern ein Held des Vaterlandes. Auch während der
schleswig-holsteinischen
Nichts weiter als eine FliegeLornsen hatte nie gefordert, Schleswig-Holstein von Dänemark zu trennen. Da er stark beeindruckt war von der deutschen Einheitsbewegung, ist zu überlegen, ob sein Vaterlandsbegriff vor allem die Deutsche Nation betrifft oder doch nicht eher friesisch und schleswigholsteinisch zu verstehen ist. Unabhängig davon, wie der Mythos Lornsen nach dessen Tod gewirkt hat, war er einer der weniger Reformern, deren Ideen unmittelbar gewirkt haben. Unstrittig ist nämlich, daß seine Kritik umfangreiche Umbauten im dänischen Gesamtstaat ausgelöst haben. Die kamen freilich zu spät und konnten das Streben nach Nationalstaatlichkeit nicht mehr aufhalten. Er selber hat sein Wirken bescheiden und dabei durchaus zutreffend eingeschätzt. In einem Brief aus der Rendsburger Festungshaft schrieb er: „Ich bin nichts weiter gewesen als die Fliege, welche sich auf dem Gipfel des Schneebergs niedergesetzt und damit eine Lawine in Gang gebracht hat.“ |
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Werner Junge (TdM 1205) Quellen: Uwe Jens Lornsen, Ueber das Verfassungswerk in Schleswigholstein, Kiel, 1830, C.F. Mohr, Nachdruck mit einer Nachschrift von Alexander Scharff, 1980, herausgegeben von der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte; Johannes Jensen, Nordfriesland in den geistigen und politischen Strömungen des 19. Jahrhunderts (1797-1864), Lizenzausgabe der Quellen und Forschungen Band 44, herausgegeben von der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, 1961, Neumünster durch das Nordfriisk Instituut, Bredstedt/Bräist, 1993, ISBN 3-88007-214-0;Ulrich Lange (Hrsg.),Geschichte Schleswig-Holsteins - Von den Anfängen bis zur Gegenwart (SHG), 2. verbesserte und erweiterte Ausgabe, Neumünster 2003, Wachholtz Verlag, ISBN 3-529-02440-6, Zum Lesen empfohlen; Manfred Jessen-Klingenberg ind Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt und Ortwin Pelc (Hrsg.), Schleswig-Holstein Lexikon, Neumünster, 2000, Wachholtz Verlag, ISBN 3-529-02441-4, Zum Lesen empfohlen; Christian Degn, Schleswig-Holstein - eine Landesgeschichte – Historischer Atlas, 2. Auflage, Neumünster, 1995, Wachholtz-Verlag, www.wachholtz.de; Johannes Jensen, Zwei „Sylter Riesen“ im 19. Jahrhundert – Uwe Jens Lornsen und Schwen Hans Jensen, Bredstedt/Bräist, 1998, Nordfriisk Instituut; Thomas Steensen, Im Zeichen der neuen Zeit – Nordfriesland 1800 bis 1918, Bredstedt/Bräist, 2005, Nordfriisk Instituut Bildquellen: Vignette/Titelblatt/Protrait: Nachdruck der Schrift „Ueber das Verfassungswerk in Schleswig-Holstein“, 1830 Kiel, C.F.Mohr des Gesellschaft für Schleswig-holsteinische Geschichte (GSHG) 1980; Falck: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Kiel; Gesamtstaat: (nachkolorierte) Karte von H.H. Hennings aus Ulrich Lange (Hrsg.),Geschichte Schleswig-Holsteins - Von den Anfängen bis zur Gegenwart |
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