VicelinKirchenvater im Norden |
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![]() Vicelin. Kupferstich 1590 nach einem verlorenen älteren Bild |
Vicelin (um 1090 bis 1154),
Missionar und Bischof, gilt bis heute als Heiliger und wird als der „Apostel
der
Zwei vergebliche AnläufeUnter den deutschen Königen
und Kaisern war seit dem 9. Jahrhundert damit begonnen worden, das Land
nordöstlich der Elbe zu kolonisieren und zu christianisieren. Doch 963 brach
das bis dahin Erreichte in einem großen Slawenaufstand zusammen. Erst ein
Jahrhundert später kam es unter dem Hamburger Erzbischof Adalbert von Bremen
(um 1000*/ Erzbischof 1043-1072) zu einem erneuten Anlauf. Als bedeutender
Fürst seiner Zeit wollte Adalbert ein mächtiges Patriarchat errichten. Es
sollte sich bis nach Skandinavien erstrecken und die slawischen Gebiete
Ostholsteins und Mecklenburgs einbeziehen. Doch Adalberts Sturz als
Reichsfürst war das Signal für einen neuerlichen Aufstand der
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Die Mission beginnt |
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![]() Westslawische Stämme in Nordelbien vor der deutschen Besiedlung |
Erst mehr als ein
Menschenalter später reichten die Kräfte aus, um in zwei Feldzügen von
1138/39 und 1147 die slawischen Stämme so sehr zu schwächen, daß sie der
Kolonisation und Mission kaum noch etwas entgegenzusetzen hatten. Durch den
Hamburger Erzbischof Hartwig I. von Bremen wurden die untergegangenen
Bistümer Oldenburg, Mecklenburg und Ratzeburg neu begründet. Sie blieben
jedoch vorerst unbesetzt, weil das Recht Bischöfe einzusetzen, das
Investiturrecht, ungeklärt war. Darum stritten der deutsche Kaiser und der
sächsischen Herzog. Erst 1154 übertrug Kaiser Friedrich I. „Barbarossa“ (um
1122*/ 1152 -1190) das Recht der Investitur von Bischöfen in den wendischen
Grenzgebieten auf seinen Vetter, den bayerischen und sächsischen Herzog
Heinrich den Löwen (um 1129*/ Herzog 1142-1180/1195). Dieser verlegte das
Oldenburger Bistum 1160 nach
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Lehr- und Wanderjahre |
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![]() Erzbischof Adalbert von Bremen
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Geboren um 1090 in Hameln,
stammte Vicelin aus einer sächsischen Familie. Nach dem frühen Tod seiner
Eltern wurde er von einem Onkel erzogen, der Geistlicher war und zunächst in
einem Dorf bei Hameln und später dann auf einer Burg unweit von Holzminden
seinen Dienst versah. Das prägte Vicelin. Nach mehrjährigem Unterricht an
der Domschule in Paderborn wechselte er nach Bremen, denn es ist belegt, daß
er dort von 1118 an als Lehrer („Scholaster“ - das heißt Vorsteher) an der
Domschule tätig war. Dies war sein erster Kontakt mit dem Erzbistum
Hamburg-Bremen. Um seine theologischen Studien zu vertiefen, ging Vicelin
1122 nach Frankreich. Dort entwickelte sich zu dieser Zeit ein neues
Verständnis von Wissenschaft und insbesondere der Theologie, die sogenannte
„Scholastik“. Ein Zentrum war die Domschule von Laon, einer Bischofsstadt in
der Picardie, an der sich Vicelin längere Zeit aufhielt. Er setzte sich dort
mit neuen Methoden auseinander, die Bibel auszulegen. In Frankreich stieß
Vicelin auch auf jene kirchlichen Reformideen, die das 12. Jahrhundert
nachhaltig geprägt haben. Sie führten dazu, daß sich neue geistliche
Gemeinschaften bildeten, die an Stelle der benediktinischen auf die Regel
Augustins zurückgriffen (
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Mission in Nordelbien |
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![]() Rekonstruktion der mittelalterlichen Kirche St.Bartholomäus in Neumünster ... |
Noch 1126 begann Vicelin
seine Arbeit. Bereits nach wenigen Monaten nötigten ihn jedoch politische
Machtkämpfe um die Nachfolge des Abodritenfürsten Heinrich, vorerst
aufzugeben. Er ging nach Westen in das Siedlungsgebiet der Holsaten. Hier im
Grenzgebiet zwischen Holsaten und Slawen, in „Wippendorf im Gau Faldera“ am
Südrand des heutigen Stadtkerns von
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Hilfe vom Kaiser |
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![]() .... so könnte St.Bartholomäus in der frühen Neuzeit ausgesehen haben
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Vicelin traf 1134 Lothar III.
von Süpplingenburg (1075*/ König 1125, Kaiser 1133-1137). Er regte an, den
strategisch bedeutsamen Segeberger Kalkberg zu befestigen. Der Kaiser griff
die Idee auf. Unter dem Schutz der neuen Burg ließ Vicelin 1135 eine Kirche
und ein Stift errichten. Von Segeberg – der „Siegburg - aus missionierte er
nun im slawischen Siedlungsgebiet. Dessen alte Strukturen wurden immer mehr
durch aus Sachsen und den Niederlanden zuziehende Siedler aufgebrochen. Es
kam deshalb dauernd zu Streit und Gewalt. Das gefährdete unter anderem den
Missionsstützpunkt in Alt-Lübeck, der schließlich 1138 vernichtet wurde.
Zeitgleich war durch den Tod Kaiser Lothars III. eine unsichere politische
Situation entstanden. Das nutzten die Wagrier und griffen Segeberg an. Dabei
brannten sie auch die kirchlichen Gebäude nieder. Doch schon im folgenden
Winter schlug Heinrich von Badwide als Graf von
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Vicelin der Kirchenbauer |
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![]() Heinrich der Löwe mit seiner zweiten Frau Mathilde. Ausschnitt aus dem Braunschweiger Evangeliar Heinrichs um 1170 |
Die Lage beruhigte sich erst
nach 1142. Im Streit zwischen den Staufern und den Welfen um das Erbe
Lothars III. konnte Heinrich der Löwe in diesem Jahr seinen Anspruch als
sächsischer Herzog durchsetzen. Fortan strebte der noch jugendliche Welfe
danach, sein Herzogtum zu sichern, auszubauen und nach Osten zu erweitern.
Erneut setzte er den nach dem Tod des Kaiser vertriebenen
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Politische Rückschläge |
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![]() Ansveruskreuz aus dem 15. Jahrhundert in Einhaus bei Ratzeburg |
Der „Wenden-“ oder
„Slawenkreuzzug“ von 1147 führte erneut zu schweren Rückschlägen für die
Missionsarbeit. Propagiert hatte ihn Bernhard, Abt aus dem französischen
Clairvaux (1090/91-1153). Wie andere Kreuzzüge brach er vor allem durch
Rivalitäten unter den Kreuzfahrern zusammen und bescherte den Wenden sogar
einige strategische Erfolge. Folgenreicher war jedoch, daß der seit 1148 als
Nachfolger Adalberos amtierende Hamburger Erzbischof Hartwig I. beschloß,
das Bistum Oldenburg neu zu errichten. Er tat das ohne Absprache mit dem
Herzog und weihte Vicelin 1149 zum Bischof. Da Heinrich der Löwe jedoch das
Recht der Investitur für sich in Anspruch nahm, kam es zu Streit. Der zog
sich jahrelang hin und belastete auch noch Gerold, Vicelins Nachfolger im
Bischofsamt. Unmittelbare Folge für Vicelin war, daß die Landesherrschaft
ihm zunächst jegliche Hilfe beim Ausbau seines Bistums versagte. Erst als es
Heinrich dem Löwen Ende 1150 im Kampf um seine Stellung als bayerischer
Herzog geraten schien, empfing Vicelin „das Bistum durch den Stab aus der
Hand des Herzogs“. Gleichzeitig erhielt er das Dorf Bosau am Plöner See.
Hier, wo vielleicht schon einmal – zweihundert Jahre zuvor – ein slawisches
Heiligtum durch eine christliche Taufstätte ersetzt worden war, legte
Vicelin den Grundstein für eine Kirche. Ihre ursprüngliche Anlage mit einem
rundem Grundriß deutet auf ein wehrhaftes Gebäude hin. Ob dort eine
Bischofskirche entstehen sollte, erscheint deshalb fraglich. Bosau sollte
vermutlich eher ein Rückzugsort für Vicelin sein.
Vicelins EndeDie Lage im Sprengel von Vicelin blieb trostlos. Er verwaltete und visitierte ihn von Neumünster aus. Nominell war Oldenburg sein Bischofssitz. Doch dort fiel die christliche Predigt kaum auf fruchtbaren Boden. Im Frühsommer 1152 hielt sich Vicelin ein letztes Mal in Oldenburg auf. Über Bosau kehrte er nach Neumünster zurück. Dort erlitt er eine Woche später einen schweren Schlaganfall, durch den er die Sprache verlor. Fortan konnte Vicelin sein Bischofsamt nicht mehr ausüben. Nach zweieinhalb Jahren auf dem Krankenlager starb er am 12. Dezember 1154. Seine sterblichen Überreste wurden zunächst in Neumünster beigesetzt und 1332 in die Klosterkirche zu Bordesholm überführt. Sein Grab ist seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr nachweisbar. Als seinen Nachfolger bestimmte Herzog Heinrich der Löwe 1154 seinen Braunschweiger Hofkaplan Gerold. Er setzte ihn gegen den Widerstand des hamburg-bremischen Erzbischofs Hartwig I. ein und ließ ihn durch Papst Hadrian IV. in Rom weihen. Bischof Gerold amtierte von 1155 bis 1163, zunächst in Oldenburg, seit etwa 1160 in Lübeck.
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„Chronica Slavorum“ |
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![]() Kirche von Bosau |
Vicelins Geschichte ist vor
allem durch die Slawenchronik, die „Chronica Slavorum“, überliefert.
Niedergeschrieben hat sie Helmold von Bosau (um 1120 bis um 1180). Er
stammte wahrscheinlich aus der Gegend um Goslar und begegnete Vicelin
vermutlich erstmals, als er von Klosterbrüdern in Segeberg unterrichtet
wurde. Lebensstationen Helmolds sind Braunschweig, Neumünster, Segeberg,
Missionsstationen in Wagrien und schließlich Bosau. Dort setzte ihn um 1156
Bischof Gerold als Pfarrer ein. Zwischen 1167/68 sowie 1171/72 schrieb
Helmold die zwei Bücher der Slawenchronik mit insgesamt 110 Kapiteln. Es ist
die bis heute wichtigste Quelle über die Anfänge der deutschen Siedlung und
christlichen Missionierung im Nordosten. Darüber hinaus ist die
Slawenchronik eine zentrale Fundstelle über die Geschichte Heinrichs des
Löwen und natürlich Vicelins. Mit ihm fühlte sich Helmond auf das engste
verbunden. So veranschaulicht die „Chronica Slavorum“ auch die
Persönlichkeit, den Glauben und Lebenskampf Vicelins. Er gilt als der
„Apostel der Wagrier“, dies, obwohl er die Christianisierung der Slawen
selbst nicht mehr erleben konnte.
Das Erbe VicelinsHeute führt das Bistum mit Sitz in Lübeck die von Vicelin begründete Tradition fort. 2004 gedenkt die Kirche im Norden des 850. Todestages eines ihrer „Kirchenväter“. Sein Vermächtnis lautet „Mission“, das bedeutet: Wirken unter denen und das Gespräch mit denen, die ihre christlichen Wurzeln verloren oder nicht ausgebildet haben. Wolf Werner Rausch (TdM 1104)
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Literatur: Helmold von Bosau: Slawenchronik, neu übertragen und erläutert von Heinz Stoob. Mit einem Nachtrag von Volker Scior, 6. Aufl., Darmstadt 2002, Freiherr-vom-Stein-Gedächtnis-Ausgabe, Reihe A, Bd. 19, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, ISBN 3-534-00155-3; Uwe Albrecht, Artikel „Heiliger Vicelin“, in: Glauben. Nordelbiens Schätze 800-2000 (Ausstellungskatalog), Hrsg. Johannes Schilling, Neumünster 2000, S. 41f., Wachholtz Verlag, ISBN 3-529-02846-0; Holger Hammerich, Mission und Stiftsbewegung: Ein Beitrag zur Würdigung Vicelins, in: Zwischen Regionalität und Globalisierung. Studien zu Mission, Ökumene und Religion, Hrsg. Theodor Ahrens, Ammersbek bei Hamburg 1997, S. 445-466, Perspektiven der Weltmission. 25, ISBN 3-861-30050-8; Lorenz Hein, Anfang und Fortgang der Slawenmission, in: Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte, Band I, Anfänge und Ausbau Teil I, Neumünster 1977, S. 105-145, Wachholtz Verlag, ISBN 3-529-02826-6; Ulrich Hoppe, Vicelin. Gottesmann jenseits von Ruhm und Macht. Eine historische Hagiographie neu gelesen, Husum 1999, Verein für katholische Kirchengeschichte in Hamburg und Schleswig-Holstein, Beiträge und Mitteilungen. 6; Ulrich T.G. Hoppe, Vicelin: Heiliger jenseits von Ruhm und Macht, Hrsg. Erzbistum Hamburg, August 2004; Friedhelm Jürgensmeier, Artikel „Vizelin“, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Hrsg. Traugott Bautz, 12. Bd., Herzberg 1997, Sp. 1545-1547, Verlag Traugott Bautz, ISBN 3-88309-068-9; Johannes Schilling, Artikel „Witzelin“, in: Theologische Realenzyklopädie, Hrsg. Gerhard Müller, Bd. 36, S. 260-264, Berlin/New York, Verlag De Gruyter; Vicelin um 1090 bis 1154 – Missionar und Bischof in Ostholstein und Lübeck. Hrsg. im Auftrag der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche von Wolf Werner Rausch. Kiel, Nordelbisches Kirchenamt 2004 Bildquellen: Vignette/Vicelin/Erzbischof/Kirche Neumünster/Kreuz: Archiv Kirchenkreis Neumünster; Karte: nachkolorierte Karte von Erwin Raeth; Heinrich: Herzog-August-Bibliothke, Wolfnbüttel; Kirche Bosau: Kirchengemeinde Bosau |