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Zwangsarbeit und Krankheit

Die später unter dem Begriff Zwangsarbeiter zusammengefaßten Ausländer stellten während des Zweiten Weltkrieges in Schleswig-Holstein bis zu einem Viertel aller Arbeitskräfte. Mit Ausnahme der in der Sowjetunion zur Arbeit gezwungenen „Ostarbeiter“ waren die Zwangsarbeiter wie deutsche Arbeitnehmer pflichtkrankenversichert, die große Mehrzahl bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen. Gemäß der NS-Ideologie lag das Hauptinteresse allein darin, die Arbeitskraft zu erhalten und maximal auszubeuten. Bis zur Wende des Krieges im Winter 1942/43 wurden erkrankte Zwangsarbeiter schon nach zwei bis drei Wochen in ihre Heimat zurückgeschickt, „da sich der Arbeitseinsatz nicht lohnt“. Erst als der „Nachschub“ knapp wurde, wurde die Zeit auf bis zu acht Wochen ausgedehnt. Auch wurde erst nun geregelt, daß „Ostarbeiter“ überhaupt in Krankenhäusern behandelt werden durften. Insgesamt stiegen die Kosten damit zwangsläufig, und es kam verstärkt zu Differenzen zwischen Kassen und Behörden. Die medizinische Versorgung bei den niedergelassenen Ärzten muß nach der Quellenlage als schlecht gelten. Kriegsbedingt gab es ohnehin zu wenig Mediziner. Die Kassenärzte sortierten nun oft rassenideologisch und stellten die Hilfe für die „Ostarbeiter“ ganz nach hinten. Sie reagierten damit auch auf Beschwerden von Deutschen, die sich darüber mokierten, im gleichen Wartezimmer mit Zwangsarbeitern sitzen zu müssen. Separiert wurde auch in den Krankenhäusern, wo wiederum nach „rassischem Wert“ abgestuft, Polen und „Ostarbeiter“ in „Polenbaracken“ untergebracht wurden. Nach den Krankenblättern der AOK wurde jedoch in den Krankenhäusern im Gegensatz zu den Arztpraxen nach einheitlichem medizinischen Standard behandelt. Trotzdem blieben die Zwangsarbeiter benachteiligt, weil sie oft zu spät krankgeschrieben und zu früh entlassen wurden und stärker unter der harten Arbeit, mangelhaftem Arbeitsschutz sowie schlechter Ernährung zu leiden hatten. Nach der nationalsozialistischen Ideologie hatte auch die Medizin eine neue Aufgabe. Sie sollte nicht mehr das Individuum, sondern den „gesunden Volkskörper“ in den Mittelpunkt stellen. Im Gegensatz zum persönlichen Schicksal wurde deshalb die Seuchenprophylaxe mit großem behördlichen Eifer begleitet. Die „Volksgesundheit“ war vor allem durch das aus dem Osten eingeschleppte Fleckfieder bedroht. Zudem führten die schlechten hygienischen Zustände in den Zwangsarbeiterquartieren zum vermehrten Auftreten von Tuberkulose und anderer von Mangel ausgelösten Krankheiten.

-ju- (0102)

Hinweis: Auf Initiative der AOK-Schleswig-Holstein hat das Institut für Zeit- und Regionalgeschichte an der Universität Flensburg in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Fulda die bundesweit erste historische Analyse zur medizinischen Versorgung von Zwangsarbeitern vorgelegt. Die Ergebnisse liegen jetzt auch als Buch vor (Siehe Quelle)

Quelle: Uwe Danker, Annette Grewe, Nils Köhler, Sebastian Lehmann (Hrsg.), Wir empfehlen Rückverschickung, da sich der Arbeitseinsatz nicht lohnt – Zwangsarbeit und Krankheit in Schleswig-Holstein 1939-1945, Bielefeld, 2001, Verlag für Regionalgeschichte, ISBN 3-89534-426-5